HANNES UND ICH VII

Der Duft von Lavendel

Im Eingang des ÖFB-Pressezentrums steht ein riesiges Plakat, das Robert Palfrader, Herbert Prohaska und Ivica Vastic zeigt. Die drei Männer mittleren Alters haben sichtlich Freude daran, als Werbefiguren für den Verband auftreten zu dürfen. Bei Prohaska und Vastic ist das sofort einsichtig, denn sie sind ehemalige Kicker, der eine analysiert für den ORF Spiele, der andere trainierte im abgelaufenen Spieljahr die Mannschaft von Mattersburg knapp am Abstieg aus der Bundesliga vorbei. Kein Wunder also, dass sie über eine leichte, sinnvolle Arbeit erfreut sind.

Das mit dem Palfrader auf einem ÖFB-Plakat wird sich auch noch klären. Der Mann tritt ja beim ORF als Kaiser verkleidet auf, und das finden nicht nur Manche lustig, der ORF ist auch ein Hauptsponsor und Übertragungspartner des ÖFB. Vielleicht stehen wir ja am Beginn einer großartigen Freundschaft, in der Akteure und Unterstützer ausgetauscht werden. Als nächster Schritt wäre die Mitwirkung des ranghöchsten Mitglieds der ÖFB-Monarchie, des Teamchefs Marcel Koller, als Werbefigur für die ORF-Religionssendung. Das ist ernst gemeint, Fußball ist eine Glaubensangelegenheit.

Marcel Koller hat nämlich zuletzt erkannt und öffentlich kundgetan, dass Portugals Stürmerstar Cristiano Ronaldo schnell ist und die Abwehr „kompakt stehen“ müsse. Außerdem müsse man „mehr Ruhe reinbringen“ in das eigene Passspiel. Das wird ohne Exerzitien nicht gehen. Wo doch Aleksandr Dragovic gesperrt und Zlatko Junuzovic verletzt ist. Junuzovic hat einen Teilabriss des äußeren Bandes im rechten Knöchel. Teamarzt Richard Eggenhofer hatte in der ersten Diagnose von stabilen Bändern gesprochen, tatsächlich ist ein Band also teilweise ab. Ob Junuzovic noch während der Euro wird spielen können? Schwer vorstellbar. Man kann sich leicht vorstellen, wie der Betreuerstab bei seinem Arbeitgeber Werder Bremen in die geballten Fäuste beisst und betet, dass der ÖFB den Jungen in Ruhe seine Verletzung auskurieren lässt.

Hier in Frankreich wächst überall Lavendel, nicht nur vor dem und in metaphorischem Sinn auch im ÖFB-Pressezentrum. Der duftet, dass es eine Art hat, gegen den Hunger und die einseitige Ernährung durch drei regelmäßige Fußballmatches jeden Tag helfen abgezupfte Lavendelblüten. Man hält sie vor die Nase und atmet kräftig ein und fast alles ist gut. Der Hannes, der in den vergangenen Tagen immer stiller geworden ist, und ich haben das Auto mit Lavendelblüten ausgelegt, sodass es jetzt duftet wie auf einem Lavendelfeld. Dadurch werden die langen, durch malerische Landschaften auf kurvigen Landstraßen führenden Fahrten noch schöner als sie ohnehin sind. Wir sind von Apt in der Provence nach Norden aufgebrochen, durch viele viele Platanenalleen, hinten schließt alle paar Minuten ein Tieflast auf, aber du kannst nicht nach rechts, weil rechts ist ein tiefer Graben entlang der Straße und wenn du dort hineinrutschst, hast du nicht nur einen Achsbruch, sondern wirst auch noch gefangen wie an einem Alleebaum, überschlägst dich und der Totengräber, der den Graben wahrscheinlich finanziert hat, braucht nur mehr zuschütten, was allerdings seine Marktchancen verringert.

Das stimmt natürlich alles nicht, es soll nur die Schönheit der französischen Landschaft nahe bringen, die sich aufs bildhübscheste mit malerischer Gegend abwechselt. Dazwischen Wälder, Wiesen, Kuhherden, Seen, der Gorges de Verdon, ein Canyon mitten in der Provence. Oder die Durance und die Loire, zwei gelassen dahinfließende Ströme, an deren Ufer beispielsweise das Chateauneuf du Pape, einst Schlösschen der während einer sogar für die katholische Kirche ungewöhnlich perturbierten Phase in Avignon residierenden Päpste. Jetzt ist von Schloss nur mehr ein verfaulter, über die Loire ragender Zahn übrig. Schwitzende Touristen klettern die paar Stufen hinauf und fotografieren die Ruine und sich selbst, fallen nachher aufseufzend in den Sessel eines Restaurants, trinken Papstschlosswein und sind für einige Minuten Teil einer gutvermarkteten Geschichte. Ich finde den Wein übrigens nicht so besonders, aber ich kenne mich nicht aus, was mich und den Hannes, der sich weinmäßig viel besser auskennt, schon 1998 in Margaux und der Medoc und jetzt wieder erstaunt hat, sind die von Horizont und weit darüber hinaus reichenden Weinfelder.

!998 hat übrigens der Chefredakteur des Standard, Gerfried Sperl, vorsichtig bei der Sportredaktion angefragt, warum sie solchen Unsinn von mir veröffentlichen, das mit den Weinfeldern, wo man doch wissen müsse, dass das Weinberge heißen und sein müssen. Ich bin sicher, dass er das inzwischen viel besser weiss, zu seiner Entschuldigung muss man sagen, dass er aus der Steiermark kommt, dort haben sie tatsächlich Weinberge, aber sie machen daraus nur Schilcher und so. Was angesichts des Landeshauptmanns Hermann Schützenhöfer und seiner ehemaligen langjährigen Vertrauten und Bürochefin Margit Kraker, die in einem Akt österreichischer Demokratie zur Präsidentin des Landesrechnungshofes bestellt wurde, ja noch ein geringeres Problem dieses Bundeslandes ist. Vor kurzem haben die Koalitionspartner ja die Frau Kraker zur Präsidentin des Bundesrechnungshofes gesalbt, die Schilcherdemokratie hat sich also durchgesetzt und von der Förderung der Ski WM 2013 durch die angebliche „Reformpartnerschaft“ von steirischer SPÖ und steirischer ÖVP und die nachfolgende Nicht-Prüfung des ÖSV will ich hier nicht wieder anfangen, sonst fragt mich der Hannes zu Recht, warum ich immer so grantig bin, wo es doch im Nationalpark in der Region Ardeche, wo wir grade herumgurken, so besonders schön ist. Weiterlesen

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HANNES UND ICH VI

DIE RUHE NACH DEM UNWETTER

Das Pressezentrum blieb an einem herrlichen Morgen in der Provence bis zu Mittag zu. Um 12 UIhr, eine Stunde vor dem Beginn der Pressekonferenz, öffnete der Verband die Arbeitsstelle der Journalisten, den Zugang zum Wifi, zu Kaffee und Essen und Informationen. Wobei, Informationen sind eher Schmalkost hier. Zwar werden jeden Tag drei Mitglieder des Teams präsentiert, aber die sagen nie mehr, als ohnehin alle Fragenden wissen. Der Trick dabei ist offenbar, dass die Fragenden ohnehin wissen, was die Antwortenden sagen werden und fragen daher genau danach. So bleibt alles im Gleichgewicht, und das war nach dem unerwarteten 0:2 gegen eine alles andere als inspirierte ungarische Nationalmannschaft schließlich das Wichtigste.

Die Ausnahme bildete die missgelaunte Figur des Gefäßchirurgen und Teamarztes Richard Eggenhofer. Er habe seine Diagnose schon in den Zeitungen gelesen, sagte er auf die Frage, was der am Knöchel bediente Teamspieler Zlatko Junuzovic habe. Es scheint sich um eine Überdehnung des Knöchels mit einem Bluterguss an der Außenseite zu handeln. Das tut ziemlich weh. Eine Magnetresonanzuntersuchung sollte Mittwoch abend Klarheit bringen, da Eggenhofer trotz Zeitungsstudium offensichtlich doch nicht so genau wusste, was Junuzovic hat. Wenn die Mr nun auch nicht endgültige Klarheit schafft, werden sicher einige gut recherchierte Artikel dem Gefäßchirurgen auf die Sprünge helfen. Schließlich tut der ÖFB ja nach des Sportdirektors Willi Ruttensteiners Worten alles, um die Professionalität der Teambetreuung auf ein noch nie dagewesenes Niveau zu heben. Weiterlesen

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HANNES UND ICH V

DIE EURO UND DER TRÜGERISCHE LÄRM

Als Dimitri Payet das 2:1 für Frankreich schießt, explodiert Pertuis. Zwei Kinder laufen aufgeregt über den Hauptplatz. In der Pizza-Tapas-Pastis-Bar blasen ein paar in den französischen Nationalfarben geschminkte Fans und der Kellner im italienischen Team-Trikot in ihr rotes Pfeiferl. Ein Papa, der das Match hypernervös verfolgt hat, umarmt seinen sichtlich erleichterten Sohn. Eine halbe Stunde später räumt das Barpersonal den Schanigarten auf, der Beamer ist abgeschaltet, die Leinwand ist nur mehr Leinwand. Der Ort gleitet unaufgeregt in die erste Nacht der Europameisterschaft. Fußball ist für die Menschen hier wieder nur Fußball, eine Beschäftigung oder bloß eine abendliche Ablenkung von den wichtigen Inhalten: Wein, Garten, Musik, Kulturfestivals, Abendessen.

Die Menschen hier im Luberon, einer Gegend der Provence, nehmen die Europameisterschaft mit Gelassenheit. In der Programmbroschüre „Agenda“ stehen hunderte Aktivitäten, die den Sommer über hier geboten werden. Über die Euro steht nichts drinnen. Im „Cafe Bleu“ in La Bastidonne antwortet Madame Noémie Francone, die Besitzerin, auf die Frage, ob sich die Menschen hier für Fußball interessieren, man werde sich die Spiele im Fernsehen anschauen.

In jedem Beisl, jeder Bar, jedem Restaurant läuft auf den Flatscreens das Euro 2016-Animationsprogramm auf vollen Touren. Die Zeitung „La Provence“ scheint nur aus Euro-(Vor)Berichten zu bestehen. Zwar werden auch Handballer und Basketballer interviewt, aber nur über die Euro. Frankreich, so scheint es, hat die Euro nötig, nur geht sie an den Menschen am Land vorbei.

Selbst in Mallemort wirkt die Begeisterung über das Turnier und die Gäste aus Österreich ein wenig bemüht, höflich, pflichtbewusst, freundlich. In ein paar Auslagen hängen vom Tourismusbüro verteilte Grußplakate an die „Autrichiens“, zum öffentlichen Training von Marcel Kollers Mannschaft kamen 500 Zuschauer. Im Cafe de la Poste, der größten Bar des Ortes, sitzt sogar ein Vertreter der Security und meditiert in die stille Straße hinaus. Daneben liegt das Tourismusbüro, in dem man sich über die blutrünstige Vergangenheit des Ortes informieren kann. Mallemort ist in einem leicht absurden Sinn geweihter Boden, hier schlachtete der örtlichen Legende zufolge der römische Feldherr Marius die widerspenstige Einheimischen, worauf die Überlebenden ihre Gegend „blutige Hügel“ tauften. Mitte des 16. Jahrhunderts begann in Mallemort die Verfolgung der Waldenser, einer religiösen Splittergruppe, die man auch als Protestanten vor der Reformation durch Martin Luther (1483 – 1546) charakterisiert hat. Weiterlesen

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HANNES UND ICH IV

DER GERECHTE SCHLAF DER SECURITY

Donnerstag Mittag in Mallemort, dem Dorf des schlechten Todes, mit dem Totenschädel, den gekreuzten Knochen und der Amphore im Wappen und dem Pressezentrum plus angeschlossenem Trainingsplatz der Autrichiens. Es ist heiss, die ÖFB-Kicker haben eben das Vormittagstraining beendet, ein großer Teil bestand aus der Kernübung des österreichischen Weges. Spieler steht am Mittelkreis, passt zu Trainer am 16er, der passt zur Seite, der Spieler schießt aufs Tor, daneben. Wenn ein Kicker das hunderttausende Mal übt, besteht eine gewisse Chance, das er im Match den Kasten trifft. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, die „Medien“ nach einer Viertelstunde ebenfalls, am Nachmittag war dann offenes Training, Teamchef Marcel Koller, ein unglaublich sympathischer und witziger Mann, kündigte an, nicht nur analytisches Passspiel zu bieten, sondern etwas Unterhaltsames. Das Tor treffen?

Der Platz ist von zwei Zäunen umgeben, auf dem ersten, hohen, sind grüne Plastikplanen, die das Beobachten des  Trainings verhindern sollen und einen guten Durchblick bieten. Man muss sich dem Platz nur von der Seite der Gendarmerie nähern, vielleicht ist das auch die Absicht, dass die französischen Landgendarmen die Österreicher beim Schiessen beobachten können.

Ok, kein Zynismus, oder nur so viel, wie unvermeidlich. Nach 1500 Kilometern in zwei Tagen braucht die EM-Euphorie noch ein wenig Zeit zum Keimen. Zwei Mal sind der Hannes und ich zwischen Bregenz und Aix en Provence in schweren Regen mit Hagel gekommen, wir haben das mannhaft als kein Zeichen von oben gedeutet, umzudrehen. Auf der italienischen Autobahn waren wie immer die Irren unterwegs, in Frankreich halten sie immerhin Abstand, das ist auf der kurvigen Autobahn ab Ventimiglia kein Fehler. Auf dem Place de Augustin in Aix war bis auf hie und da vorbeischlendernde Polizisten in schussicheren Westen von Streiks, Terrorangst oder Euro nicht das Geringste zu spüren.

Die Zufahrt zum Teamhotel der Österreicher auf dem Weg von Aix nach Mallemort wird von zwei Gendarmen gesichert. Vor dem Tor zum Hotel steht noch ein Security, der bei der Frage nach dem Pressezentrum die rechte Hand wie beiläufig aber doch sichtbar über der Glock im Hüfthalfter schweben lässt. Sonst sind keine Sicherheitsleute oder –maßnahmen zu sehen, wobei sich eine genauere Inspektion verständlicherweise verbietet. Ich hoffe nur, dass der ans Hotel angrenzende Wald wenigstens in der Nacht von Cops mit Hunden gesichert wird, sonst könnte sich dort jede Pfadfindergruppe unnbemerkt bis zum Swimming Pool anschleichen.

Das Hotel selbst macht einen beinahe unerträglich gutbürgerlichen Eindruck. Hier wohnen normal nur Urlauber mit teuren Autos und Vorlieb für teure Menüs. Neureiche Parvenüs, Manager und Unternehmer, Zahnärzte und ab sofort eben Nationalkicker. Der Teamverteidiger Sebastian Prödl lobte auf der Pressekonferenz, wie viel Platz das Hotel biete und Kollege Martin Harnik fand anerkennende Worte für die vielen Spielmöglichkeiten, von der Play Station über den Pool und die Tischtennis-Platte bis zum Kraftkammerl mit Entspann-Effekt. Da die Mannschaft aus Gründen der fortgeschrittenen Gutbürgerlichkeit der Kickerei und der fortgeschrittenen Security-Maßnahmen allein im Hotel wohnt, „kann sich jeder ausbreiten“, wie PrödlHarnik festhielten.

Marcel Koller fügte auf die kritische Frage, wie die Mannschaft in Frankreich aufgenommen worden sei, hinzu, dass man sich hier in Mallemort, dem Ort mit dem Totenschädel im Wappen und der mehr als üppigen blutrünstigen Vergangenheit gut aufgehoben und daher wohl fühle. Das mit dem Totenschädel und dem Blut sagte er natürlich nicht, weil er es mit ziemlicher Sicherheit nicht weiss und wenn er es wüsste, würde er es nicht erwähnen, um nicht unnötig Druck auf die Mannschaft aufzubauen, sich einer weiteren glorreichen Vergangenheit würdig erweisen zu müssen. Weiterlesen

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HANNES UND ICH III

AUFBRUCH ZU EINER FRANKREICHREISE UND

DIE RITUALE DER RELIGIÖSEN

In den letzten Stunden vor dem Aufbruch kommt immer alles zusammen, zumindest bei mir. Den Alltag musst du auslassen. Das ist bei der konzentrierten Gewalt der Routine gar nicht leicht und ohne Schmerzen zu machen. Die Reiseplanung, die entlang der alten Routen führen wird oder über neue, an der aktuellen Euro angelehnte. Der Hannes sagt mir endlich, wohin er gleich am Anfang will, nämlich ins Trainingslager der Österreicher in einem Provence-Dorf, das auf deutsch „schlechter Tod“, Mallemort, heißt. Soll sein.

Wir verlassen ein Österreich, in dem ein geschniegelter Maturant, der aufgrund undurchsichtiger Parteitaktik den Außenminister spielen darf, die Zukunft des Christlich-Sozialen vorwegnimmt. Er will Flüchtlinge auf Inseln, wo er nichts zu melden hat, weil sie anderen Staaten gehören, in diesem Fall Griechenland, Flüchtlinge internieren. Das ist merkwürdig? Nein, merkwürdig ist der Verweis des Außenministerfiguranten auf das Vorbild Australiens, das die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterschrieben hat und von seiner Marine Boote voll mit Flüchtlingen aufs Meer hinausschleppen lässt, wo sie aller Wahrscheinlichkeit verrecken, die Menschen in den Booten.

Wir stehen vor einer atemverschlagenden Unmenschlichkeit, die von der Zukunftshoffnung der Österreichischen Christlich-Sozialen Partei, ÖVP, allen Ernstes als Lösung vorgeschlagen wird. In seiner ganzen mir bekannten Meldung hat Kurz kein einziges Mal das Elend und die Bedürfnisses der Flüchtlinge, Menschen, die auf dem Meer mit ihren Kindern ersaufen, der Erwähnung wert befunden. Ich höre nun auf, diese unwürdigen Äußerungen eines Parteiparvenüs zu beschreiben, sonst wird es eng und schwarz. Noch sinnentleerter sind nur die Meldungen, in denen von einer Pofilierung Kurzens auf Kosten und in Unwissenheit der ÖVP die Rede ist. Das halte ich für den größten Unsinn. Ich bin sicher, dass das zumindest in groben Zügen abgesprochen ist: wir graben der FPÖ die strengen Regelungen wider Fremde ab.

Selbstverständlich funktioniert das wieder nicht und schaut wie politische Kleinkrämerei aus, weil sie genau das ist. Also das Gegenteil von Politik wie man sich das wünscht als Staatsbürger im 21. Jahrhundert: den rechtlichen Leitlinien des Abendlandes entlang, mit Respekt vor dem Mitmenschen. Natürlich gehört das Ersaufen der Flüchtlinge im Mittelmeer gestoppt, aber das geht doch nicht durch Internieren und Schleppen der Boote auf die hohe See. Das geht doch nicht, indem Österreicher und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden, mit dem Schielen auf Schlagzeilen von unbarmherzigen Zeitungen.

Der Hannes und ich brechen nun in ein Land auf, in dem die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen und mit den Terroristen in einer Heftigkeit geführt wird, die uns in Mitteluropa (noch?) unbekannt ist. Der heurige Sommer beginnt mit einem Turnier, das die ganze Friedlichkeit des westlichen hegemonialen Systems Sport feiern sollte und sich längst in ein zynisches, von Zäunen,. Securities, Drohnen, Militär, Polizei-Sondereinheiten und Satellitenüberwachung geprägtes und von der Angst vor Terroranschlägen getrübte Medienereignis verwandelt hat. Mein Sohn fährt mit Freunden auch hin und schaut sich ein paar Spiele an, ich hoffe, den Kindern passiert nichts.

Innen drin im Hochsicherheitstrakt läuft noch alles nach denselben Ritualen wie in den vergangenen 30, 40 Jahren. Die Ödnis des ewigen Trainingslagers, die Segregation von Familie und Freundin, die mehr (Deutschland) und weniger (Österreich) glanzvolle Redundanz der Pressekonferenzen, Neuigkeiten, Interviews und Analysen, Vorausschauen und Expertengequatsche. Weiterlesen

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HANNES UND ICH II

DER HOCHSICHERHEITSTRAKT IN FRANKREICH

UND DIE FERNSEHSERIE

Ich habe etwas vergessen. Es ist der zweite Tag der Vorbereitung auf die Reise nach Frankreich und schon habe ich etwas übersehen. Beim Abstauben des Bücherregals habe ich noch ein Heft gefunden. Es enthält Notizen, die ich während eines Ausflugs in die Provence geschrieben habe. Das muss im Frühsommer 2009 gewesen sein, falls ich meinen Kalender zufällig wieder finde (was gibt es noch zum Abstauben?), kann ich das feststellen. Suchen werde ich nicht danach, das würde in die Erinnerungen auch keine Ordnung bringen oder nur den Anschein von Ordnung. Das Jahr der  Erlebnisse spielt im Rückblick keine Rolle, die Bejahrung vermittelt nur eine oberflächliche Beruhigung, wie das Wissen, wo ein bestimmtes Buch auf dem Regal steht. Die Hauptsache ist, es steht da und ist greifbar, der genaue Ort ist unwichtig. Außer, das Buch steht im Zusammenhang mit anderen Büchern, zum Beispiel über die Zeit. So ist es auch mit der Zeit, die unter anderen Namen den der Erinnerung trägt. Die Bejahrung der Vergangenheit spielt beispielsweise im Fußball eine entscheidende Rolle. Auf ihr gründen sich die Theorien von der Entwicklung des Spiels, die von  Alfred Tatar als Unsinn verworfen werden.

Im zweitem zufällig gefundenem Büchl, dessen Auftauchen einiges über den Zustand des Bücherregals sagt, der nun in eine vorübergehende Phase größererer Redundanz tritt, finden sich Orte, die ich mit Hannes gemeinsam wieder zu finden hoffe. Und das ist interessant.

Vielleicht sollte ich jetzt erklären, wer Hannes ist. Er hat in den 70ern im Nationalteam gespielt, unter Teamchef Leopold Stastny. 0:0 gegen Italien vor 70.000 Menschen im Praterstadion. Er war der Libero und es soll damals keiner an ihm vorbeigekommen sein, ohne eine ernsthafte Verletzung zu riskieren. Das klingt lustig, unernst, wie ein Gag. Heute frisieren sie den Fußball gern zu einer Auseinandersetzung von Gutwilligen zur Erbauung von Lernbegierigen. Ich kann hier versichern, das ist nicht so und der Hannes ist einer der Wenigen, die das nicht nur wissen und mitgemacht und miterlebt haben. Er kann das auch erklären, wie das sonst keiner kann, zumindest keiner, den ich kenne.

Das war auch der Grund, warum ich so gern mit ihm unterwegs war, solange wir uns mit dem ÖFB-Team und diversen Klubmannschaften als Lohnschreiberlinge von Zeitungen durch den Fußball bewegt haben. Rundherum Journalisten, die alles über den Fußball gewusst und noch mehr geschrieben haben und mittendrin er, der das als Einziger von uns selber gemacht hat und als Einziger wusste, wie es geht. Und damals gab es noch kein Internet, in dem einige wenige ernsthafte Unternehmungen den Kick auseinandernehmen und noch vielviel mehr Gscheiterln schreiben, die in ihrem Leben  nicht nur nicht kicken konnten, sondern nicht einmal mit Spielern oder Trainern reden und vom Fernseher herunter oder aus den Websites der Zeitungen Berichte zusammentragen und daraus Analysen basteln.

Der Fußball oder der Sport überhaupt zeigt die Linie, die sich durch den Journalismus zieht. Seit ich 1980 in die Branche eingestiegen bin, beobachte ich mit Staunen, wie geschmeidig diese Grenze von allen Beteiligten überschritten, ignoriert, instrumentalisiert und in seltenen Fällen auch geschützt wird. Der Hannes hat sie für sich geschützt. Auf der einen Seite dieser Trennlinie sind die Experten, Menschen, die vom Fach, über das sie schreiben, also Politik, Wirtschaft, Fußball, wirklich etwas verstehen. Weil sie eine Ausbildung auf sich genommen und in dem Fach gearbeitet haben. Weiterlesen

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Hannes und ich I

NOTIZEN VON EINER REISE NACH FRANKREICH

Ich habe mein Bücherregal abgewischt und ein fast leeres Notizbuch gefunden. Meine Schwiegermutter hat es mir vor ein paar Jahren geschenkt. „Damit du was Schönes zum Schreiben hast“, hat sie gesagt. Sie liebte Bücher, gute Zeitungen, alles gut Geschriebene und ich bin heute noch gerührt, dass sie mich damit irgendwie in Beziehung setzte. „Spätlese Das Notizbuch“ steht vorne auf dem Notizbüchl. Unter dem Titel ist eine Bleistiftzeichnung. Ein lang geratenes Küken kuckt aus einer länglichen Wabe, deren oberster Teil nach hinten geklappt ist und wie eine Kapuze ausschaut. Ein Wabenküken mit Kapuze.

In ein paar Tagen fahre ich nach Frankreich, ich schau mir das Drumherum der Europameisterschaft an. Das Notizbüchl begleitet mich, Aufschreiben und Herumfahren sind zwei Wochen lang eine Live-Parallelaktion. Auf den ersten Seiten des Büchls steht eine Idee für einen Fußballfilm. Ziemlich unbrauchbar, wie mir scheint. Ich kann mich erinnern, dass ich mich damals verpflichtet gefühlt habe, in das Geschenk der Schwiegermutter was Gscheites zu schreiben. Schöne Schreibgeräte erzeugen einen Sog, und Unvorsichtige wie ich geben ihm nach. Ich kann mich an einen Kollegen erinnern, der spielte mit teuren Kugelschreibern und Füllfedern herum. Er konnte zwar kaum einen geraden Satz schreiben und war kaum zu bewegen, eine Geschichte zu recherchieren, aber er war süchtig nach dem Kick, den der Besitz von edlen Federn erzeugt. Auch hielt er sich selbst für eine edle Feder, wie es angeblich viele in Österreich gibt.

Die Edelsten der Edelsten erhalten dann von einer Jury einen Preis. Das ist eigentlich ein Titel, denn er bringt kein Geld, ja nicht einmal Anerkennung in der eigenen Redaktion. Bei kritischer Betrachtung, die freilich Journalisten über ihre Arbeit und Umstände nie zulassen würden, geht der Titel reihum von einem Verlag zum nächsten. Jeder kommt binnen weniger Jahre dran, und die den Preis vergebende Zeitschrift, eine hagiographische Ausstülpung des Journalistenbusiness, argumentiert mit der Aktion ihre Position in der Medienlandschaft.

Das Notizbüchl werde ich in einigen Jahren lesen, wenn die Euro längst Nostalgie und die Enttäuschung, nicht Europameister geworden zu sein, abgeflaut ist. Vielleicht geht es mir dann so wie heute, wenn ich an die WM 1998 denke. Der Hannes und ich sind vier Wochen durch Frankreich gegondelt. Vorbei an Wassertürmen, Lavendel- und Cabernet Sauvignon-Feldern. Die ersten zwei Wochen drehten wir um das Medoc-Städtchen Margaux, wo die Österreicher wohnten und trainierten, unsere Runden. In der Kantine des Fußballplatzes hatten die Winzer eine Vinothek eingerichtet, für die jeder österreichische Weinbauer gemordet hätte. Eine Gruppe ungebildeter Sportjournalisten ließ sich dort in die Anfangsgründe der Bordeaux-Weine einführen. Das ÖFB-Team schied dennoch glanzlos nach den Gruppenspielen aus. Auf Teamchef Herbert Prohaska hatte der genius loci keine Wirkung, er blieb stur bei seiner Wahl den nicht fitten Andreas Herzog und den außer Form befindlichen Anton Polster aufzustellen.

Die Tagebucheintragungen werden das Notizbüchl füllen aber dennoch unberührt lassen. Das Büchl nimmt vorübergehend eine zweite Gestalt an, die Homepage. So dient es auch dem zweifachen Zweck, private Eintragungen einer kleinen vielleicht interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ambivalente Gemeinsame scheint überhaupt ein Thema dieser Reise und ihrer Beschreibung zu sein. Hannes und ich, zwei alte Sportreporter, schauen sich nach 18 Jahren die Stätte ihrer Untaten an. Frankreich hat 1998 nach mühevollem Beginn in einem furiosen Finale die Brasilianer 3:0 geschlagen. Das ganze Land war wie in Trance, keine Spur von Terror oder Streik. Das Land war im Einklang mit sich und nahm sich einen Monat Zeit für eine hysterische Unnötigkeit. Weiterlesen

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