Wo die Welt noch einen Schimmer Glück enthält

Eine Verkürzung der Sommerferien wäre eine zynische Unterwerfung der Kinder unter die Selbstverwirklichung der Erwachsenen

Dieser Kommentar erschien zuerst im Falter. Aufgrund der Reaktionen und der Brisanz des Themas habe ich mich entschlossen, ihn auch hier zu veröffentlichen.

Wer kritische, gegen den Strich gebürstete Berichterstattung und Kommentierung schätzt, möge bitte den Falter kaufen – und auch das ab Oktober wieder erscheinende Datum.

Wer Lehrer werden will, muss lernen, die Schule, von der Einrichtung des Turnkammerls bis zum Chemiesaal, von der Morphologie der Alpen bis zum Höhlengleichnis von Plato, aus der Sicht der Kinder zu betrachten. Man nennt das Methodik, und es geht in jedem Fach darum, den Schülern die Tiefe und Schönheit, die Unbegreiflichkeit und Gnadenlosigkeit der Welt oder was wir dafür halten, nahezubringen. Und zwar in einer Weise, die ihnen zumindest eine Chance und im besten Fall noch eine oder zwei bietet, die Methode der Welt, oder was wir darunter verstehen, kennen zu lernen.

Dieses Prinzip eint alle Lehrer, ob sie nun im Kindergarten oder in der Hochschule unterrichten. Nicht alle Lehrer halten sich daran, manche sind intellektuell oder emotional überfordert, manchen sind Kinder schlicht egal. Ich habe in meiner fünfjährigen Zeit als Mittelschullehrer einige dysfunktionale, für Kinder gefährliche Kollegen erlebt, die allermeisten aber waren hingebungsvolle Pädagogen. Die größte Gefahr für die Kinder in der Schule stellen nicht unfähige Lehrer dar, sondern die Schulpolitik. Einen markanten Einschnitt stellt in dieser Hinsicht die Regierung Wolfgang Schüssels dar, der Elisabeth Gehrer als Unterrichtsministerin einsetzte. Nicht so sehr die Einsparungen, sondern die zynische, von betriebswirtschaftlichem Blabla schlecht maskierte Neuorganisation der Schule führte zu einem Niedergang des Systems, der sich in den vergangenen 15 Jahren aus vielen Gründen noch beschleunigte.

Das grundlegende Übel in allen Diskussionen ist die funktionale Beschreibung der Kinder. Sie nennen sie Schüler und verallgemeinern sie zum Schulsystem. Das macht den Weg frei, das System mithilfe von Experten und unter Rücksichtnahme auf Lobbyinggruppen zu „reformieren“. Die Kinder geraten aus dem Blick, sie würden die Systemkritik bloß stören. Familienministerin Sophie Karmasin und die Arbeiterkammer liefern eben ein krasses Beispiel für die Instrumentalisierung der Kinder: sie wollen die Sommerferien verkürzen. Das Kernargument: die Eltern haben Probleme mit der Betreuung der Sprösslinge.

Es geht also nicht darum, ob neun Wochen Ferien für Kinder gut sind, notwendig, sinnvoll oder einfach: schön. Es geht in dieser wie Sommergewitter jährlich wiederkehrenden Diskussion nicht um die Probleme der Kinder, sondern das Problem Kind aus der Welt zu schaffen. Jedes Jahr dieselbe hanebüchene mediale Jammerei: Wo bringe ich die Kinder unter? Welche – kostenintensive – Belastung ist das doch für die Eltern! Warum kümmern sich die Lehrer nicht auch in den Ferien um die Schüler? Weiterlesen

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Hannes und ich X und Ende und Sommerbeginn

Von der Hysterie Europas in den Sommerschlaf Österreichs

Vor dem Beginn der Euro 2016 hab ich das von der Schwiegermutter geschenkte Notizbüchl aufgemacht und ein unregelmäßiges Tagebuch über die Reise von Hannes und mir begonnen. Nun ist die Reise seit einiger Zeit zu Ende,. Wir haben immerhin eine Offenbarung des ÖFB-Teams und seines Cheftrainers Marcel Koller (ich habe einen Augenblick gestutzt, weil mir der Name nicht gleich eingefallen ist, wie schnell doch wer aus dem aktiven Wortschatz fällt!) erlebt, der „Europameister der Ausreden“ (hätte mir nie träumen lassen, die Krone zu zitieren, aber sie hat als einzige Zeitung die Fragwürdigkeiten in der Vorbereitung und Performance des Nationalteams und die an Ostblockmethoden erinnernde Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes kompetent kritisiert) wird für die im September beginnende WM-Qualifikation eine neue Mannschaft zusammensetzen müssen. Das werde ich mir eventuell wieder aus größerer Nähe anschauen. Die eindimensionale Jubelchoreographie war kaum interessant, zumal der Hohlraum unter dem Halleluja-Chor unschwer zu erkennen war. Zu den schönen Begleitumständen zählen nun das Verramschen einiger erschienener Hagiographien und das Nichterscheinen diverser Euro-Nacherzählungen.

Nun sind ein paar Wochen ins Land gezogen, die Türkei stürzt ins Unglück, und ausnahmsweise ist damit nicht deren Nationalmannschaft, sondern die Bevölkerung und die Regierung gemeint. Zu den längst eingebürgerten Oberflächlichkeiten gehört ja die Identifizierung von elf Kickern mit dem Land, das ihren Spielerpass ausstellt. Wer kann sich nicht an die Elogen erinnern, als Frankreich 1998 im neuen Stade de France in St. Denis Weltmeister wurde. Die Mannschaft und ihr Erfolg beweise, hieß es da, dass Frankreich angesichts der Multi-Kulti-Mannschaft die Integration von Ausländern und Zugereisten bewältigt habe – zum allseitigen Gewinn. Monate später brannten die Banlieus und der unsäglich Premierminister Sarkozy bezeichnete irgendwann die Unruhestifter sinngemäß als Abfall.

Das kann in Österreich nicht passieren. Hier findet keine Auseinandersetzung, keine Diskussion, kein Diskurs statt. ÖOC-Präsident Karl Stoss fand kein kritisches Wort, als die Europaspiele des IOC in Aserbaidschan ausgetragen wurden, wo Regimekritiker ins Gefängnis wandern oder überhaupt verschwinden. Er fand es bis jetzt auch nicht der Mühe wert, die Risken und Menschenrechtsverletzungen in Rio de Janeiro anzusprechen. Detto ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel, dessen Gehalt nach wie vor eine Art Staatsgeheimnis ist. Niemand erinnert sich mehr an die großen Transparenzversprechen, als Mennel und Stoss das ÖOC übernahmen. Stoss kritisierte auf dem für eine sportpolitische Diskussion völlig ungeeigneten und wirkungslosen Sportforum Schladming auch die „Verpolitisierung“ des organisierten Sports in Österreich. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Der CEO der mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Casinos Austria wurde im ÖOC zum Nachfolger von Leo Wallner gewählt. Wallner war, richtig, CEO der Casinos Austria. Das ÖOC lebt zum Großteil von Steuermitteln, konkret von Geld, das aus den „Abgabemitteln“ der Lotterien, die also dem Steuerzahler zugunsten des von Stoss geführten und von ihm weidlich zur persönlichen Profilierung genutzten Vereins ÖOC vorenthalten werden. In völlig gesetzeskonformer Weise,  das schon. Aber in einem derart luxuriös ausgestatteten Glashaus zu sitzen und die Verpolitisierung des Sports zu kritisieren ist auch nicht ganz ohne Charme.

Aber ich schweife ab. Am Montag, dem 18. Juli, lud die Bundesliga zu einer Pressekonferenz. Damit beginnt jedes Jahr die schönste Zeit des Sommers, die Fußballmeisterschaft beginnt, das traditionelle Rahmenprogramm zum Baden, Grillen und Chillen. Die Pressekonferenz lief ab wie erwartet, die mediale Hegemonie hatte der ORF, der die Show live übertrug und auch moderierte. Die Kritik richtete sich erwartbarerweise auf das Unwesentliche, das Klatschen der Journalisten beim Auftritt der Vereinspräsidenten und der Kapitäne. Der staatlich alimentierte Mainstream geriert sich als Kritiker des Mainstreams und lenkt die kritische Aufmerksamkeit – absichtlich oder unabsichtlich, ich persönlich glaube, unabsichtlich – von den interessanten, strukturellen Problemen ab. Zum Beispiel von der (eingebildeten?) Abhängigkeit der Bundesliga vom marktbeherrschenden Staatssender. Wenn man dann noch habituell auf die kritiklosen Mainstreamjournalisten in den Zeitungen hindeutet, zeigt man halt mit dem Finger – absichtlich oder unabsichtlich, ich glaube unabsichtlich – auf sich selbst.

Aber das ist nicht des Pudels, oder des Rinners Kern. Der steirische Unternehmer Hans Rinner ist seit 2009 Bundesliga-Präsident. Schon seine Installierung erweckte den Eindruck, als hätten die Bundesligaklubs keinen besseren, interessanteren, potenteren, gewandteren, beredteren Mann gefunden und sich auf Rinner, das kleinste Übel, geeinigt. Seither hat Rinner alles dazu getan, diesen Eindruck zu bestätigen. Das ist, zugegebenermaßen, nicht viel. Die Probleme der Liga sind dieselben wie vor vielen Jahren, manche Infrastrukturauflagen für die Lizenz sind für kleinere Bundesligamitglieder fast nicht zu stemmen. Immer wieder gehen Vereine ex, trotz des Lizenzverfahrens, das nach Auskunft aller Beteiligter und Betroffener super ist und immer superer und sowieso nach UEFA-Vorschriften abgewickelt wird. Die hirnrissigerweise „Erste Liga“ bezeichnete zweite Liga ist für die dort tätigen Klubs eine existentielle Gefahr. Die Zuschauer laufen der Bundesliga davon, im Vergleich zu 2010/11 (1.414.494, Schnitt: 7858) besuchten in der abgelaufenen Saison rund 300.000 Menschen weniger die Erstligakicks (1.128.726, Schnitt: 6270). Der Höhepunkt im Jahr 2007/2008, als mehr als 12,6 Millionen Menschen die Meisterschaftsspiele sahen (Schnitt: 9284) wirkt aus heutiger Sicht wie ein ferner, sonnenbeschienener, unerreichbarer Gipfel.

Von Rinner oder seinem Büro ist dazu keine Gegenoffensive bekannt. Bei der Liga-Pressekonferenz entblödete er sich nicht, die Stadionneubauten von Rapid und Austria als Errungenschaften für die Liga zu verkaufen, so als könnte er irgendetwas dafür.

ZUSCHAUERSTATISTIK – 1. LEISTUNGSSTUFE        2. LEISTUNGSSTUFE

2015/16    1.128.726 6270                                       325.053           1805

2014/15    1.180.971 6524                                       349.087           1939

2013/14    1.109.731 6165                                       292.782           1622

2012/13    1.227.694 6782                                       301.036           1672

2011/12    1.283.052 7128                                       398.509           2213

2010/11    1.414494  7858                                       310.782           1726

2007/08    1.671.157 9284                                       181.994           1011

 

Wie man sieht, schwankt das Zuschauerinteresse in der zweiten Leistungsstufe beträchtlich. Nicht nur ist die Todesliga nicht imstande, ihren Vereinen eine attraktive Bühne zu bieten, noch hat sie eine eigenständige, zugkräftige, den steten Wechsel der Vereine ausgleichende Identität entwickeln können. Von Rinner und seinem Büro sind dazu keine Initiativen bekannt. Weiterlesen

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HANNES UND ICH IX

WENN DIE GERSTE FÄLLT

Der Hannes und ich waren kaum aus Frankreichs Landen zurück, als die Wintergerste fiel. Die Gerste im Marchfeld ist jeden Sommer das erste Korn, das stirbt, um dem Menschen das Leben zu erhalten. Wir hatten noch das Herz und den Gaumen voll von dem Roten, den uns die schöne Chefin in der Auberge de Thorrenc serviert hatte, als wir müde von einem namenlosen Euro-Match durch den Wald der Ardèche heim gefunden hatten. Ohne GPS hätten wir das nicht geschafft, so schwachsinnig sich der digitale Pfadfinder in vorherigen Fällen angestellt hatte, in dieser kühlen Nacht bewahrte er uns vor der Obdachlosigkeit.

Das Chateau stammt aus dem 11. Jahrhundert, vor ihm endet die Straße, es wirkt unwirklich wie ein Film von Jacques Rivette, ein scheinbar willkürlich gesetztes Zeichen der Zivilisation im unbegangenen Wald. An dem ältesten Turm, der einst der Inhaftierung von Verbrechern oder vielleicht auch nur Unbotmäßigen diente, klebt eine mehrstöckige Wohneinheit, die heute als Restaurant dient. Der Hannes und ich bedauern es noch heute, der Euro in ein nahes Städtchen nachgefahren und nicht dort gegessen zu haben, fern jeder televisionären Connectedness. Aber es bleibt uns immer noch dieses Achtel Rot.

Ein paar Tage später waren wir zuhause und das Fallen der Gerste war das letzte, im ersten Augenblick unbeachtete, und im Nachhinein unmissverständliche Zeichen von Marcel Kollers Fall. Wir hatten es kommen sehen, auch auf unseren dem Geschehen mit Sorgfalt ausweichenden Wegen und ich werde nie mehr Hannes Gesicht und Stimmlage vergessen, die er angesichts von Österreichs Elend, und ich meine Armseligkeit und nicht Leid, annahm. Die ganze Wut des alten Kickers angesichts der Anmaßung einer Gruppe, den Fußball neu erfunden zu haben, stieg in ihm hoch. Gut, dass die Brüder Pastis, Pernod und Absinth nie weiter weg als ein Bitte und ein Danke an die Bar waren. Fern der Heimat braucht auch der härteste Profi manchmal ein Seelengeländer, dass er sich anhalten kann. Weiterlesen

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HANNES UND ICH VIII

DAS SCHÖNSTE CHATEAU DER WELT

So eine Reise durch die französische Provinz ist mühsam, jeden Tag müssen der Hannes und ich uns ein neues Quartier suchen. Am Anfang war das kompliziert, weil die schönen Landhäuser mit den gepflegten Wiesen und dem Pool sind von den Straßen aus nicht zu sehen und über versteckte Zufahrtsstraßen zu erreichen. Wenn du auf der Landstraße unterwegs bist, siehst du sie nicht. Am ersten Abend haben wir in Aix de Provence in einem Appartementhotel Zimmer reserviert, doch als wir in der Abenddämmerung ankamen, war da niemand in der Rezeption, die Tür war zu und wir mussten wieder abziehen. In der Finsternis suchten wir Quartier – chancenlos. Zufällig trafen wir zwei abendliche Spaziergägnger, die uns ins Handy die Adresse eines Hotels, nicht schön aber immerhin mit Betten, eintippten. Rund um die Gegend dort gibt es aber so viele Straßen, dass das Handy mit dem GPS oder wir oder alle miteinander durcheinander kamen und in einer Sackgasse landeten. Ohne Hotel. Am Arsch Frankreichs.

Zufällig sah der Hannes dann beim zurückschieben auf dem Parkplatz die Leuchtschrift des Hotels Paradis in Vitrolles. 51 € pro Person. Nicht zu empfehlen, aber was solls, um Mitternacht. Gekauft. Ein paar Biere zur glücklichen Heimkehr und ins Zimmer. 45 Grad, Fenster auf den Gang, von wo auch der jüngst Nachwuchsräuber bequem einsteigen kann. Also lüften, Fenster zu und ins Bett. Irgendwie geschlafen, am nächsten Tag Frühstück und weiter nach Mallemort zum ÖFB-Team. Auf dem Weg kamen wir am Mannschaftshotel vorbei. Auf der Einfahrt ein Polizeiauto mit zwei Sonnenbrillencops, kräftig aber freundlich.

Ab dann kamen wir ins Laufen. Das Notizbüchl der Schwiegermutter füllt sich von da an mit erfreulichen Erinnerungen. Nach kurzer Suchfahrt durch den Luberon schlägt der Hannes vor, die Dörfer zu verlassen und in eine größere Wohneinheit zu fahren. Dort kriegen wir tatsächlich ein Appartement in einem Landhaus mit Pool und gepflegtem Rasen, die zwei Hunde, ein belgischer und ein tschechischer Schäfer, sind gratis. Wir bleiben ein paar Tage, suchen in der Gegend vergebens Menschen, die sich für die Euro interessieren und schauen am Abend das Match des Tages in einer Bar. Dort sammeln sich die wenigen Fußballfanatiker, wobei von Fanatik keine Rede sein kann.

Alles andere funktioniert wunderbar. Die Sonne in den Platanenalleen, der leise Wind über den Getreidefeldern, der Pastis und der Rosé. Wir kamen am Gorges de Verdon vorbei und badeten dort im See. Der rote Boden fast schon sommerheiss, die vielen Kurven auf den kupierten Landstraßen der Hügel im Luberon, die Nadelwälder. Der Hannes tut sich schwer, in dieser Idylle genügend Interesse für das Turnier aufzubringen, aber wenn die Spiele laufen, ereifert er sich wie früher.

Ein einziges Mal begegneten wir Fanhorden, es war in Lyon, wo wir um keinen Preis der Welt ein Zimmer finden konnten. Die Kroaten sammelten sich in der Innenstadt, hunderte Kindsköpfe in kroatischen Leiberln, betrunken Passanten als Arschlöcher beschimpfend in der Annahme, Franzosen würden das ohnehin nicht verstehen. Manche Kroaten liefen in Ganzkörperpyjamas in den rot-weißen Karos des Landes herum, peinlich. Ich halte erwachsene Männer, die in der Sommerhitze Hüte in den Landesfarben tragen und dafür mit Bier kühlen, nicht mehr aus. Früher war das vielleicht ganz witzig, kasperlgleich, mittlerweile ist es nur mehr deppert. Im Fernsehen schaut ja so eine Kulisse ganz erfrischend aus, aber wenn hunderte und hunderte Trunkenbolde auf engstem Raum Lieder grölen und Böller krachen lassen, dass du nicht weisst, was da explodiert, ist das nur mehr Scheisse. Polizisten in Zivil tranken rund um die Idioten in den Bars Kaffee und telefonierten, neben uns saßen vier Engländer, die behaupteten, aus Birmingham zu kommen, aber nach ihrer Freundlichkeit, Distanziertheit und den ständig wandernden Augen zufolge eher von der Fanpolizei kamen. Es kann natürlich sein, dass das unser Verfolgungswahn war, der uns auch von den Stadien fern hielt. Lyon war die Ausnahme, wir waren zu Mittag dort, um 18 Uhr sollten Kroaten gegen Tschechen spielen. Es soll dann ja zu Schlägereien gekommen sein, die Kroaten unterbrachen mit Feuerwerken sogar das Spiel, als die Eigenen in Führung lagen. Aber Idiotie, auch wenn sie in Nationalfarbenleiberln kommt, ist eben keiner Logik zugänglich. Weiterlesen

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HANNES UND ICH VII

Der Duft von Lavendel

Im Eingang des ÖFB-Pressezentrums steht ein riesiges Plakat, das Robert Palfrader, Herbert Prohaska und Ivica Vastic zeigt. Die drei Männer mittleren Alters haben sichtlich Freude daran, als Werbefiguren für den Verband auftreten zu dürfen. Bei Prohaska und Vastic ist das sofort einsichtig, denn sie sind ehemalige Kicker, der eine analysiert für den ORF Spiele, der andere trainierte im abgelaufenen Spieljahr die Mannschaft von Mattersburg knapp am Abstieg aus der Bundesliga vorbei. Kein Wunder also, dass sie über eine leichte, sinnvolle Arbeit erfreut sind.

Das mit dem Palfrader auf einem ÖFB-Plakat wird sich auch noch klären. Der Mann tritt ja beim ORF als Kaiser verkleidet auf, und das finden nicht nur Manche lustig, der ORF ist auch ein Hauptsponsor und Übertragungspartner des ÖFB. Vielleicht stehen wir ja am Beginn einer großartigen Freundschaft, in der Akteure und Unterstützer ausgetauscht werden. Als nächster Schritt wäre die Mitwirkung des ranghöchsten Mitglieds der ÖFB-Monarchie, des Teamchefs Marcel Koller, als Werbefigur für die ORF-Religionssendung. Das ist ernst gemeint, Fußball ist eine Glaubensangelegenheit.

Marcel Koller hat nämlich zuletzt erkannt und öffentlich kundgetan, dass Portugals Stürmerstar Cristiano Ronaldo schnell ist und die Abwehr „kompakt stehen“ müsse. Außerdem müsse man „mehr Ruhe reinbringen“ in das eigene Passspiel. Das wird ohne Exerzitien nicht gehen. Wo doch Aleksandr Dragovic gesperrt und Zlatko Junuzovic verletzt ist. Junuzovic hat einen Teilabriss des äußeren Bandes im rechten Knöchel. Teamarzt Richard Eggenhofer hatte in der ersten Diagnose von stabilen Bändern gesprochen, tatsächlich ist ein Band also teilweise ab. Ob Junuzovic noch während der Euro wird spielen können? Schwer vorstellbar. Man kann sich leicht vorstellen, wie der Betreuerstab bei seinem Arbeitgeber Werder Bremen in die geballten Fäuste beisst und betet, dass der ÖFB den Jungen in Ruhe seine Verletzung auskurieren lässt.

Hier in Frankreich wächst überall Lavendel, nicht nur vor dem und in metaphorischem Sinn auch im ÖFB-Pressezentrum. Der duftet, dass es eine Art hat, gegen den Hunger und die einseitige Ernährung durch drei regelmäßige Fußballmatches jeden Tag helfen abgezupfte Lavendelblüten. Man hält sie vor die Nase und atmet kräftig ein und fast alles ist gut. Der Hannes, der in den vergangenen Tagen immer stiller geworden ist, und ich haben das Auto mit Lavendelblüten ausgelegt, sodass es jetzt duftet wie auf einem Lavendelfeld. Dadurch werden die langen, durch malerische Landschaften auf kurvigen Landstraßen führenden Fahrten noch schöner als sie ohnehin sind. Wir sind von Apt in der Provence nach Norden aufgebrochen, durch viele viele Platanenalleen, hinten schließt alle paar Minuten ein Tieflast auf, aber du kannst nicht nach rechts, weil rechts ist ein tiefer Graben entlang der Straße und wenn du dort hineinrutschst, hast du nicht nur einen Achsbruch, sondern wirst auch noch gefangen wie an einem Alleebaum, überschlägst dich und der Totengräber, der den Graben wahrscheinlich finanziert hat, braucht nur mehr zuschütten, was allerdings seine Marktchancen verringert.

Das stimmt natürlich alles nicht, es soll nur die Schönheit der französischen Landschaft nahe bringen, die sich aufs bildhübscheste mit malerischer Gegend abwechselt. Dazwischen Wälder, Wiesen, Kuhherden, Seen, der Gorges de Verdon, ein Canyon mitten in der Provence. Oder die Durance und die Loire, zwei gelassen dahinfließende Ströme, an deren Ufer beispielsweise das Chateauneuf du Pape, einst Schlösschen der während einer sogar für die katholische Kirche ungewöhnlich perturbierten Phase in Avignon residierenden Päpste. Jetzt ist von Schloss nur mehr ein verfaulter, über die Loire ragender Zahn übrig. Schwitzende Touristen klettern die paar Stufen hinauf und fotografieren die Ruine und sich selbst, fallen nachher aufseufzend in den Sessel eines Restaurants, trinken Papstschlosswein und sind für einige Minuten Teil einer gutvermarkteten Geschichte. Ich finde den Wein übrigens nicht so besonders, aber ich kenne mich nicht aus, was mich und den Hannes, der sich weinmäßig viel besser auskennt, schon 1998 in Margaux und der Medoc und jetzt wieder erstaunt hat, sind die von Horizont und weit darüber hinaus reichenden Weinfelder.

!998 hat übrigens der Chefredakteur des Standard, Gerfried Sperl, vorsichtig bei der Sportredaktion angefragt, warum sie solchen Unsinn von mir veröffentlichen, das mit den Weinfeldern, wo man doch wissen müsse, dass das Weinberge heißen und sein müssen. Ich bin sicher, dass er das inzwischen viel besser weiss, zu seiner Entschuldigung muss man sagen, dass er aus der Steiermark kommt, dort haben sie tatsächlich Weinberge, aber sie machen daraus nur Schilcher und so. Was angesichts des Landeshauptmanns Hermann Schützenhöfer und seiner ehemaligen langjährigen Vertrauten und Bürochefin Margit Kraker, die in einem Akt österreichischer Demokratie zur Präsidentin des Landesrechnungshofes bestellt wurde, ja noch ein geringeres Problem dieses Bundeslandes ist. Vor kurzem haben die Koalitionspartner ja die Frau Kraker zur Präsidentin des Bundesrechnungshofes gesalbt, die Schilcherdemokratie hat sich also durchgesetzt und von der Förderung der Ski WM 2013 durch die angebliche „Reformpartnerschaft“ von steirischer SPÖ und steirischer ÖVP und die nachfolgende Nicht-Prüfung des ÖSV will ich hier nicht wieder anfangen, sonst fragt mich der Hannes zu Recht, warum ich immer so grantig bin, wo es doch im Nationalpark in der Region Ardeche, wo wir grade herumgurken, so besonders schön ist. Weiterlesen

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HANNES UND ICH VI

DIE RUHE NACH DEM UNWETTER

Das Pressezentrum blieb an einem herrlichen Morgen in der Provence bis zu Mittag zu. Um 12 UIhr, eine Stunde vor dem Beginn der Pressekonferenz, öffnete der Verband die Arbeitsstelle der Journalisten, den Zugang zum Wifi, zu Kaffee und Essen und Informationen. Wobei, Informationen sind eher Schmalkost hier. Zwar werden jeden Tag drei Mitglieder des Teams präsentiert, aber die sagen nie mehr, als ohnehin alle Fragenden wissen. Der Trick dabei ist offenbar, dass die Fragenden ohnehin wissen, was die Antwortenden sagen werden und fragen daher genau danach. So bleibt alles im Gleichgewicht, und das war nach dem unerwarteten 0:2 gegen eine alles andere als inspirierte ungarische Nationalmannschaft schließlich das Wichtigste.

Die Ausnahme bildete die missgelaunte Figur des Gefäßchirurgen und Teamarztes Richard Eggenhofer. Er habe seine Diagnose schon in den Zeitungen gelesen, sagte er auf die Frage, was der am Knöchel bediente Teamspieler Zlatko Junuzovic habe. Es scheint sich um eine Überdehnung des Knöchels mit einem Bluterguss an der Außenseite zu handeln. Das tut ziemlich weh. Eine Magnetresonanzuntersuchung sollte Mittwoch abend Klarheit bringen, da Eggenhofer trotz Zeitungsstudium offensichtlich doch nicht so genau wusste, was Junuzovic hat. Wenn die Mr nun auch nicht endgültige Klarheit schafft, werden sicher einige gut recherchierte Artikel dem Gefäßchirurgen auf die Sprünge helfen. Schließlich tut der ÖFB ja nach des Sportdirektors Willi Ruttensteiners Worten alles, um die Professionalität der Teambetreuung auf ein noch nie dagewesenes Niveau zu heben. Weiterlesen

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HANNES UND ICH V

DIE EURO UND DER TRÜGERISCHE LÄRM

Als Dimitri Payet das 2:1 für Frankreich schießt, explodiert Pertuis. Zwei Kinder laufen aufgeregt über den Hauptplatz. In der Pizza-Tapas-Pastis-Bar blasen ein paar in den französischen Nationalfarben geschminkte Fans und der Kellner im italienischen Team-Trikot in ihr rotes Pfeiferl. Ein Papa, der das Match hypernervös verfolgt hat, umarmt seinen sichtlich erleichterten Sohn. Eine halbe Stunde später räumt das Barpersonal den Schanigarten auf, der Beamer ist abgeschaltet, die Leinwand ist nur mehr Leinwand. Der Ort gleitet unaufgeregt in die erste Nacht der Europameisterschaft. Fußball ist für die Menschen hier wieder nur Fußball, eine Beschäftigung oder bloß eine abendliche Ablenkung von den wichtigen Inhalten: Wein, Garten, Musik, Kulturfestivals, Abendessen.

Die Menschen hier im Luberon, einer Gegend der Provence, nehmen die Europameisterschaft mit Gelassenheit. In der Programmbroschüre „Agenda“ stehen hunderte Aktivitäten, die den Sommer über hier geboten werden. Über die Euro steht nichts drinnen. Im „Cafe Bleu“ in La Bastidonne antwortet Madame Noémie Francone, die Besitzerin, auf die Frage, ob sich die Menschen hier für Fußball interessieren, man werde sich die Spiele im Fernsehen anschauen.

In jedem Beisl, jeder Bar, jedem Restaurant läuft auf den Flatscreens das Euro 2016-Animationsprogramm auf vollen Touren. Die Zeitung „La Provence“ scheint nur aus Euro-(Vor)Berichten zu bestehen. Zwar werden auch Handballer und Basketballer interviewt, aber nur über die Euro. Frankreich, so scheint es, hat die Euro nötig, nur geht sie an den Menschen am Land vorbei.

Selbst in Mallemort wirkt die Begeisterung über das Turnier und die Gäste aus Österreich ein wenig bemüht, höflich, pflichtbewusst, freundlich. In ein paar Auslagen hängen vom Tourismusbüro verteilte Grußplakate an die „Autrichiens“, zum öffentlichen Training von Marcel Kollers Mannschaft kamen 500 Zuschauer. Im Cafe de la Poste, der größten Bar des Ortes, sitzt sogar ein Vertreter der Security und meditiert in die stille Straße hinaus. Daneben liegt das Tourismusbüro, in dem man sich über die blutrünstige Vergangenheit des Ortes informieren kann. Mallemort ist in einem leicht absurden Sinn geweihter Boden, hier schlachtete der örtlichen Legende zufolge der römische Feldherr Marius die widerspenstige Einheimischen, worauf die Überlebenden ihre Gegend „blutige Hügel“ tauften. Mitte des 16. Jahrhunderts begann in Mallemort die Verfolgung der Waldenser, einer religiösen Splittergruppe, die man auch als Protestanten vor der Reformation durch Martin Luther (1483 – 1546) charakterisiert hat. Weiterlesen

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