Hirscher tritt ab oder ein Land fürchtet sich vor dem Abschied des Winters

https://www.deutschlandfunk.de/ski-alpin-hirschers-rueckritt-als-nationale-pflicht.1346.de.html?dram:article_id=458310

Das ist der Link, unter dem die einzig mir bekannte journalistisch-kritische Würdigung von Marcel Hirschers Abschied zu finden ist. Deutschlandfunk.Mittlerweile sind Österreichs Medien derart heruntergekommen, dass sie abseits der Hauptstraße Skandalon keine vernünftigen, überlegten, distanzierten Bericht mehr zustande bringen. Auch die wenigen halbwegs guten finden in den meisten Ausgaben für den Sport keinen Platz, wie der „Falter“, oder sie machen keine aktuellen Themen, wie „Dossier“.

Also bleiben im Wesentlichen die Süddeutsche und der Deutschlandfunk. Beide haben schon beim Skandal um Anton Sailer Österreich kritisch begleitet, die kindische Aktion mit der Pressekonferenz Hirschers um 2015, hinter der sich die nebbiche Nationalratswahldebatte anstellen musste, war nun wieder eine Gelegenheit, das Nachbarland als fremden Nachbarn zu beleuchten. Hirscher, der sich offenbar nicht einmal überlegt hatte und auch bei seinem letzten Auftritt so was von kein Charisma versprühte, hatte immerhin das Glück, für eine größere Malaise des Landes zu stehen: der Winter kommt langsam, aber sicher ab. Aber hören und lesen Sie selbst:

Ich wurde vom Deutschlandfunk zu der Pseudo-Staatsaktion auch befragt, soviel sei im Vorhinein verraten. Ich hätte meine Meinung gern in einem heimischen Medium zum Besten gegeben, aber, siehe oben. Also Blog. Und Deutschlandfunk.

 

Ski AlpinHirschers Rückritt als nationale Pflicht

Österreichs Skirennläufer Marcel Hirscher hat seinen Rücktritt erklärt. Medial groß zelebriert. Der österreichische Rundfunksender ORF verschob dafür sogar eigens ein Wahlduell zur Nationalratswahl. Doch hinter der Inszenierung steckt mehr. Österreich fürchtet um seine ökonomischen Interessen.

Von Jessica Sturmberg

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Der Österreicher Marcel Hirscher hat seine Karriere beendet – im Alter von 30 Jahre. (dpa / AP / Alessandro Trovati)
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„Euerm Auftritt ist ein Rücktritt vorangegangen, dem wir jetzt den Vortritt gelassen haben, darum fangen wir ein bisschen später an heute…“

Eine gute Stunde musste die Politik warten, bevor ORF-Moderator und Journalist Tarek Leitner die ersten beiden Politiker zum Wahlduell bat. Die sportliche Nachricht des Tages, die mit der Ansetzung der Sondersendung schon in der Luft lag, hatte Vorrang.

„Es ist wirklich keine große Überraschung mehr, es ist eigentlich vorweg … ja es ist heute der Tag, an dem ich meine aktive Karriere beenden werde.“

… hatte eine knappe Stunde zuvor Marcel Hirscher dem nicht mehr überraschten Fernsehpublikum verkündet. Die eigens angesetzte Sondersendung mit dem Titel „Marcel Hirscher – Rückblick, Einblick, Ausblick“ beschäftigte sich eine Stunde mit dem Rücktritt, mit der Reflektion der Karrierestationen, wie es weitergeht und vor allem dem Warum gerade jetzt auf dem Höhepunkt?

„Als wenn hinter Dir eine hetzende Herde Hunde steht“

Der zweifache Olympiasieger, siebenfache Weltmeister und achtfache Gesamtweltcupsieger offenbarte, wie – trotz aller Dominanz – wenig selbstverständlich die Siege, aber extrem hoch der Druck gewesen war:

„Für mich war das immer bildlich so vorgestellt, wenn Du mit dem Rücken gegen eine Mauer stehst und hinter Dir eine hetzende Herde Hunde und Du musst aufführen, es hilft nichts und so hat es sich für mich angefühlt, also ich hab gewusst, ich muss jetzt alles oder nichts und mir war damals bewusst, besser draußen als wie Vierter werden.“

Und dass mit den vielen Siegen die Erwartungen hoch blieben, während sein Hunger nach mehr Titeln und auch sein körperlicher Akku nachließen…

„dass einfach der Sommer schon fast zu kurz wird für die Zeit, die ich brauche um wieder 100 Prozent regeneriert zu sein. … ehrlich gesagt, dass ich nicht mehr bereit bin einfach den Preis zu zahlen“

Übertriebene mediale Inszenierung

Ein Rücktritt, so nachvollziehbar wie emotional, aber auch tatsächlich so bedeutend, dass dafür eine Wahlsendung verschoben werden sollte – für eine außerplanmäßige Nationalratswahl, die infolge der Ibiza-Affäre stattfindet? Johann Skocek, österreichischer Sportjournalist und Buchautor findet diese Bedeutungszuschreibung und Prioritätensetzung unverhältnismäßig:

„Aufgrund dieser Unangemessenheit dieser Geste, dieser medialen Inszenierung kann man schön sehen, dass hier etwas ins Rutschen geraten ist. Skisport hat längst nicht mehr die Bedeutung für Österreich, er weiß es nur noch nicht.“

Denn gerade indem diesem Rücktritt ein höherer Stellenwert als der politischen Auseinandersetzung beigemessen wird, werde deutlich, dass der Skisport um seine Bedeutung kämpfe, argumentiert Skocek.

„Auch in den größten Tagen des österreichischen Skisports wäre es niemandem in den Sinn gekommen, die Politik, die natürlich auch die Helden verehrt, diese Politik hinter diesen Helden einzureihen. Das war damals nicht notwendig. Jeder hat gewusst, wie wichtig der Skisport ist, jeder hat das akzeptiert. So darauf zu pochen war nicht notwendig.“

Marcel Hirscher gewinnt die Herren-Kombination in Pyeongchang (imago sportfotodienst)Marcel Hirscher gewann bei Olympia in Pyeongchang 2018 zwei Mal die Goldmedaille (imago sportfotodienst)
Der Bedeutungsverlust hat enorme ökonomische Auswirkungen

Um zu ermessen wie enorm die Bedeutung für Österreich ist: Der Skisport hat das Land über ein Jahrhundert kulturell geprägt, verborgene Täler wurden touristisch erschlossen und dadurch wohlhabend. Eine ganze Industrie hängt daran: Skitourismus, Bergbahngesellschaften, Skihersteller, Skischulen, Restaurants – tausende Arbeitsplätze, erläutert Sporthistoriker Rudolf Müllner von der Universität Wien.

„Wenn diese Tourismusmaschine ins Stottern kommt, dann ist es natürlich wirtschaftlich unglaublich schwierig für Dörfer, Kommunen und natürlich auch für Betriebe. Es gibt in diesem Land, da können Sie sicher sein, ganze Heerscharen von Marketing und Tourismusstrategen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen und versuchen hier gegenzusteuern.“

Klimawandel, schmelzende Gletscher, rückläufiger Skitourismus

Gegen Entwicklungen, die unaufhaltsam voranschreiten: Klimawandel, schmelzende Gletscher, rückläufiger Skitourismus – in den Schulen ist Skifahren im Sportunterricht längst nicht mehr selbstverständlich und auch die mediale Aufmerksamkeit muss der Skisport inzwischen mit anderen gesellschaftlichen Ereignissen und Aktivitäten teilen.

„Da geht es ja nicht nur darum, was den Rennlauf betrifft und dass man Kunstschnee befährt, sondern es geht um dieses ganze Setting von Alpinismus, Neoalpinismus, dieses Heimatgefühl, Berge, Traditionen usw. Also hier wird ein ganzes Setting mittransportiert, dass auch natürlich immer wieder mitschwingt bei diesen Skiübertragungen.“

Dass auch seine Helden braucht, die Identifikationsfiguren und die Erfolge für den Österreichischen Skiverband ÖSV. Dessen Präsident Peter Schröcksnadel fand zwar viele bewundernde Worte für Marcel Hirscher und seine Entscheidung. Dass er es aber sicher gerne anders gehabt hätte, schwingt auch in diesem Statement mit:

„Bei den Herren – ich habe das nachgezählt – wenn man die Punkte vom Marcel im Herren-Gesamtcup, also Nationencup, abzieht, dann sind wir 100 Punkte hinter der Schweiz – hm, Alarmzeichen? – das wird für uns sehr, sehr schwierig.“

Nicht nur die Frage nach der nächsten Generation, die diese Punkte- und Imagelücke von Marcel Hirscher im Skileistungssport füllen könnte, dürfte Österreich jetzt beschäftigen, sondern auch, wie es generell im Verhältnis zum Skisport steht.

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Die Standhochspringer

Ich habe den Fehler gemacht, am Dienstag, dem 10. September, die Diskussion der Sportpolitiker mit Sportfunktionären zu besuchen. Dem Termin war ein Forderungskatalog an die bei der Nationalratswahl antretenden Parteien durch die Bundes Sportorganisation vorausgegangen. Es ging dabei wie immer um den „Stellenwert des Sports in Gesellschaft und Politik“, bis auf wenige Punkte handelt es sich um dieselben Themen, die schon seit mindestens 25 Jahren abgehandelt werden. (Siehe das Dokument auf dieser Website).

Natürlich wollen Sportfunktionäre mehr Geld, das versteht man sogar, denn die Bundes-Sportförderung wurde seit 2010 nicht mehr valorisiert. Spenden an Sportvereine sollen steuerlich absetzbar gemacht werden, die Ehrenamtlichen hätten gern steuerliche Vorteile. Ein Berufssportgesetz muss endlich her, darüber wurde zum letzten Mal unter Schwarz-Blau I rund um die Jahrtausendwende ernsthaft diskutiert. Alle großen Koalitionen und namentlich die drei SP-Sportminister Norbert Darabos, Gerald Klug und Hans-Peter Doskozil haben sich nicht darum geschert.

Auch ein bundesweiter Sportstättenplan ist überfällig, derzeit wird der Schwund an Nachwuchstalenten durch die lückenhafte Infrastruktur noch verstärkt. Es ist beispielsweise ein Wunder, dass Österreich angesichts der mangelhaften Versorgung mit 50 m-Becken überhaupt noch Schwimmer hervorbringt, die bei internationalen Wettkämpfen zugelassen werden. Eine Erhöhunh der Zahl von Heeressportlerinnen ist hingegen nicht notwendig, man müsste bloß die vorhandenen Plätze nach Leistung vergeben und nicht nach Einfluss, denn derzeit werden vom ÖSV ungefähr so viele AthletiInnen von Bundesheer, Innenministerium und Finanzministerium versorgt wie von allen anderen Verbänden zusammen. Im Finanzministerium (Zollwache) sind überhaupt nur ÖSV-Leute zugelassen.

Die Aufwertung der Bewegungserziehung in Kindergarten und Schule ist ein altes Lieblingsthema der Sportverbände und –Minister, vielleicht auch deswegen, weil sie dort nichts zu sagen haben. Rührend wirkt die Forderung nach einer Programmreform im ORF zugunsten des Sports und eines Sportministeriums. Man kann nur hoffen, dass Ende September eine halbwegs vernünftige Person den Sport in der Regierung umgehängt bekommt und die realitätsbefreiten Sportfunktionäre aufweckt.

Die Diskussion war dem anachronistischen Fragenkatalog durchaus angemessen. Nicht nur behielt der ORF-Präsentator Rainer Pariasek die Fragehoheit, solange ORF Sport+ live sendete, er sorgte dafür, dass die Diskussion an der Oberfläche blieb. Alle Fragen, alle Antworten hat man in den vergangenen  ermöglichte der FPÖ-Sportsprecherin Petra Steger wiederholte Behauptungen, die „zu früh beendete“ Regierung haben das beste Programm seit langem verfolgt und sei leider bei der „Umsetzung“ – warum verwenden Politiker so gern diesen dummen Terminus? – leider gestört worden.

Die Liste Jetzt hatte keinen Sportsprecher geschickt, wahrscheinlich beschäftigen sie sich in ihrer existentiellen Not und der absehbaren Verabschiedung aus dem Parlament nicht mit solchen Marginalien. ÖVP-Sportsprecherin Tanja Graf sagte „krankheitshalber“ knapp vor der Diskussion ab. SPÖ-Sportsprecher und ASKÖ-Präsident Hermann Krist blieb es vorbehalten, gegen Steger und NEOS-Sportsprecherin Edith Kollermann die Sportpolitik der vergangenen Jahre zu verteidigen und gleichzeitig den Stellenwert des Sports als unzulänglich zu beweinen.

Petra Steger konnte nicht oft genug  betonen, wie super denn die Politik der Regierung hätte sein können. Doch von der vielbesprochenen „Sportstrategie Austria“ ist zwei Jahre lang nichts bekannt geworden,  was über (altbekannte) Schlagworte hinausginge. Steger hat sich in all ihrer Jugend bereits voll in den alten Politsprech der Funktionäre rund um sie hineingelebt: es hängt laut BSO an der Politik, dem Sport den ihm angeblich zustehenden Stellenwert zu geben. Neue Vorhaben wie die Valorisierung der Sportförderung, Sport-Abgaben von Online-Wettanbietern und steuerliche Absetzbarkeit der Spenden für Sportvereine haben Steger und Konsorten nicht zustande gekommen.

Das ist kecker Unsinn. Seit Jahrzehnten führen uns die Sportfunktionäre ihre politische Unfähigkeit und reformatorische Unbedarftheit vor Augen. Noch immer existieren DREI Parallelorganisationen, die den Breiten-etc-Sport organisieren – nicht schlecht, nicht unambitioniert, aber halt mit viel zu hohen Kosten. Vom sportinherenten Filz redet ach nie jemand, ein Mann wie Hermann Krist ist Verbandspräsident (ASKÖ), Nationalrat (SPÖ), Sportsprecher (SPÖ) in einer Person. Und er ist ein Beispiel für viele Männer, die mehrere Hüte auf dem Kopf tragen und das Problem gar nicht verstehen, wenn man sie darauf anspricht. Wenn es an der Infrastruktur fehlt, so ist die Verfilzung des Personals bestens ausgeführt.

Das sind historisch gewachsene Tabus, und ein Zeichen für die Unfähigkeit des „Sports“ sein Schicksal in die Hand zu nehmen und Politik und Gesellschaft zu zwingen, ihn ernst zu nehmen. Nichts leichter als andere, in diesem Fall die nicht minder unfähige Sportpolitik, für die eigene Marginalisierung verantwortlich zu machen.

Die ORF-Diskussion hat wieder einmal gezeigt, wie es nicht geht. Pariasek hat sich bemüht, aber er ist der harmlose Stichwortgeber geblieben, den die Funktionäre und Politiker brauchen. Die drängenden aktuellen Probleme wie (ÖSV-)Dopingskandale und sexualisierte Übergriffe sind natürlich nicht zur Sprache gekommen. Aber das wundert einen ja schon gar nicht mehr.

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Ein Grüner beaufsichtigt nun die Bundessportförderung

Der Rapidsanierer Werner Kuhn folgt dem Showmann Armin Assinger als Aufsichtsratspräsident der Bundes Sport GmbH

Der Rapid-Sanierer Werner Kuhn folgt dem Ex-Abfahrtsläufer und Showman Armin Assinger als Aufsichtsratsvorsitzender der Bundes Sport GmbH nach. Vor knapp vier Monaten hat Armin Assinger, der von Ex-Sportminister Hans Peter Doskozil um seines bekannten Namens willen inthronisiert worden war, seinen Abschied genommen. Werner Kuhn verfügt im Unterschied zu Assinger, dem Fragensteller in der „ORF Millionenshow“, über langjährige reiche Erfahrung in der Führung eines vielgestaltigen Unternehmens.

Die Bundes Sport GmbH verteilt rund 120 Millionen Euro pro Jahr an Bundes Sportförderung an AthletInnen, Vereine und Verbände. Sie macht seit Anfang 2018 die Arbeit, die das Sportministerium erledigen sollte. Peter Schröcksnadel hilft als Präsident des Fördermittelempfängers ÖSV (rund vier Millionen Euro pro Jahr) mit, das Steuergeld zu verteilen. Der Präsident des Österreichischen Olympischen Comitees (2,2 Millionen Euro), Karl Stoss, sitzt im Aufsichtsrat. Strache soll auch angesichts dieser Verquickung von Geben und Nehmen mit der Konstruktion der Bundes Sport GmbH nicht glücklich sein.

„Aufgrund meiner im Jahr 2019 zu erwartenden gesteigerten beruflichen Verpflichtungen wird es mir (…) in Zukunft nicht mehr möglich sein, meine Aufgaben im Aufsichtsrat der BSG in jenem zeitlichen Umfang gewissenhaft wahrzunehmen, den die Wichtigkeit dieser Funktion erfordert“, zitierte die APA Ende 2018 den scheidenden Assinger (54). Werner Kuhn hält sich noch bedeckt. Sportminister Hein Christian Strache soll Kuhn am 2. 4. Im Rahmen einer Pressekonferenz vorstellen.

Kuhn kam Mitte der 90er von der Bank Austria Jahre zur Rapid, die eben einen Konkurs hingelegt hatte und führte sie gemeinsam mit Trainer Ernst Dokupil und einer jungen Mannschaft um Didi Kühbauer zum Meistertitel und ins Europacupfinale der Cupsieger (0:1 gegen Paris St. Germain). Er hat gemeinsam mit dem Ex-Präsidenten von Rapid, Rudolf Edlinger, organisierte und finanzierte Kuhn den Neubau des Rapid-Stadions. Vor drei Jahren übernahm Christoph Peschek das Gesamtmanagement, seither kümmert sich Kuhn um die Sponsoren und die Eröffnung neuer Geschäftsfelder. Als Aufsichtsratsvorsitzender in der Bundes Sport GmbH macht er so ziemlich das Gegenteil von seinem Job im Rapid-Büro: er kontrolliert die Verteilung des Geldes, die andere Manager vorgenommen haben. Die haben das Geld von Politikern, die es wiederum von den Steuerzahlern erhalten haben.

Kollidieren Kuhns Tätigkeiten für die Rapid und die Bundes Sport GmbH? Rapid erhält von der Bundes Sport GmbH keine Subvention. Die Stadt Wien unterstützt den Klub – wie auch den Konkurrenten FK Austria Wien – freilich massiv. Zum Beispiel hat die Kommune rund 24 Millionen Euro für die Errichtung des neuen Stadions gewährt, und dieselbe Summe auch der Austria zugewiesen.

Kuhn hat keine Erfahrung in der Abrechnung, Kontrolle und strategischen Entwicklung der Bundessportförderung. Doch er kennt die Probleme eines (großen) Sportvereins und die mannigfaltigen Verpflichtungen und Bedürfnisse, die sich aus der Betreuung von Sportlern aller Altersstufen ergeben.

 

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Der Winter kommt

ÖSV-Ex-Trainer Karl „Charly“ Kahr ist in erster Instanz mit seiner Klage wegen übler Nachrede gegen eine Ex-Skirennläuferin und deren Ehemann am Bezirksgericht Bludenz abgeblitzt. Kahrs Anwalt Manfred Ainedter kündigte „volle Berufung“ an. Die Beklagten wurden von Richterin Daniela Flatz frei gesprochen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Die Rennläuferin und ihr Ehemann hatten Ende 2017 und Anfang 2018 an Österreichs Skilegende Annemarie Moser-Pröll What’sApp-Nachrichten versandt. Darin wurde Kahr bezichtigt, zusammen mit Österreichs Jahrhundertsportler Toni Sailer „viele Mädchen missbraucht und gebrochen“ zu haben. Und Moser-Pröll wurde aufgefordert, endlich über Kahr, ihren „Entjungferer Charly. Du warst noch keine 16 Jahre alt“ endlich die Wahrheit zu sagen. Richterin Flatz wies Kahrs Klage ab, da die beiden Angeklagten in gutem Glauben an die Richtigkeit ihrer Aussagen handelten und außerdem die Adressatin Moser-Pröll keine „Dritte“, sondern Beteiligte war, die für das Verbrechen der üblen Nachrede erforderliche Öffentlichkeit nicht gegeben war.

Nicola Werdenigg, die im November im „Standard“ mit der Erzählung ihrer Vergewaltigung in den 70ern durch einen Mannschaftskollegen die Diskussion um sexualisierten Missbrauch im Skisport eröffnet hatte, sagte als Zeugin aus. Sie schilderte die „übersexualisierte“ Atmosphäre im ÖSV-Team in den  70ern. Der ehemalige Star-Journalist Bernd Dörler ergänzte ebenfalls als Zeuge Werdeniggs Schilderung und beschrieb auch eine von ihm 1974/75 durchgeführte Recherche in Zakopane. Dort soll Anton Sailer in betrunkenem Zustand eine Prostituierte vergewaltigt haben. Kahrs Anwalt Ainedter führte ÖSV-Protokolle von Sitzungen in den 70ern ins Treffen, in denen beschrieben wurde, dass es keinen Tatbestand gegeben habe und die Kaution für Sailer an Polen zurückgezahlt worden sei.

Die Richterin sah freilich den Beweis des guten Glaubens bei den Beklagten erfüllt, also die üble Nachrede als nicht gegeben an und fällte den Freispruch.

 

[demnächst mehr, viel mehr]

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Weg mit den Büchern

Das Jahr 2019 ist das erste, das ich als Pensionist betrete. Ich warte darauf, dass sich eine Gefühl der Veränderung einstellt, aber vielleicht verschrecke ich es nur mit meiner Wachsamkeit. Daher beginne ich das Jahr mit einer Wegwerfaktion. Das konveniert mit dem Zeitgeist und in meinem Alter muss man schauen, dass einem der nicht davonläuft. Ab heute werfe ich mindestens jede Woche ein Buch weg. Das erste war der Krimi „Blutstein“ von Johan Theorin. Ich werde nicht begründen, warum ich ein Buch wegwerfe, nur prinzipiell: es sind längst zu viele. Sie gehen mir auf die Nerven.

Natürlich gibt es viel zu viele Bücher. Natürlich ist das, weil jeder, der etwas zu sagen hat, ein Buch schreiben will. Journalisten, die sich als Literaten gerieren, sind besonders gefährdet. So wie ich zum Beispiel. Im Jahresschluss 2018 habe ich gemeinsam mit Rudolf Müller, Matthias Marschik und Bernhard Hachleitner drei Bücher veröffentlicht.

Ein Fußballverein aus Wien – FK Austria 1938 – 1945, Böhlau

Images des Sports in Österreich – 100 Jahre Sportgeschichte in Österreich, Vienna University Press

Der Wiener Fußball und der Nationalsozialismus, Picus Verlag

Der Platz ist enger geworden, dagegen muss gehandelt werden. Also weg mit Büchern. Mit möglichst vielen. Um den Schwung nicht zu verlieren, nehme ich mir die Wochenration vor. Ende des Jahres werden es 51 Bücher weniger sein, denn die erste Woche habe ich schon verschlafen. Minus der Bücher, die dazukommen. Also plus. In meinem Alter muss man anfangen, an die Überbelastung der Erben zu denken, die mit dem Entsorgen der Bücherlawine belästigt sein werden. Niemand wird sich für die Bücher interessieren, die ich hinterlasse.

Die pdf-Bücher sind insofern ein echter Fortschritt. Fort mit dem Computer, und fort sind die Bücher. Welche Erleichterung.

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Der Weltmeister ist nichts als eine Maske, die sich der Fußball aufsetzt

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

War eine schöne WM, oder? Trotz
des Ausscheidens der alten Herrscher
Brasilien, Deutschland und Spanien.
Oder gerade deshalb? „Das hat nichts damit
zu tun“, sagt Fred, „wir müssen aufhören,
den Fußball mit Gruppen oder Personen
zu identifizieren.“ Das heißt, dass nicht
Frankreich Weltmeister geworden ist, sondern
der Fußball sich die Franzosen ausgesucht
hat?
„Die Frage lautet: Wer oder was ist der
Fußball?“ Ein System, eine Idee, eine Deutung
der Welt? Die Engländer haben ihn erfunden.
„Aber er war immer schon da, nur
verborgen.“ Was immer er ist, er verleiht
jedem Teilnehmer eine Identität. „Identität?
Gibt’s die überhaupt?“ Fred vertieft das
Rätsel. „Er repräsentiert die Repräsentationen
der Welt. Den Nationalstolz der Kroaten,
das Geld der Engländer.“ Den heutigen
Wirtschaftsimperialismus der Deutschen.
Es gibt ihn also gar nicht, den Fußball?
Fred wirkt ärgerlich. Ein Zeichen, dass er
tief gräbt. „Naive Frage“, sagt er. „Fußball
ist ein Spiel, ein Schauspiel, ein performatives
Geschehen. Es gibt ihn, aber er ist
nicht sichtbar, nicht greifbar. Die Pseudopersonalisierung
DER FUSSBALL ist eine
Verlegenheitslösung.“
So kommen wir nicht weiter, sag ich.
„Nein“, Fred schüttelt den Kopf. „Er stiftet
keine Identität. Er wird bloß sichtbar,
wenn er als französisches oder kroatisches
Team auftritt.“
Das erinnert mich an Platons Höhlengleichnis.
„Richtig. Die Wirklichkeit ist als Schatten
sichtbar, den das Feuer an die Wand
wirft.“ Mir ist das zu kompliziert. Fred, mit
einem Hauch Ungeduld: „Der Fußball ist
der Schatten des Schattens an der Wand.
Und Frankreich ist lediglich eine Maske, die
er sich aufsetzt.“ Dadurch wird er immerhin
für uns Sterbliche sichtbar!
Was soll das überhaupt heißen? Alle
feiern, Frankreich ist Weltmeister. „Welt!
Meister! Der Fußball hat tausend Gesichter,
und jedes ist so wahr und falsch wie
das andere.“ Die Sichtbarkeit wird um den
Preis der Täuschung erkauft? „Lasst uns
den Fußball feiern. Er ist wahr, der Meister
jedoch ist immer ein falscher!“

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Europa regiert die Welt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

Reden wir über Fußball“, sag ich. „Über
welchen?“, fragt Fred. „Die Auswahl ist
groß.“ Über die biederen Engländer, schlage
ich vor. Was haben die im Semifinale verloren?
„Seltsame Frage“, sagt Fred. Bei einem
Welterklärer wie ihm ist das ein Lob.
„Machen wir das Spiel auf “, setzt er fort,
„und fragen: Was sehen wir da?“
Europa wird Weltmeister. „Präziser: die
EU“, sagt Fred. Alle anderen Kontinente
sind zu Nebendarstellern degradiert worden.
„Obwohl die EU kein einheitliches Bild
abgibt, ist sie allen überlegen“, sagt Fred.
Wollten wir politische Avancen nicht draußen
lassen? Fred: „Schon, aber wie in der
Union definiert auch im WM-Turnier jede
Nation ihr Schicksal auf eigene Weise.“
Nur das „Tiki-Taka“ der Spanier ist tot. Fred
nickt. Die Kroaten spielen noch am ehesten
Besitzfußball. „In Ansätzen. Und sie haben
exzellente Stürmer wie Mandžukić, Rebić,
Kramarić“, antwortet Fred.
Sind Stürmer nicht das Geheimnis? Siehe
Kane, Lukaku, Mbappé? „Nein“, erwidert
Fred, „Spieler, die ins Tor treffen, sind eine
Selbstverständlichkeit.“ Ohne geht’s nicht,
siehe Deutschland. „Aber mich interessiert
das Herz der Teams, Spieler, die Tempo und
Takt bestimmen. Modrić, Pogba, Hazard.“
Die alten Dirigenten Messi, Ronaldo, Neymar
und Kroos sind abgetreten. Jeder der
Neuen schlägt seinen eigenen Takt.
„Die Franzosen bestimmen das Spiel mit
etwas Besitzanspruch. Ein wenig belgisches
Tempo, ein bisschen kroatisches Zangeln.“
Die Engländer? „Bestehen aus Tormann
Pickford, Kane und dem Gilet von Manager
Southgate“, sagt Fred. „Sie beschleunigen
und verschleppen, ein Spiel wie das lange
Verhandeln vor dem EU-Abschied.“
„Die Belgier spielen das höchste Tempo.
Wenn notwendig, verwenden sie Hilfsmittel,
die ihrem Naturell widersprechen.“ Beweis:
Gegen Japan haben sie bei 0:2 mit hohen
Flanken und Kopfbällen ausgeglichen.
Und mit einem Konter das 3:2 geschossen.
„Eden Hazard ist der Spieler des Turniers“,
findet Fred. „Seinem Takt folgen Ball, Gegner
und Mitspieler.“
Und dann ein Haken: „Die Hauptstadt
der EU und Belgiens ist Brüssel.“

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