Der Pilot

Gedanken zu Matthias Strolz Abschied und seinen Argumenten dafür

Nein, ich bin nicht begeistert wie die gesamte Medienlandschaft über Matthias Strolz‘ Rücktritt. Ich habe seine in vielen Fällen oberflächlichen Meinungen nicht geteilt, sein Vortragsstil war immerhin kurzweilig. Ich habe schwere Bedenken, gegen eine „liberale“ Bewegung wie die NEOS, die sich von industriellen Tycoons wie HP Haselsteiner (mit)finanzieren lassen.

Querverweis: Ich halte das von Dietrich Mateschitz finanzierte „addendum“ für eine grundsätzliche Anmaßung und eine hauptsächliche Oberflächlichkeit. Aber dazu ein anderes Mal.

Nein, Strolz ist nicht der alleinige „Pilot“ seines Lebens. Er hat einen Nationalratswahlkampf geführt und den Wählern alle nur denkbaren Versprechungen seine künftige Arbeit im Parlament betreffend gemacht. Ein paar Prozent haben ihn dann doch gewählt und nach nicht einmal einem Jahr Arbeit haut er ab. Das ist nicht cool, das ist nicht in Ordnung und ihn deshalb als „Großen“ zu bezeichnen ist nur der argumentativen Hilflosigkeit des heimischen Innenpolitikjournalismus zuzuschreiben.

Strolz ist mit seiner Teilnahme an der Nationalratswahl eine Verpflichtung eingegangen, von der er sich nun bei gutem Wetter verabschiedet. Damit trägt er zur Erodierung der politischen Kultur in diesem Land, in dem so Typen wie Herr Gudenus zu einflussreichen Posten kommen können, bei. Nicht nur tut er damit der Demokratie keinen guten Dienst, weil er eine von Inkompetenz und Diskursverweigerung, von Sozialabbau und Verantwortungsverweigerung geprägte Regierung nicht mehr öffentlich und mit dem Gewicht seines Mandats kritisiert. Er gibt auch ein schlechtes Beispiel indem er glauben macht, die Entscheidungshoheit über seine Lebensgestaltung liege ausschließlich in seinem höchstpersönlichen Bereich.

Das ist nicht der Fall, wenn man wie Herr Strolz ein Mandat und damit eine öffentliche Verantwortung übernommen hat. So zu tun, als sei das doch der Fall, ist fast schon kindisch, damit durchzukommen zeigt, wie sehr es der österreichischen Demokratie an einer kritischen Öffentlichkeit und pflichttreuen Amtsträgern mangelt.

Wenn man, meiner Meinung nach zu Recht, die Verantwortungsscheu und Inkompetenz des Kabinett Kurz kritisiert, sollte man dieselben Maßstäbe auch an Politiker der Opposition anlegen. Und Strolz war, trotz des beschränkten Wählerzuspruchs zu seiner Mini-Partei, eine kritische Stimme, die weit über die Resonanz seiner Partei gehört wurde.

Er soll sein Leben gestalten, wie er das will, dazu alles Gute. Er soll aber auch wissen, dass sein Abschied negative Impulse ausgesendet hat.

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Eine zweifelhafte Bestellung – Doskozils Erbe mit Ablaufdatum

Die Ernennung des Ex-Tennisprofis Clemens Trimmel zum Geschäftsführer der Bundessport GmbH erfolgte unter bemerkenswerten Umständen.

Mitte November ist die Champions Sports Bar des Wiener Hotels Marriott gerammelt voll, Sportminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) präsentiert dort die Geschäftsführer der neuen Bundessport GmbH: Clemens Trimmel, einst Tennisprofi, und Michael Sulzbacher, seit 1999 Geschäftsführer der Bundessporteinrichtungen GmbH (BSG).

Trimmel soll künftig Sportförderungen bemessen und vergeben, Sulzbacher wird als kaufmännischer Direktor für das Budget zuständig sein. Es sind zwei zentrale Funktionen in Österreichs Sportförderwesen, deshalb ist deren Besetzung gesetzlich geregelt.  Trimmel und Sulzbacher sind nach dem geplanten Inkrafttreten der BSK für die Verteilung von 120 Millionen Euro Bundessportförderung pro Jahr zuständig.

Und das kam so.

Doskozil war noch nicht lange im Amt, als er das Desaster der österreichischen Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 erlebte: eine Bronzemedaille des Seglerduos Tanja Frank/Thomas Zajac war die einzige Ausbeute. Statt die Probleme und Defizite des heimischen Sportbetriebs zu analysieren und Ziele der künftigen Arbeit zu definieren, ging Doskozil den oftmals erprobten und stets in die Irre führenden Weg seiner Vorgänger: er wollte „die Strukturen“ reformieren. Das Hauptanliegen dabei war, Fördergeldempfänger wie beispielsweise große Sportverbände von den Fördergeldverteilern, beispielsweise ÖSV-Präsident Schröcksnadel oder ÖFB-Präsident Leo Windtner, zu trennen. Also ließ er das Bundessportförderungsgesetz 2017 verfassen, das im vergangenen Sommer als eines der letzten Gesetze das Parlament passierte und eben die Gründung der Bundessport GmbH als neue Subventionsverteilungsstelle nach sich zog.

Bei der Postenbesetzung wählte der Minister Promis statt anerkannter Experten: Er installierte Armin Assinger, den ORF-Quizmaster („Die Millionenshow“), als Aufsichtsratsvorsitzenden der BSG. Assinger hat noch nie einen Aufsichtsrat geführt und noch nie Sportförderungen verhandelt oder vergeben. Er wird die rechtmäßige Vergabe von Steuergeld kontrollieren.

An jenem Morgen in der Champions Sports Bar offenbarte BSG-Aufsichtsratsvorsitzender Assinger, wie er sich für den Posten qualifizierte hatte: Bei einem Zusammentreffen mit dem Minister bei einer Diskussion über Schulskikurse wenige Monate zuvor kamen die Herren ins Gespräch, und Doskozil war offenbar so begeistert von Assingers, dass er ihm wenig später den Job anbot.

Von den beiden Geschäftsführern der BSG ist einer der das Budget, der andere für die Bemessung und Administration der Sportförderungen zuständig. Doskozil konnte den einen, für die kaufmännischen Angelegenheiten zuständigen Geschäftsführer, also Michael Sulzbacher, quasi freihändig bestellen. Sulzbacher ist ein Profi, der seit 1999 eine 100% Tochter des Bundes, die Austrian Sports Resorts, leitet. In dieser Gesellschaft sind die 1999 ausgegliederten Bundessportheime zusammengefasst, sie wird nun der Bundes Sport GmbH angeschlossen, Sulzbacher ist für die wirtschaftlichen Agenden beider Gesellschaften zuständig.

Für den sportlichen Geschäftsführer, Trimmel, brauchte Doskozil den Vorschlag des BSG-Aufsichtsrates. An dieser Stelle setzen die Zweifel an, ob die Konstruktion das halten kann, was sie verspricht.

Der Aufsichtsrat, den es gar nicht gibt

Das Bundessportförderungsgesetz 2017 sieht in Paragraf 32, Absatz 2 vor:

„Die Bundesministerin/der Bundesminister für Landesverteidigung und Sport hat die Geschäftsführerinnen/die Geschäftsführer auf die Dauer von fünf Jahren zu bestellen, die Geschäftsführerin/den Geschäftsführer für Förderungen der Sportorganisationen auf Vorschlag des Aufsichtsrates.“

Das heißt, dass eine erst am 1. 1. 2018 zu gründende Gesellschaft im Sommer einen Aufsichtsrat haben musste, um Doskozil bei der Bestellung des Geschäftsführers beizustehen. Das ist rechtlich nicht möglich. Der Präsident der Bundes Sportorganisation Rudolfs Hundstorfer ist einer der Aufsichtsräte der BSG und löst den Konflikt so auf: „Der Minister kann alle vorbereitenden Maßnahmen treffen, um die Gesellschaft entstehen zu lassen. Karl Stoss, Ulrich Zafoschnig, Armin Assinger und ich haben uns als Expertenrunde getroffen und einen Vorschlag gemacht.“

Das heißt, der Aufsichtsrat war noch kein Aufsichtsrat, als er dem Gesetz folgend dem Minister riet, den Ex-Rodler Markus Prock, den amtierenden Geschäftsführer des Bundessportförderungsfonds (BSFF) Wolfgang Gotschke oder Clemens Trimmel zu ernennen.

Stimmt. Ist aber eher egal, sagt der Anwalt und Gesellschaftsrechtsexperte Peter Melicharek. Melicharek: „Ein Aufsichtsrat ist mit Eintragung der Gesellschaft im Firmenbuch im Amt.“ Und die soll wie gesagt am 1. 1. 2018 erfolgen. Die „Umgehung“ der Vorschlagspflicht durch eine „Herrenrunde“ sei „mit Einschränkung“ in Ordnung, falls die „mögliche Umsetzung der gefassten Willensbildung durch billigende Kenntnisnahme nach Errichtung“ ermöglicht werde.

Armin Assinger anwortete auf Fragen nicht.

Da Doskozil als Sportminister noch vor Weihnachten nach der Angelobung der neuen Regierung durch Vizekanzler HC Strache ersetzt wird, steht diese nachträgliche Billigung allerdings in Frage. Die FPÖ steht der Auslagerung der Förderagenden vom Sportministerium in die BSG skeptisch gegenüber und könnte das ganze Konstrukt kippen.

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer problematischer Aspekt von Interesse. Der Jurist des Sportministers, Alois Schittengruber, erstellte nämlich Anfang Oktober eine Expertise, in der er die BSG bloß als neue Rechtsform des seit vier Jahren bestehenden Bundessportförderungsfonds (BSFF) bezeichnet.

„Gemäß § 28. Abs. 1 BSFG 2017 wird der durch BSFG 2013 eingerichtete Bundes-

Sportförderungsfonds mit Wirksamkeit 1.1.2018 in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit der Firma „Bundes-Sport GmbH“ umgewandelt“, schreibt Schittengruber. Es handle sich um eine „formwechselnden Umwandlung“, bei der „die Rechtsverhältnisse, wie zum Beispiel aufrechte Arbeitsverhältnisse, als ident fortgesetzt“ werden.

War eine Ausschreibung überhaupt notwendig?

Das heißt, von der Verteilung der Fördergelder über die Geschäftsführung bis zum Betriebsrat übernimmt die BSG alle Rechte und Pflichten des BSFF. Bei der Errichtung einer Gesellschaft ist laut §110 Arbeitsverfassungsgesetz der Betriebsrat beizuziehen. Das geschah jedoch nicht. Was in diesem Fall nicht schlimm ist, da die BSG ja erst am 1. 1. 2018 und mit ihr auch der Aufsichtsrat entsteht.

„Wir können nix machen“, sagen die BSFF-Betriebsräte Barbara Oesen-Blain und Christian Halbwachs. Sie haben sich bei der Arbeiterkammer und beim ÖGB erkundigt und erfahren, „dass der Herr Minister mehr oder weniger machen kann, was er will, um die Gesellschaft vorzubereiten.“

Freundlich war es freilich nicht und für einen sozialdemokratischen Minister keine Ruhmestat, den Betriebsrat nicht zu informieren und einzubinden.

Macht wiederum nix, sagt Doskozil in einer ausführlichen Stellungnahme, denn über die Geschäftsführung könnten Betriebsräte nicht mitbestimmen. Die neue Gesellschaft erwachse erst am 1. Jänner 2018 in Rechtskraft, dann übernehme der alte Betriebsrat, also der des BSFF, die neue Funktion und könne Mitglieder in den Aufsichtsrat entsenden.

Verwirrend, mag sein, aber verwirrend sind auch die Folgen von Doskozils Entscheidung

Der bisherige Geschäftsführer des Bundessportförderungsfonds (BSFF), Wolfgang Gotschke, geht nämlich bis Februar 2019 auf Staatskosten spazieren. Er hätte laut Schittengrubers Analyse bis zum Ende seines Vertrags weiterbeschäftigt werden können. Gegen Ende seines Vertrags hätte man in Ruhe den Nachfolger ausschreiben und, auch mittels eines Dreiervorschlags des dann ordentlich konstituierten Aufsichtsrats installieren können.

Der einzig mögliche Schluss aus Schittengrubers Analyse: Die Ausschreibung und die ihr folgenden Umwege waren überflüssig. Ein weiterer möglicher Schluss aus dem geschilderten Procedere: Doskozil wollte unbedingt und noch im letzten Augenblick Fakten schaffen.

Auch die Sportverbände hatten sich Gotschke als neuen alten Geschäftsführer gewünscht und Doskozil vorgeschlagen. Doch Doskozil ignorierte den Wunsch der Sportfunktionäre.

Wäre er diesem Wunsch gefolgt, hätte er sich auch die Diskussionen um Trimmels Qualifikation erspart. Sie bildet einen weiteren Ansatzpunkt für die neue Regierung, die vorliegende Regelung zu kippen

Die Kleider des Neuen

Eine Postenbesetzung in einer 100-prozentigen Tochter des Bundes unterliegt den Vorschriften des Stellenbesetzungsgesetzes. Demnach hat das für die Besetzung zuständige Organ, also Minister Doskozil, „die Stelle ausschließlich aufgrund der Eignung der Bewerber zu besetzen“.

Die öffentliche Ausschreibung hält die wesentlichen Kriterien der Eignung fest, die alle Kandidaten nachzuweisen haben.

16 Männer und eine Frau reichten eine Bewerbung für den sportlichen Geschäftsführer ein. Das Personalberatungsunternehmen Arthur Hunt führte mit sechs von ihnen ein Assessment Center durch. Aus dem fünfstündigen Test, in dem komplexe Managementfähigkeiten wie Delegieren, Erkennen von Zusammenhängen und Setzen von Prioritäten geprüft wurden, ging Trimmel als Bester hervor.

Wiens Bürochef von Arthur Hunt, Jacques A. Mertzanopoulos, weist darauf hin, dass es sich dabei um eine Momentaufnahme handle: „Vergangenheit und Vorwissen zählen nicht. Der Test ist standardisiert, also bei allen Kandidaten genau gleich.“ Die Ausschreibung verlangt aber auch Erfahrung in der Sportförderung, „Fähigkeit zur Führung von Mitarbeitern und in Veränderungs- und Innovationsprozessen“.

Trimmel studierte nach dem Ende seiner Tennisprofikarriere an einer Fachhochschule Unternehmensführung und arbeitete anschließend als Produktmanager beim Glücksspiel- und Sportwetten Anbieter bwin. Von 2012 bis 2014 war er Daviscup-Kapitän und Sportdirektor im Österreichischen Tennisverband.

Doskozil will Trimmels Tätigkeit als Daviscup-Kapitän und seine Mitarbeit an den Sonderförderprojekten „Rio 2016“ und „Projekt Olympia“ als Beweis seiner Qualifikation gewürdigt sehen. Ob das reicht? Trimmel sammelte bloß die Wünsche der Verbände ein, die Abwicklung und Kontrolle erfolgte im Ministerium.

Dort kontrolliert seit Jahren eine erfolglose Mitbewerberin Trimmels, Doris Di Giorgio, Sporttförderungen, zum Beispiel das „Projekt Olympia“, und bewarb sich als einzige Frau unter 17 Bewerbern. „Welche fachliche Qualifikation hat er?“, fragte sie gegenüber der Tageszeitung Der Standard. „Offensichtlich wurden schon im Vorfeld entsprechende Vereinbarungen getroffen, von einem offenen und fairen Verfahren ist daher keine Rede“, sagt Di Giorgio.

Dem Ansinnen der Schiebung widerspricht Mertzanopoulos entschieden. „Es gab keinerlei Vorgabe“, sagt er.

Ob der Vertrag Trimmels klug war und halten wird, ist eine andere Frage. Der neue Sportminister könnte allenfalls einen neuen Geschäftsführer suchen. Trimmels Vertrag löste sich aber „nicht durch seine Entfernung aus dem Amt auf“, schreibt Anwalt Melicharek. „Er müsste aufgelöst werden.“ Um viel Geld. Die Gehälter der beiden BSG-Geschäftsführer bewegen sich jeweils jenseits der 200.000 €-Marke.

Der „rechtliche Schwebezustand“ der Bundes Sportgesellschaft“ wird erst „durch Eintragung im Firmenbuch und Duldung/Billigung der bestellten Geschäftsführung durch den dann im Amt befindlichen Aufsichtsrat“ geheilt, sagt Melicharek. Das Spannungsmoment in diesem Spiel ist die Regierungsumbildung.

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Der größte Kasperl von allen verlässt die Arena

Usain Bolt war zu perfekt. Er lief wie ein Biomechanikerrechenmodell und machte mit seinen aufgesetzten Faxen auf leutselig. Ich habe ihm das nicht abgenommen. Da war Carl Lewis, der auch neun Olympia-Goldene hat, glaubwürdiger. Lewis war ein Dopingbetrüger, der US-Verband schützte ihn. Aber Lewis hatte in seiner ganzen Falschheit mehr Würde als Bolt mit seinen Grimassen.

Lewis gilt bis heute als Held. Seinen Kontrahenten Ben Johnson (CAN), Olympiasieger von Seoul 1988, stellten sie an den Pranger.

Wer kennt noch Walerij Borsow (UdSSR), Olympiasieger über 100 m in München. 1972. Er soll das verbotene Dianabol geschluckt haben. Konnte keiner nachweisen, Dopingkontrollen interessierten keinen Menschen.

Palästinensische Terroristen stürmten das israelische Quartier und ermordeten alle Geiseln. Der IOC-Präsident, US-Unsympathler und Nazi-Sympathisant Avery Brundage erklärte: „The Games must go on!“

Wer soll an den Zirkus noch glauben? Dopingbetrüger Justin Gatlin (USA) hat dem sauberen Bolt die 100 m weggenommen. Von den 20 individuellen Bestzeiten über 100 m wurden alle wegen Dopings gestrichen. Nur Bolts Zeiten nicht. Darunter der Weltrekord von 9,58 Sekunden vom 16. August 2009 in Berlin. Der nächste cleane Kasperl ist schon auf dem Weg.

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„Auf dem Platz bin ich ein Ungustl“

Günter Bresnik erzog Dominic Thiem zu einem höflichen jungen Mann und erfolgreichen Tennisspieler

An einem glühend heißen Samstagvormittag steht ein mittelgroßer Mann in Shorts, blaukariertem Kurzarmhemd und Dreitagesbart im Foyer des Universitätsinstituts für Sportwissenschaften auf der Schmelz. Die Bundessport Akademie hat Günter Bresnik (56) zur Trainerfortbildung eingeladen. Vier Stunden lang wird er Fragen von Trainern nach dem neuen Tenniswunderkind Dominic Thiem beantworten. Die Schlüsselfrage: „Wie hat er das gemacht, einen achtjährigen Buben in einen der besten Tennisspieler der Welt zu verwandeln?“ Die Antwort ist unspektakulär und eine Konsequenz von Bresniks bürgerlicher Erziehung. „Wichtig ist nicht, was du in deinem Leben machst. Wichtig ist, dass du es mit Leidenschaft und gut machst.“

Das heurige Turnier von Wimbledon (3. – 16. Juli) betritt Thiem nicht als Mitfavorit, so weit ist er noch nicht. Außerdem ist Rasen nicht sein Lieblingsspielplatz. Doch der erste Sieg in einem „Grand Slam“ Turnier zeichnet sich ab. „Er wird jeden Tag besser“, sagt Bresnik. Im Mai 2015 gewann Thiem in Nizza sein erstes Turnier auf der Tour der Association of Tennis Professionals ATP. Es war der Beginn eines steilen Aufstiegs unter die Top Ten.

Die „Grand Slams“ von Wimbledon (London, Rasen), French Open (Paris, Sand), Australian Open (Melbourne, Hartplatz)  und US Open (New York, Hartplatz) sind die Höhepunkte des Jahreszyklus. Wer eins davon gewinnt, ist ein Besserer unter den Guten. Bei den French Open Anfang Juni spielte sich Thiem bis ins Semifinale, ohne einen einzigen Satz abzugeben. Dort traf er auf den späteren Turniersieger Rafael Nadal ESP, 31), der ihn in drei gnadenlosen Sätzen (6:3, 6:4, 6:0) heimschickte. Als einziger Österreicher gewann Thomas Muster 1995 in Paris und war noch dazu Nummer 1 der Weltrangliste (1996).

Dominic Thiem wird der zweite Österreicher sein. Er verdankt das Günter Bresnik und vielleicht auch seiner Zeichenlehrerin im Gymnasium. Die hängte ihm in der sechsten Klasse einen Nachzipf in Bildnerischer Erziehung an. Worauf er mit der Zustimmung der Eltern die Schule verließ und Tennisprofi wurde. „Es war auch kein großes Risiko“, sagte Bresnik bei der Trainerfortbildung, „der Dominic ist ein blitzgescheiter Bub, der kann in zwei Jahren die Matura nachmachen.“ Tennis war ihm lieber, sieben Jahre später ist er der Achtbeste von zig Millionen Tennisspielern.

Zielstrebigkeit in jeder Lebenslage ist so ein Grundsatz Bresniks. Er entspringt wie viele Prinzipien des Spitzensports einer bürgerlichen Lebenseinstellung, die Erfolg als Ziel im Leben predigt. Die Mittel und Wege zur Erreichung dieses Ziels folgen der Überzeugung, dass jeder Mensch für sein Schicksal allein verantwortlich sei und prinzipiell alles erreichen könne.

In seinem Buch „Die Dominic Thiem Methode – Erfolg gegen jede Regel“ leitet er diese Haltung aus der Erziehung durch seine Eltern ab. Vater und Mutter Bresnik stammten aus armen Verhältnissen, studierten unter Entbehrungen Medizin, die Mutter gab für den Sohn und dessen Schwestern die Arbeit auf, der Vater machte als Arzt Karriere. Dessen „überragende“ Einstellung zum Beruf hat der Sohn und Tennistrainer übernommen. Alle Handlungsgrundlagen und Charaktereigenschaften, die aus einem Kind einen erfolgreichen Spitzensportler machen, gelten Bresniks Überzeugung zufolge im Leben. Spitzensportliches Training ist also bloß eine Spielform des ganzheitlichen, zielorientierten, pragmatischen Bildes des Menschen als Schöpfer seines eigenen Glücks. „Unzulänglichkeiten behebt man durch richtiges, ausdauerndes, konzentriertes Üben“ schreibt er. Oder: „Es gibt nichts Schlimmeres als ungerechtfertigtes Selbstvertrauen.“

Bresnik hat mit einigen großen Tennisspieler, Patrick McEnroe, Jakob Hlasek, Boris Becker, Henri Leconte, gearbeitet. Heute ist er einer der gefragtesten Trainer der Welt, regelmäßig kommen Spieler aus den Top 50 in Bresniks Tennisakademie in der Südstadt und suchen Trost und Rat. In Österreich begannen sie ihn ernst zu nehmen, als Dominic Thiem Mitte Mai im Viertelfinale des Turniers von Rom den besten Sandplatzspieler aller Zeiten, den Spanier Rafael Nadal (31), 6:4, 6:3 besiegte.

„Wenn du einen Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic besiegen willst“, sagt Bresnik, „musst du nicht nur besser Tennis spielen als sie. Du musst auch stark genug sein, um ihre Aura zu besiegen.“ Die drei Herren sind die wichtigsten Tennisspieler unserer Tage, Federer ist nach Bresniks Urteil der Favorit für Wimbledon und überhaupt der Spieler, der „der göttlichen Idee des Tennis“ am nächsten kommt. Dominic Thiem gehört zu einer Gruppe junger Wilder, die die in die Jahre gekommenen Könige ablösen und sich die Führung der Weltrangliste untereinander ausmachen wird.

Bresnik bezeichnet sich selber als „den besten Mentaltrainer“, weil er seine Spieler besser kennt als jeder andere. Er übt mit ihnen, coacht sie in Turnieren, tröstet und korrigiert sie. „Mentaltrainer profitieren meist mehr von den Spielern als umgekehrt“, sagt er. Trainerarbeit umfasse alle Aspekte, von der Ernährung bis zur Kleidung, die Zerlegung in Zuständigkeiten ist nicht Bresniks Sache.

Die Kollegen wollen Einzelheiten von Bresniks Methode wissen. Wenn Eltern dreinreden? „Stelle ich das ab oder beende die Zusammenarbeit.“ Nach welchen Kriterien wird das Wettkampfjahr geplant? „Nach den Grand Slams. Die sind die Grundversorgung für einen Top 100 Spieler.“ Wer dort in der ersten Runde spielt, erhält 35.000 Euro Antrittsgeld. War Thiem ein außergewöhnliches Talent? „Was ist Talent?“ fragt Bresnik. „In Österreich versteht man darunter jemanden, der mit weniger Aufwand als Andere sein Ziel erreicht.“

„Talent“ sei ein komplexes Phänomen, und koordinative Begabung nur ein kleiner Teil davon. Spitzensport sei Arbeit, sagt er. Das halte nur jemand aus, der das unbedingt will. Dominic Thiem, der Bub, der nicht stillstehen konnte, wollte. Eine komplexe Sportart wie Tennis wirklich zu lernen setzt die Bereitschaft des Kindes im Alter von sieben, acht Jahren voraus, jeden Schlag in jeder Stellung, im Stehen, Vorwärts- und Rückwärtslaufen, im Beschleunigen und Bremsen zu üben. Zehn, 15 Stunden in der Woche. Über zehn, 15 Jahre hindurch. Das geht nur, wenn das komplexe Lebensbild eines Heranwachsenden auf das Wesentliche zusammengestutzt wird.

Spitzensport wird gern als Spiegel der Gesellschaft beschrieben. Der Erfolgreiche erntet den Lohn seiner Bemühungen. Auf dem Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien bilden sie Sportwissenschaftler, Trainer und Turnlehrer aus, die Kinder Freuden und Mühen des Sports beibringen sollen. Ausgerechnet die Professur für Sportpädagogik will die Universität demnächst einsparen. Die Fragestunde mit Bresnik kann auch als Plädoyer gegen die Unsinnigkeit dieser „Reform“ verstanden werden.

Wenn Bresnik sagt, „ich bin mit dem diktatorischen Ansatz gut gefahren“, setzt er einen Seitenhieb gegen die Beliebigkeit und Spaßestrunkenheit vieler heutiger Pädagogen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ das Lob der anthropogenen Selbstdisziplinierung gesungen. „Üben, üben, üben“ sei der Auftrag des Menschen.

Wenn Bresnik gegen die mediale Inszenierung junger Sportler argumentiert, erinnert er sich an seinen ersten großen Spieler, Horst Skoff (1968 – 2008). „Er war wie ein kleiner Bruder für mich“, sagt Bresnik. Für Skoff wechselte der Medizinstudent Bresnik in den Tennistrainerjob. Jahre später verließ ihn Skoff für einen anderen Manager, verlor seinen Weg, vergeigte die Karriere. 2008 fand man ihn bewusstlos in einem Hamburger Hinterhof, er war schwer zusammengeschlagen worden und starb Tage später an seinen Verletzungen.

Diese Erfahrung bestärkte wohl Bresniks Bestehen auf Kontrolle und Verantwortung für das kleinste Detail. Seine Schützlinge müssen Schläge exakt so ausführen, wie er es vorschreibt, ob das der Top 50 Spieler ist oder ein achtjähriger Neuling. „Technik ist Kontrolle“, sagt er. Trainer zu sein, ist die Kontrolle über den Kontrollerwerb. „Ich bin auf dem Platz ein Ungustl“, sagt er. Man darf sich den begnadeten Spitzensportler Dominic Thiem als Menschen vorstellen, der glücklich ist, von einem Diktator erzogen worden zu sein.

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Spitzensport ist Business um jeden Preis, das will Österreich nun auch

Die Leichtathletik will ihre Vergangenheit säubern. Ein löbliches Unterfangen, erinnert halt an die Arbeit von Zentralkomitees in den Staaten des Ostblocks. Alle Weltrekorde vor 2005 sollen gelöscht werden. Weil der Geruch des Dopings an ihnen haftet und sie unglaubwürdig macht.

Die New York Times, journalistischer Leuchtturm der freien, objektiven, westlichen Welt, erzählt die Geschichte der Tschechoslowakin Jarmila Kratochwilowa. Sie lief 1983 800 m in 1:53,28 min. Die Zeit wurde nie unterboten. Kratochwilowa dient der Times als Beweis des Staatsdopings im Ostblock. Damals waren Athleten die Opfer überdrehter nationaler Renommiersucht.

Es ist dies die kleine, sportliche Abart des Wahns von Wachstum und Standortsicherung, den SPÖVP in die Verfassung schreiben will. Natürlich sind beide Phänomene radikal verschieden. Die zugrundeliegende Mentalität jedoch ist sehr wohl vergleichbar: Business/Erfolg um jeden Preis. Um den Preis der Gesundheit, der Umwelt, der Ehrlichkeit. Kratochwilowa sagt, sie habe nie gedopt. Beweise fand die NYT keine. Schön wärs, könnte man das „Staatsdoping Wachstumsideologie“ wie ein verbotenes Präparat nachweisen und absetzen.

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Death Valley oder Grand Canyon, das ist die Frage

Die Wahl in den USA ist eine Art Fernrohr in die Zukunft der Demokratie. Auch in die Varianten einer mit großem Geld geschmierten Regierungsmaschine.

Reportagen über die Stimmung in den USA sind derzeit in Mode und notwendig. Auf einer Fahrt durch den Südwesten der USA, von San Francisco über den Yosemite National Park und den Grand Canyon, dann in den Süden zur Route 66 wieder zurück nach San Francisco trifft man viele Amerikaner, die nichts von ihrer Regierung halten. Aber schon gar nichts. „The Land of the Free“ hat irgendwie den Kontakt zu seinen gewählten Repräsentanten verloren. Wer sich täglich die endlosen inhaltsschwachen Talk-Shows zu den Wahlen anhört, in denen kaum Neuigkeiten berichtet, aber Unsäglichkeiten von politischen Kommentatoren, Kampagnenhelfern beider Seiten und Journalisten wiedergekaut werden, kriegt ein Gefühl für die Distanz und die Verachtung, die in der größten Demokratie der Welt herrscht.

Die Fahrt durch den Yosemite National Park nimmt gut und gern drei Stunden in Anspruch. Auf der mehr als 100 Meilen (160 km) langen Fahrt begegnen Jerry, der Cousin meiner Frau, und ich, vielen Touristen. Auf dem nach dem Nationalpark-Pionier Frederick Olmsted benannten Aussichtspunkt plappert eine Gruppe Franzosen aufgeregt über den Granitblock des Half Dome, dessen mehr als 2000 m senkrecht abfallende Wand ein Dorado für Kletterer ist.

Wer den National Park besucht, muss 8 $ Eintritt zahlen. Kathleen versah Dienst im Postenhäuschen. Sie hat glatte, schulterlange, blonde Haare mit silbernen Strähnen, die ihr vom breitkrempigen Ranger-Hut bis auf die Hüften fallen. Sie wird Trump wählen. Warum? „Hillary ist eine Lügnerin, und sie verursacht den Tod von Menschen.“

Und Trump ist kein Lügner? „Er lügt auch“, räumt Kathleen ein. „Aber er ist nicht für den Tod von Amerikanern verantwortlich.“ Sie spielt offenbar auf die Bombenattacke im Jahr 2012 gegen zwei Einrichtungen der UISA in Libyen an, die dem US-Botschafter J. Christopher Stevens und drei weiteren Amerikanern das Leben kosteten. Donald Trump behauptete in seinem Wahlkampf, das Fehlverhalten der damaligen Außenministerin Clinton habe den Tod der US-Bürger zur Folge gehabt. Trump konnte dafür bisher keine Beweise vorlegen. Andererseits hängen diese Vorwürfe mit der „E-Mail-Affaire“ Clintons zusammen. Sie hatte während ihrer Amtszeit als Ministerin unter Präsident Barack Obama oftmals einen privaten und nicht den offiziellen, sicheren Server für ihre Mails verwendet.

Wir kamen von San Francisco, frühstückten in der mitten im Wald gelegenen Evergreen Lodge – dort warnen sie vor Bären und Cougars, die auch Berglöwen heißen und bis zu 100 Kilogramm schwer werden. Wenn sich so ein Jäger nähert, soll man sich möglichst groß und viel Lärm machen, dann trollen sie sich wieder. Als Österreicher, der vollkommen gefahrlose Wälder gewöhnt ist, muss man erst das Erstaunen und leise Unbehagen an einen Spaziergang im Wald hinunterschlucken, der womöglich durch den Auftritt eines Braunbären geschmückt wird. Aber hier reden sie unaufgeregt darüber, als handle es sich um Bambi.

 

Über dem Geisterdorf Bodie rührte sich kein Lüftchen. Vom Ausgang des Yosemite Parks muss man ein paar Meilen nördlich fahren, vorbei am Mono Lake, der eine ähnliche Wasserqualität hat wie das Tote Meer. Dana, eine kleine, pummelige, resolute Person, steht im Häuschen zum Eingang in dieses Freiluftmuseum des amerikanischen Traums. Mr Bodey 1859 Gold entdeckte. Am Eingang versah Mrs. Dana Dienst, sie verachtet beide Präsidentschaftskandidaten, wird aber Hillary Clinton wählen. „Sie ist das kleinere Übel“, sagt sie knapp.

Der Goldrush begann hier in den Fünfzigern des 19. Jahrhunderts, als Mr Bodey Gold entdeckte und endete schon 20 Jahre später. Das Gold in den Minen war abgebaut, ein verheerendes Feuer vernichtete fast die ganze Stadt. Heute stehen hier nur mehr einige pittoreske Holzhäuserruinen und das übliche Heimatmuseum mit Bildbänden und Fetischen.

Dana kassierte den Eintritt. „Ich denke, sie sind beide nichts wert“, sagte sie über die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump. Aber sie werde zur Wahl gehen und ihr Kreuzchen für „Hillary“, wie hier alle sagen, machen. „Sie ist das kleinere Übel.“

Jerry war selbst neugierig, was seine Landsleute „auf dem Land“ über die Wahl denken. Lehnen sie die Regierung so sehr ab, dass sie den Wahlkampf gar nicht beachten? Was macht den Unterschied zwischen den Kandidaten aus, folgen sie den von den Medien transportierten Argumenten, oder geht der Medienhype an ihnen vorbei?

Überraschenderweise fanden wir keinen einzigen Menschen, der das Gespräch über die Wahl verweigerte. Alle Angesprochenen nahmen lebhaft Stellung und in der überwiegenden Zahl konnten sie ihre Meinungen auch eloquent begründen. Das heisst noch nicht, dass sie die via TV transportierte Propaganda unter Zuhilfenahme anderer Quellen reflektiert hatten. Ganz im Gegenteil, wir fanden oft die Phrasen des Unterhaltungssenders Fox TV, der sich als News-Station ausgibt und aggressiv Stellung für Trump und die Republikaner nimmt, in den Antworten unserer Gesprächspartner.

Vom Kassier an der Tankstelle über den Angestellten im Guitar Center von San Francisco (dort waren alle für Hillary Clinton) bis zum Mitarbeiter eines Transportunternehmens, den wir mit seiner Frau in einem mexikanischen Schnellimbiss in der Kleinstadt Kingman an der historischen Route 66 trafen – alle sprachen in ganzen Sätzen, die mehrere Punkte der öffentlichen Debatte enthielten. Die Demokratie in den USA hängt am seidenen Faden der TV-Formate, in denen ein brutaler, streng formalisierter und untergriffiger Diskurs geführt wird.

Kein Wunder, dass der demokratische Prozess im Wesentlichen im Austausch von vorgefassten Meinungen besteht. Viele Amerikaner, wie auch Kathleen oder das Ehepaar Gene und Walter, das ich in einem Taco Deli in Kingman befragte, halten Clinton für eine Lügnerin und für eine Gefahr für das Land. „Ich habe Angst“, sagt Gene, „dass sie die Abtreibung bis zum Geburt freigibt, wir werden unser Recht verlieren, Waffen zu tragen, und sie zerstört für die Banken die Wirtschaft.“ Ihr Ehemann Walter, ein Schrank von Mann in einem weiss-blau karierten Hemd, nickte und fügte hinzu: „Trump ist auch nicht perfekt, aber er ist der Beste.“

Das Death Valley ist so ein typisch amerikanischer Fall: großer Name für eine kleine Aufregung. Keine 200 Kilometer, und man ist durch. Auf dem Weg ein paar Sanddünen, der tiefste n Punkt der Fahrt auf einer Hochschaubahn von Straße liegt 100 Fuß unter dem Meeresspiegel. Als wir am östlichen Ende herauskamen, passierten wir Zabriskie Point. Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni hat einem Film (1970) über die rebellischen, selbstbezogenen Sehnsüchte der Hippie-Bewegung den Namen des Aussichtspunktes gegeben. 46 Jahre später ist das bloß noch ein Punkt auf einer Touristenstricherlliste und alle hochfliegenden Ambitionen dieses Landes, oder die in die USA projizierten Hoffnungen scheinen verflogen.

Vor der Fahrt durch das Dearth Valles legten wir in Bishop’s eine Pause ein, kaufen im Schat’s, einer sensationellen Bäckerei, Mandeltörtchen, Croissants und Schokolade als Proviant. Frühstückten anschließend in einem Buchgeschäft mit angeschlossenem Kaffeehaus. Janet, Juliet und Francis, drei energische ältere Damen, halten Trump für ein Verbrechen an den USA. „Ja, hier sind die meisten für Hillary“, sagt Janet, „aber viele sagen es nicht offen.“ Und Juliet: „Du darfst in so einem kleinen Ort niemanden vor den Kopf stoßen weil du nicht weißt, wann und zu welcher Gelegenheit du ihn wieder siehst.“ Ein Jammer, wie niedrig das Niveau der Kandidaten sei, seufzt Francis.

Auf dem Flughafen von Kingman ein paar hundert Meilen weiter stehen tausende abgewrackte Flugzeuge. Vom süßen, bauchigen Doppeldecker bis zu riesigen, gelben Frachtjets von DHL. Die Luft ist hier so trocken, dass sie nicht rosten. Ein Symbol für den Zustand der USA, das Bild einer noch im Schlaf beeindruckenden Kraft – die zu keiner Bewegung mehr fähig?

Das Flughafenrestaurant ist eine Oase des alten Amerika, drei ältere Damen kochten Kaffee, brieten Eier und Speck, die Gespräche drehten sich um „Trump und Hillary“.  So ging es landauf, landab. Auf dem Hoover Dam und in den alten Tankstellen auf der Route 66, in den Trading Posts im Reservat der Navajo und Hopi und den altmodischen Hotels am Rande des Grand Canyon, in den Memorabilien-Shops in Winslow, das eine Zeile in einem Lied der Eagles als Legitimation für seinen Platz im Geschichtsbuch der Nation nutzte („Take it Easy“: „Well, I’m a-standin‘ on a Corner in Winslow, Arizona“) – überall singen sie das gleiche, patriotische Lied: Dieses Land ist zu schade für die Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.

Doch es findet keine Auseinandersetzung mit Argumenten statt. Wo immer wir Halt machten, in größeren Städten wie Flagstaff oder Tankstellen, nirgendwo erscheint eine Zeitung, die sich mit politischen Themen auseinandersetzt. Selbst in San Francisco haben sie kein Blatt, das der Mühe des Lesens wert wäre. Die New York Times kann man dort kaufen, gut, aber die lokalen Zeitungen drucken nicht einmal die Bilder in annehmbarer Qualität, die inhaltliche Armut ist erschreckend. In den Lokalblättern in kleineren Orten wie Kingman, Bishop oder Wilson erscheinen Zeitungen, die nicht einmal eine politische Sektion aufweisen. In diesen Publikationen geht es von der ersten Seite an um entlaufene Katzen und Feuerwehrfeste. In San Francisco verkaufen sie Zeitungen in Drogerien und Supermärkten, in drei Tagen habe ich dort kein Buchgeschäft gefunden, das den Namen verdient. Ich habe mehr als 15 Leute nach einem Geschäft gefragt, in dem ich Zeitungen und Magazine kaufen könnte. Niemand konnte mir ein derart exotisches Etablissement kennen Weiterlesen

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Von der Verhärtung eines Mannes in aller Öffentlichkeit

ÖFB-Teamchef Marcel Koller ist sich treu geblieben. So kann an das natürlich auch sehen. Nach der 2:3-Niederlage in Belgrad erlebte das Nationalteam, das Koller sich zu verändern weigert, eine weitere Veränderung. Es verliert den Zusammenhalt. Das hat wie bei der Europameisterschaft teilweise mit der individuellen Form einzelner Teamspieler zu tun. Das hat auch mit der Zusammensetzung der Mannschaft durch Coach Koller zu tun. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass in den Spielen gegen Wales (2:2) und Serbien (2:3) die gefährlichsten Aktionen Tempodribblings von Marko Arnautovic waren und kaum fliegende Kombination erfolgten.

Es ist kein Zufall, dass die aus Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic gebaute Innenverteidigung, schon gegen Wales ein Nervositätserreger, auch gegen Serbien arbeitete. Kollers Unwilligkeit, personelle Veränderungen vorzunehmen, stellte in der souverän absolvierten EM-Qualifikation einen Faktor der Stabilität dar. Auch hier freilich konnte man, wenn man wollte, bereits einen Hang zur Flexibilitätsverweigerung feststellen. Marc Janko, der wegen läuferischer und spielerischer Defizite seit Jahren nicht imstande ist, im Spiel einen Beitrag zu leisten, wurde auch bei Formschwäche einberufen. Das stellte solange kein Problem dar, als die Mannschaftskollegen dank überragender Form und schwächelnder Gegner (Russland, Schweden) – wann wird Österreich wieder einer derart wehrlosen Qualifikationsgruppe angehören? – Jankos Defizite überkompensierten. Es wäre eine interessante Frage an Koller, ob er sich dieser Tatsache bewusst war oder Janko tatsächlich für ein Asset des Teams hielt.

Mittlerweile ist selbst das vorbei. Janko ist nicht nur weit jenseits seines Höchstleistungsalters, er ist auch nicht wirklich fit und schon gar nicht in Form. In seiner derzeitigen Verfassung kann er metaphorisch gesprochen keinen Hydranten mehr überspielen. Koller beruft ihn dennoch ein, obwohl Jankos Mitspieler die Schwächen des Torjägers nicht mehr auffangen können. Koller will offenbar nicht sehen, oder er kann nicht sehen, was in seinem Team passiert. Ist der Ex-Kapitän Christian Fuchs auch wegen der offenkundigen Analyseschwäche des Teamchefs und der auch dadurch einreißenden Territorialansprüchen von Arnautovic-Dragovic-Alaba abgetreten?

Österreichs Medien haben während der EM-Qualifikation ihr Bestes gegeben, Koller zum Guru zu erheben. Im Falter erschien dazu eine differenzierte Darstellung, in der dem Gedanken Raum gegeben wurde, die Erfolgsserie des ÖFB-Teams sei bei aller soliden Arbeit von Koller und seinem Team auch ein Geschenk – woher auch immer. Der ÖFB-Teamchef konnte nichts dafür, dass eine Zeitlang Alaba, Baumgartlinger, Fuchs, Junuzovic und Harnik in großartiger Form waren. Arnautovic war lange Zeit ein Problem, er durfte sich Mätzchen und Aussetzer erlauben, die sich niemand anderer hätte leisten dürfen. Und alle Journalisten waren dann gerührt, dass er einige Male tatsächlich gut spielte und sogar einige Tore schoss. Mittlerweile scheint er halbwegs brauchbar, nur die Mannschaft kann ihm nicht mehr helfen.

Vielleicht hat in diesen guten Tagen Koller auch angefangen zu glauben, dass die Unverwundbarkeit seiner Mannschaft sein Werk war. Wenn das so ist, muss er in den Spielen unmittelbar vor der Endrunde schmerzhaft aufgewacht sein. Wahrscheinlich reibt er sich immer noch die Augen und versteht die Welt nicht mehr. Er wirkt wie ein Mann, der am Ufer steht und erstaunt feststellt, dass die Fähre, die ihn sonst immer abgeholt hat, nicht mehr kommt. Und die Illusion, übers Wasser zu gehen, entpuppt sich angesichts der nassen Knie als das, was sie ist: eine Illusion.

Man hat das schon an größeren Kapazundern als Koller je sein wird gesehen: Heute sind sie Gurus, morgen sind sie entlassen. Auch „Special One“ José Mourinho musste diese Erfahrung machen, als er mitten in einer grottenschlechten Saison von Chelsea gekündigt wurde. Der über die Maßen gepriesene Pep Guardiola hat in seinen drei Jahren bei Bayern München das Semifinale der Champions League nicht überlebt. Ja, er ist mit den Bayern deutscher Meister geworden, aber das hätten mit dem Kader viele geschafft.

Im Fußball erinnert viel an die ihn umgebende und ihn alimentierende Wirtschaft: einige große Einheiten machen sich das große Geschäft untereinander aus. Je größer sie werden, desto gieriger werden sie. Karlheinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender von Bayern München und Vorsitzender der European Club Associations, lobbyiert für die Einführung einer Super-Champions League, in der die größten Klubs rund um Juventus Turin, Chelsea, Manchester United und Bayern, gesetzt sind. Sportliche Risken wie das eventuelle Scheitern an einem kleinen Verein in der frühen Phase des Europacups, sollen tunlichst ausgeschaltet werden.

Solange Koller von Spielern, die im Kreis der Großen eine Rolle spielten, gefüttert wurde, lief alles bestens. Nun freilich merkt man, dass er wie Guardiola und alle andere, von der Form und Qualität der Kicker abhängig ist. Die Frage ist also: wie geht er damit um?

In einer Qualifikation kann ein Teamchef kaum etwas falsch machen. Er hat vor den Spielen die Kicker jeweils nur ein paar Trainingseinheiten lang zur Verfügung. Ausnahme: ein Trainingslager im Jahr. Eine Entwicklung der Mannschaft wie im Klubbetrieb, wo man sich zwei Mal am Tag sieht, ist im Nationalteam ausgeschlossen. Ein Teamchef ist total von den Vereinen abhängig, die allein für die Verfassung und Verwendung der Kicker zuständig sind. Wer von Entwicklung im Team redet, redet Humbug. Ein Nationalteam ist darauf angewiesen, dass der Trainer die richtigen, das heisst in Form befindlichen und mit einander harmonierenden, Kicker, einberuft. Ein Kevin Wimmer als linker Außendecker dürfte ihm nicht passieren. Das müsste er besser wissen. Einen Florian Klein als rechten Außendecker müsste er zu ersetzen suchen, denn Florian Klein ist, wie der Innenverteidiger Martin HInteregger, für gegnerische Stürmer ein, wie man in Wien sagt: Menü.

„Sorry“ schrieb die Kronen Zeitung am Tag nach dem 2:3 gegen Serbien zur Note 1 („War nicht sein Tag“) für Kevin Wimmer. Hier zeigt sich die Verhaberung der Krone mit ihrem Partner ÖFB einmal ungeschminkt. Österreichs Fußball-Journalisten haben bis auf wenige Ausnahmen ihr kritisches Gewissen abgegeben. Das eröffnet Koller und dem ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, dem manche Mainstream-Journalisten und –Blogger noch immer die Reformagenda im Verband zuschreiben, die Freiheit, zu tun, was ihnen beliebt. Sie müssen über ihre Fehler keine Rechenschaft abgeben.

Koller sucht im Fall von Unform eines bewährten Teamkickers nicht nach Alternativen. Sonst hätte er  für den seit Monaten bei Werder Bremen unter Wasser schwimmenden Zlatko Junuzovic längst nach einem Ersatz Ausschau gehalten. Kein Mensch kann inzwischen erklären, was Koller noch mit Martin Harnik anfangen will, der seit vielenvielen Monaten neben den Schuhen steht. Das Team macht längst den Eindruck einer geschützten Werkstätte, die von der Quasi-Pragmatisierung ihres Chefs durch patriotisch verblendete Medien und eine offenbar abgeschaffte verbandsinterne Kritik profitiert.

Als es einmal tatsächlich auf Sportdirektor Ruttensteiner und Teamchef Koller angekommen ist, haben sie versagt. Vor der EM-Endrunde hatten sie vier, fünf Wochen Zeit, die Mannschaft nach einer stressigen, kräftezehrenden Saison wieder aufzubauen. Sie haben eine geistig abgespannte und physisch kaputte Truppe ins Turnier geworfen. Männer wie Alaba, Junuzovic, Harnik, die ausgelaugt, angeschlagen und mit stark fallender Formkurve einrückten, wurden nicht wieder aufgebaut. Männer wie Schöpf, die topfit wurden, übersah Koller. Männer wie Janko und Hinteregger, die vorher über etliche Wochen kein Meisterschaftsmatch bestritten hatten, wurden nicht entsprechend gefordert. Weiterlesen

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