Der Weltmeister ist nichts als eine Maske, die sich der Fußball aufsetzt

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

War eine schöne WM, oder? Trotz
des Ausscheidens der alten Herrscher
Brasilien, Deutschland und Spanien.
Oder gerade deshalb? „Das hat nichts damit
zu tun“, sagt Fred, „wir müssen aufhören,
den Fußball mit Gruppen oder Personen
zu identifizieren.“ Das heißt, dass nicht
Frankreich Weltmeister geworden ist, sondern
der Fußball sich die Franzosen ausgesucht
hat?
„Die Frage lautet: Wer oder was ist der
Fußball?“ Ein System, eine Idee, eine Deutung
der Welt? Die Engländer haben ihn erfunden.
„Aber er war immer schon da, nur
verborgen.“ Was immer er ist, er verleiht
jedem Teilnehmer eine Identität. „Identität?
Gibt’s die überhaupt?“ Fred vertieft das
Rätsel. „Er repräsentiert die Repräsentationen
der Welt. Den Nationalstolz der Kroaten,
das Geld der Engländer.“ Den heutigen
Wirtschaftsimperialismus der Deutschen.
Es gibt ihn also gar nicht, den Fußball?
Fred wirkt ärgerlich. Ein Zeichen, dass er
tief gräbt. „Naive Frage“, sagt er. „Fußball
ist ein Spiel, ein Schauspiel, ein performatives
Geschehen. Es gibt ihn, aber er ist
nicht sichtbar, nicht greifbar. Die Pseudopersonalisierung
DER FUSSBALL ist eine
Verlegenheitslösung.“
So kommen wir nicht weiter, sag ich.
„Nein“, Fred schüttelt den Kopf. „Er stiftet
keine Identität. Er wird bloß sichtbar,
wenn er als französisches oder kroatisches
Team auftritt.“
Das erinnert mich an Platons Höhlengleichnis.
„Richtig. Die Wirklichkeit ist als Schatten
sichtbar, den das Feuer an die Wand
wirft.“ Mir ist das zu kompliziert. Fred, mit
einem Hauch Ungeduld: „Der Fußball ist
der Schatten des Schattens an der Wand.
Und Frankreich ist lediglich eine Maske, die
er sich aufsetzt.“ Dadurch wird er immerhin
für uns Sterbliche sichtbar!
Was soll das überhaupt heißen? Alle
feiern, Frankreich ist Weltmeister. „Welt!
Meister! Der Fußball hat tausend Gesichter,
und jedes ist so wahr und falsch wie
das andere.“ Die Sichtbarkeit wird um den
Preis der Täuschung erkauft? „Lasst uns
den Fußball feiern. Er ist wahr, der Meister
jedoch ist immer ein falscher!“

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Europa regiert die Welt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

Reden wir über Fußball“, sag ich. „Über
welchen?“, fragt Fred. „Die Auswahl ist
groß.“ Über die biederen Engländer, schlage
ich vor. Was haben die im Semifinale verloren?
„Seltsame Frage“, sagt Fred. Bei einem
Welterklärer wie ihm ist das ein Lob.
„Machen wir das Spiel auf “, setzt er fort,
„und fragen: Was sehen wir da?“
Europa wird Weltmeister. „Präziser: die
EU“, sagt Fred. Alle anderen Kontinente
sind zu Nebendarstellern degradiert worden.
„Obwohl die EU kein einheitliches Bild
abgibt, ist sie allen überlegen“, sagt Fred.
Wollten wir politische Avancen nicht draußen
lassen? Fred: „Schon, aber wie in der
Union definiert auch im WM-Turnier jede
Nation ihr Schicksal auf eigene Weise.“
Nur das „Tiki-Taka“ der Spanier ist tot. Fred
nickt. Die Kroaten spielen noch am ehesten
Besitzfußball. „In Ansätzen. Und sie haben
exzellente Stürmer wie Mandžukić, Rebić,
Kramarić“, antwortet Fred.
Sind Stürmer nicht das Geheimnis? Siehe
Kane, Lukaku, Mbappé? „Nein“, erwidert
Fred, „Spieler, die ins Tor treffen, sind eine
Selbstverständlichkeit.“ Ohne geht’s nicht,
siehe Deutschland. „Aber mich interessiert
das Herz der Teams, Spieler, die Tempo und
Takt bestimmen. Modrić, Pogba, Hazard.“
Die alten Dirigenten Messi, Ronaldo, Neymar
und Kroos sind abgetreten. Jeder der
Neuen schlägt seinen eigenen Takt.
„Die Franzosen bestimmen das Spiel mit
etwas Besitzanspruch. Ein wenig belgisches
Tempo, ein bisschen kroatisches Zangeln.“
Die Engländer? „Bestehen aus Tormann
Pickford, Kane und dem Gilet von Manager
Southgate“, sagt Fred. „Sie beschleunigen
und verschleppen, ein Spiel wie das lange
Verhandeln vor dem EU-Abschied.“
„Die Belgier spielen das höchste Tempo.
Wenn notwendig, verwenden sie Hilfsmittel,
die ihrem Naturell widersprechen.“ Beweis:
Gegen Japan haben sie bei 0:2 mit hohen
Flanken und Kopfbällen ausgeglichen.
Und mit einem Konter das 3:2 geschossen.
„Eden Hazard ist der Spieler des Turniers“,
findet Fred. „Seinem Takt folgen Ball, Gegner
und Mitspieler.“
Und dann ein Haken: „Die Hauptstadt
der EU und Belgiens ist Brüssel.“

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Der ewige menschliche Makel ist die Lebenslüge des Videoschiedsrichters

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

Die Deutschen können nichts für ihr
Ausscheiden. Der Videoassistent hat
den amtierenden Weltmeister nicht beschützt.
Ohne den VAR hätte der Referee
das 1:0 von Südkorea als Abseits gepfiffen.
Fred: „Ja, das war ein Systemfehler.“
Worin besteht das System? Und was
ist der Fehler? Fred setzt fort. „Der VAR
ist schlechter als sein Ruf. Er ist untauglich,
von außen die perfekte Entscheidung
zu liefern.“
Jetzt kommt er mit der Quantenphysik,
denke ich. Die hat gezeigt, dass ein Beobachter
immer auch Teil der beobachteten
Vorgänge ist. Und kein externer Zuschauer.
Fred: „Das technische Auge steht mitten
im Spiel. Nicht außerhalb. Es kann gar
kein objektiver Schiedsrichter sein.“ Fred:
„Mit dem VAR machen die Machthaber des
Fußballs glauben, sie könnten exakte Entscheidungen
garantieren.“ Ist Unsinn, da
gebe ich Fred recht. Hat man bei der WM
gesehen.
Aber warum geht das nicht? „Weil Fußballregeln
nicht mathematisch präzise
sind. Sie enthalten Unsicherheitsintervalle.
Ermessensspielräume.“ Mit dem Pfiff des
Schiedsrichters wird die Auslegung zur Tatsache.
Wenn der Schiri irrt, hat er trotzdem
recht. Fred: „Die Freiheit der Auslegung
und die Autorität des Schiedsrichters
sind Bedingungen, ohne die das Spiel nicht
möglich ist.“ Solange Schiedsrichter pfeifen,
bleibt die Auslegungsfreiheit gewahrt.
„Der Freiraum der Fußballregeln und fehlerfreie
Entscheidungen sind zwei unvereinbare
Paradigmen.“
Die Frage ist also: Warum wurde der Videoassistent
wirklich eingeführt? Vielleicht
wissen sie nicht, was sie tun? Fred lächelt
nachsichtig. „Wir haben es hier mit einem
geheimen zweiten Vorsatz zu tun.“ Endlich
gerechter Fußball? Fred lächelt nachsichtiger.
„Der VAR verschleiert die Absicht, den
Fußball übergeordneten Interessen zu unterwerfen.“
Manchmal, siehe Deutschland,
geht das schief. „Insgesamt aber funktioniert
der VAR mit ausreichender Präzision.
Die Fußball-WM ist und bleibt ein Unternehmen
der Europäer. Und Brasilien ist
sein Juniorpartner.“

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Der Videoassistent versucht, die etablierten Mächte zu schützen

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

Die alten, müden Löwen haben sich noch
einmal gerettet. Fred fragt: „Deutschland?
Brasilien?“ Na sicher, sag ich. Fred
geht in die Offensive: „Beide schwächeln,
die einen sind raunzende Diven, die anderen
haben unfitte Verteidiger. Das wahre
Problem liegt jedoch anderswo.“
Die alte Ordnung ist wiederhergestellt,
wende ich ein. „Nein“, sagt Fred mit diesem
weltzugewandten Blick. „Sieh genau
hin: Fußball ist nicht bloß Fußball. Er ist
ein populäres Subsystem und gleichzeitig
Repräsentant der Welt.“ Ich ahne, worauf
er hinaus will: Brexit. Trump. Desinformationstsunamis.
Ist diese Assoziation für
eine WM nicht zu weit hergeholt? „Videoschiedsrichter“,
wirft er mir hin. Bevor ich
antworten kann, setzt er fort: „Wie müssen
uns die Rolle des Videoassistenten genauer
anschauen.“ Rhetorische Frage, sage ich. Er
schützt die Wahrheit auf dem Platz.
Fred ignoriert die Ablenkung. „Die
Schweden kriegen gegen die Deutschen einen
klaren Elfer nicht. Zwei Schweizer ringen
einen Serben nieder. Schiri gibt Stürmerfoul
gegen Serbien.“ Der Videoassistent
reagiert nicht. Ich setze fort. Den Franzosen
schenkt er einen Elfer gegen Australien.
„Sie behaupten, der Videoassistent diene
der Wahrheit“, sagt Fred, „doch er soll lediglich
sie selber schützen. Die alten Mächte.“
Im Fußball kämpfen Brasilien und
Deutschland wie eh und je um die Hegemonie.
„Richtig“, sagt Fred. „aber ,urbi et
orbi‘ wankt die bestehende Ordnung.“ Fred
spielt den finalen Pass.
„Die große Welt hält im WM-Turnier
ihre Probe ab. Der Videoassistent gilt daher
als Symbol dafür, dass auch außerhalb des
Stadions alles noch in Ordnung ist.“
Fußball ist die Utopie einer gerechten
Welt. „Und sie ist rückwärtsgewandt“, sagt
Fred. Doch die Welt, wie wir sie kennen,
zerfällt. Siehe Brasiliens Staatskorruption,
Deutschlands Selbstzerrüttung oder Italiens
Selbstausschaltung. „Wladimir Putin ist
die einzige Konstante der vergangenen 20
Jahre“, sagt Fred. Im Guten wie im Bösen.
„Egal, ob Deutschland oder Brasilien Weltmeister
werden, immer steckt die alte Ordnung
drin. Mit anderen Worten: Putin.“

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Messi braucht die WM nicht mehr, aber die WM braucht ihn

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner bereden das Turnier

Fred hat einige Weltmeisterschaften analysiert,
doch noch nie bahnte sich ein
derart brisanter Showdown an. Ich konfrontiere
ihn mit dem Leitmotiv, der Rache
Brasiliens für das 1:7 gegen die Deutschen
2014 im eigenen Land. Fred winkt
ab. „Das Thema ist die letzte Vorstellung
der Dioskuren Messi und Ronaldo.“
Wenn Messi diesmal nicht Weltmeister
wird, bleibt seine Geschichte unvollendet.
Maradona hatte ausreichend Gottheitspotenzial,
um Argentinien 1986 zum Weltmeister
zu führen. Ist Messi zu klein, um
sich mit ihm zu vergleichen?
Fred runzelt die Stirn, und das ist ein
Alarmsignal. „Was Messi geleistet hat, darüber
kann man nur ehrfürchtig schweigen.“
Das ist selten bei Fred. Nicht das Schweigen,
sondern die Ehrfurcht.
Alle Herausragenden hätten einen großen
Pokal. Pelé, Maradona, Zidane. Er habe
sie unsterblich gemacht, sage ich. Aber was
heißt das, unsterblich? Freds Miene verfinstert
sich. „Johan Cruyff ist ein Ewiger ohne
Weltmeistertitel. Er hat den Fußball revolutioniert.“
Der biedere Franz Beckenbauer,
Weltmeister als Spieler und Trainer, sei
hingegen schlicht ein Sterblicher.
Fred ist studierter Biologe, das mit der
Unsterblichkeit meint er metaphorisch. Die
Dioskuren waren Söhne des griechischen
Göttervaters Zeus. Pollux war unsterblich,
Kastor sterblich. Ich frage: Wer wird den
WM-Pollux geben, Messi oder Ronaldo?
Fred verlagert das Spiel: „Wir müssen umschalten:
Braucht Messi die WM für seine
Position in der Geschichte?“
Für solche Haken liebe ich ihn. Das
Spiel ist plötzlich völlig offen. Hat das Turnier
die Kraft, Menschen in Unsterbliche
zu verwandeln? Fred: „Erhebt nicht vielmehr
der göttliche Funke in einigen Auserwählten
das Turnier über bloßen Fußball?“
Ich verstehe.
Fred stellt den Fußball vom Kopf auf die
Füße: „Früher hat der Olymp Männer wie
Pelé zu sich eingeladen und in Gottgleiche
verwandelt.“ Ronaldo würde einer solchen
Einladung gerne Folge leisten.
„Messi aber ist Pollux. Er sagt: ,Wo ich
bin, ist der Olymp.‘“

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Die WM ist eine Frohbotschaft und Fred ist ihr Prophet

WM 2018

Frag Fred: Zwei Fachmänner besprechen das Turnier

Fred lächelt in den Spiegel. „Denn ich
sage euch, die Deutschen.“ 4:1 im Finale
gegen Spanien. Fünf Sterne, wie Brasilien.
Er dreht sich zu mir. „War von Anfang
an logisch.“ Reines Glück, denke ich. Messi
im Viertelfinale von Ramos k.o. geschlagen,
Neymar im Semifinale ausgeschlossen. Die
Deutschen waren dreimal fast draußen. Bevor
ich Fred fragen kann, wache ich auf.
Fünf Wochen vor Alfred Tatars geträumter
Selbstbespiegelung. Die WM in
Russland beginnt morgen. Ich frage Fred,
was alle fragen: Wer wird Weltmeister? Er
schlägt mit dem Arm einen großen Bogen.
Bei der WM 1978 – Córdoba und so – waren
16 Teams dabei, jetzt sind es 32 und
2026 werden es 48 sein.
Die Fifa bläst heiße Luft in den Ballon, sag
ich. Fred: „Im Gegenteil, sie hat verstanden,
dass Fußball alle Winkel der Welt erobert
hat. Und das Geschäft floriert auch außerhalb
Europas.“ Globalisierung. Ich entgegne,
Fußball war doch schon 1978 ein weltweites
Geschäft.
„Nein“, sagt er, „nur in Europa und Südamerika.
Die Grenzen waren dicht, in England
zum Beispiel durften nur zwei Legionäre
pro Klub arbeiten, und nur Teamspieler.“
Wenn die Gewerkschaft zustimmte.
Heutzutage ist Europa der Markt für
Spieler aus aller Welt, 271 WM-Kicker
spielen in England, Spanien und Deutschland.
„Die neuen WM-Teilnehmer“, sagt
Fred, „werden von der Fifa mit Geld gefördert
und verbessern damit ihre Infrastruktur
und Nachwuchsarbeit.“ Das ist keine
Förderung, sondern eine Prämie, sag ich.
„Erst die Leistung, dann das Geld“ dekretiert
Fred, „ausschließlich materieller Transfer
schafft Egalité.“
1954, als Österreich Dritter wurde, stellte
die Uefa drei Viertel der Teilnehmer, 2026
ist es ein Drittel. „Wenn die englische Premier
League in Asien enorme Summen lukriert“,
sagt Fred, „dann gehört die WM geöffnet.
Europa erschließt sich neue Märkte,
die Erträge konzentrieren sich in den großen
europäischen Verbänden.“
Fred nickt. Im Import-Export sind die
Deutschen Weltmeister. Und die WM ist
ein logischer Nebenerwerb.

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“Besondere Spieler gewinnen in jedem System”

Otto Baric führte Salzburg und Rapid ins Europacupfinale, war Teamchef von Österreich und Kroatien. Er hält Deutschland, Brasilien und Argentinien für Anwärter auf den WM-Titel

Für die zwei Dokumentarfilme über Rapids und der Austria Geschichte fuhren wir, ein Team der Kurt Mayer Film, nach Zagreb, um Baric zu besuchen. er redete mit uns stundenlang, präzise, originell, wtzig, als wäre er 55 und nicht 85.

Er kommt pünktlich wie die Gezeiten an Kroatiens Stränden, vielleicht sind die Schritte ein wenig vorsichtiger und die Stimme ein wenig leiser als früher. Er hat in das “spezielle Restaurant” Okrugljak am Rande des Zagreber Villenviertels geladen und er freut sich, dass der ORF für eine Dokumentation über die Geschichte Rapids und der Austria ihn befragt. In Zagreb herrscht Frühsommer, in den schattigen Lauben des weitläufigen Gastgartens ist es angenehm kühl. Wieder steht eine Weltmeisterschaft vor der Türe und Otto offeriert mit sichtlichem Vergnügen seine Meinung. Dem eleganten älteren Herrn im leichten Sommeranzug sieht und hört man das frühere Temperamentsbündel fast nicht an. Bis er auf den Fußball zu sprechen kommt.

 

Herr Baric, die Fußball-WM in Russland ist das vorletzte Turnier mit 32 Teilnehmern. Tut es der WM gut, dass sie ab 2026 auf 48 Mannschaften aufgestockt wird?

Nein, das ist schlecht für den Fußball. Es ist gut für viele Länder, die sonst nicht zu einer Endrunde gekommen wären. Ich glaube aber, es sind schon jetzt zu viele Teilnehmer. Für die Länder ist es gut, weil sie Geld verdienen können und für die Spieler natürlich auch. Aber das ist die Tendenz von UEFA und Fifa: Geld. Das ist nicht gut. Diese Meisterschaften werden verwässert, sie werden schwächer. Und das ist schade.

Österreichs Nationalteam ist wieder einmal nicht dabei. Was sagen sie zum Absturz der Österreicher nach der guten EM-Qualifikation 2016?

Das ist für mich schwer zu erklären, ich bin weit weg, aber ich verfolge österreichischen Fußball genau. Trainer Marcel Koller war gut. Warum das im zweiten Teil bei der WM-Qualifikation so schlecht geworden ist, kann ich nicht sagen. Gut, einige Spieler waren nicht so in Form wie in der Qualifikation, nehmen Sie David Alaba, Zlatko Junuzovic, und Marc Janko war vielleicht schon zu alt. Sie haben auch keinen wirklich guten Tormann. Das sind echte Probleme. Normal wäre, dass Österreich in diesem Wettbewerb steht. Schade. Aber in Österreich ist es so wie in vielen Ländern: immer ist der Trainer schuld, wenn es nicht läuft. Ich sage das nicht, weil ich Trainer bin, ich habe in meinem Leben viel Plus. Ich habe 14 Super-Jahre in Österreich gehabt. Bei Innsbruck, Rapid, Salzburg, in der kroatischen Nationalmannschaft. Aber am schwersten ist es für mich hier, in Zagreb.

Was ist so schwer für Sie in Kroatien? Hier bewundert Sie doch jeder?

Bei uns sind viele gegen dich, wenn es ein bisserl schlecht läuft. Das ist so wie in Österreich. Nach zwei Jahren beim kroatischen Team war der Vertrag aus, und genau dann wusste ich alles, dann hätte ich mehr machen können. Dann kennt der Trainer die Situation, er muss schwächere Spieler eliminieren, Junge dazu holen. Es braucht alles seine Zeit. Aber Leute sind ungeduldig. Ich kann es jetzt sagen, ich bin kein Kandidat für einen Trainer-Job und habe auch kein Interesse.

Was sagen Sie zum Lauf der Salzburger in der Europa League?

Ich muss gratulieren. Jetzt hat sich Salzburg als richtige Fußballstadt gezeigt. Als ich gekommen bin, war das maximal eine mittelmäßige Mannschaft, Salzburg war Nummer sechs, sieben im österreichischen Fußball. Durch zwei, drei Jahre ist sie gewachsen. Nach einem Jahr hatten wir nur zwei Nationalspieler, Heribert Weber und Gerald Willfurth, dann sind Hermann Stadler, Leo Lainer, Wolfgang Feiersinger und Heimo Pfeifenberger ins Team gekommen. Schade, dass ich nicht noch einmal kommen konnte. Herr Mateschitz hat mich nicht geholt als Sportdirektor. Ich war im Gespräch, aber ein Problem war, dass es zwischen Herrn Mateschitz und Herrn Quehenberger keine maximale Verständigung gegeben hat.

 

Der Salzburger Transportunternehmer Rudolf Quehenberger war viele Jahre lang Hauptsponsor und Präsident von Austria Salzburg. 1991 holte er Otto Baric nach Salzburg. Baric hatte nach seinen Meistertiteln 1987 und 1988 mit Rapid bei Sturm Graz und Vorwärts Steyr Aufbauarbeit geleistet und wollte wieder Meister werden. In Salzburg baute er eine mittelmäßige Mannschaft um und führte sie 1994 und 1995 zu zwei Meistertiteln. 1994 eliminierte sie auf dem Weg ins UEFA-Cup-Finale unter dramatischen Umständen die deutschen Bundesligavereine Eintracht Frankfurt und Karlsruher SC. Otto Baric, der 1985/86 eine nicht besonders erfolgreiche Saison beim VfB Stuttgart hingelegt hatte, erlangte wieder für kurze Zeit Bekanntheit in Deutschland, als er klagte, er hätte sich für das Finale einen deutschen Gegner gewünscht, aber leider sei keiner mehr übrig. Im Finale unterlag Salzburg Inter Mailand zwei Mal mit 0:1.

Sie waren mit Salzburg im Europacup schon weiter als RB Salzburg, nämlich in einem Finale.

Wir haben ab dem Viertelfinale in Wien gespielt. Das Salzburger Stadion war zu klein für uns und die Anhänger in Österreich haben alle zu Salzburg gehalten. Rudi Quehenberger hatte das Vertrauen, dass die Salzburger Fans nach Wien kommen und er hatte Recht. Das Stadion war voll. Leider haben wir nicht so viel Geld gehabt wie Mateschitz heute oder damals die Wiener Vereine.

Apropos Geld. Ist es nicht überraschend, dass die kleine Mannschaft von Mateschitz, Salzburg, in der Europa League weiter gekommen ist als die große, teure von Leipzig?

Von den zwei Red Bull Mannschaften ist Leipzig Favorit. Sie haben ein größeres Stadion, eine jüngere Mannschaft. Sie haben Salzburg geschwächt, weil sie die besten jungen Spieler nach Leipzig geholt haben. Aber Salzburg hat sich gefunden. Ich war in Leipzig und habe mir das angeschaut, der Trainer Ralph Hasenhüttl war mein Spieler. Es freut mich, er ist, glaube ich, gut geworden. Er macht physisch alles für die Mannschaft, aber es ist nicht modern und kreativ. Sie haben schwere Speile gehabt, sind ein bisschen müde, das ist klar, wenn man zwei Jahre immer am Maximum spielt.

Mittlerweile hat sich RB Leipzig von Hasenhüttl getrennt, Stöger musste Dortmund verlassen. Als Mateschitz 2005 den finanzmaroden Klub von Quehenberger kaufte, ihn zu einem Marketingvehikel ausbaute und mit einer professionellen Infrastruktur ausstattete, war Baric als Quehenberger-Freund punziert. Die Fußballanhänger hätten Baric gern wieder am Spielfeldrand gesehen, aber er passte wohl nicht in das kühle Marketingkonzept des Klubs.

Wer ist ihr Klub im Augenblick?

Liverpool. Sie waren schon vor 20 Jahren ein moderne europäische Mannschaft. Sie haben viel für die Entwicklung der Taktik in Europa gemacht. Als eine der ersten Mannschaften in England haben sie europäisch gespielt, den Ball besser in der Mannschaft gehalten als andere Vereine dort. Dann haben sie wieder mehr englisch gespielt und ihren besonderen Stil verloren. Ihren Trainer Jürgen Kopp schätze ich sehr. Schade, dass sie Philippe Coutinho an Barcelona verloren haben. Liverpool hat einen ausgezeichneten Sturm, eine gute Abwehr, vor allem mit diesem neuen Virgil van Dijk aus Holland. Aber sie haben im Mittelfeld keinen Klasse-Klassespieler. Auf Naby Keita von Leipzig haben sie schon die Hand drauf. Wenn sie noch Timo Werner und einen exzellenten Mittelfeldspieler holen, dann sind sie so gut wie Manchester City.

Was sagen sie zu dem ägyptischen Zauberer Mo Salah von Liverpool?

Das Interessante ist, er war schon in zwei, drei großen Vereinen, war dort auch gut, hat zehn Tore jedes Jahr geschossen. Aber jetzt hat er 40 geschossen. Unglaublich.

Sie verfolgen offenbar den Fußball immer noch sehr genau, was beschäftigt Sie sonst? Analysieren Sie noch im Fernsehen Fußballspiele?

Ich will nicht mehr im TV auftreten, das kostet mich zu viel Zeit. Jetzt schreibe ich ein besonderes Buch und mache eine Kassette dazu: technisch-taktische Übungen gegen eine moderne Abwehr. Zu 80 Prozent bin ich fertig damit. Ich mache das mit der kroatischen Jugend-Nationalmannschaft. Die sind sehr gute junge Spieler, stark, technisch außergewöhnlich. Und mit Dinamo Zagreb, die haben 70 Prozent unserer besten Spieler in Kroatien.

Die kroatischen Klubs leiden doch auch wie die österreichischen unter dem ständigen Verkauf ihrer besten Spieler ins Ausland?

Schauen sie, wenn Dinamo jetzt alle Spieler haben könnte, die sie in den letzten fünf Jahren verkauft haben, wären sie sehr stark. Auch jetzt haben sie fünf sehr gute Junge, und sind Meister. Sie haben in Split gespielt gegen Hajduk, 32.000 Zuschauer, aber das ist selten. Dinamo ist der beste Klub, aber er hat keine guten Zuschauer. Nur wenn sie in Europa sind, kommen die Zuschauer.

In Österreichs Fußball ist auch zu wenig Geld, das sieht man an Rapid, Austria, die haben keine Chance auf eine Karriere in Europa. Das wirkt auch auf die Nationalmannschaft.

Vor mir war Herbert Prohaska beim österreichischen Team. Er hat sich für die WM 1998 qualifiziert. Als ich nach ihm gekommen bin, hatten wir in der Qualifikation 2002 eine schwerere Gruppe. Mit Spanien, Israel, Bosnien und Liechtenstein. Ich bin gut mit Prohaska, das ist ein guter Trainer und Mensch. Wir haben Bosnien in der Gruppe gehabt, die waren immer schwer, die können morgen im Prater oder in Zagreb gewinnen, auch wenn Kroatien allgemein besser ist. In der Relegation sind wir an der Türkei gescheitert. Als ich fertig war beim ÖFB, bin ich zu früh gegangen, Österreich wäre mit mir besser geworden.

Hier trügt Baric möglicherweise die Erinnerung. Prohaska, der sich für die WM 1998 qualifiziert hatte, dankte 1999 als Teamchef ab, nachdem er in Spanien 0:9 verloren hatte. ÖFB-Präsident Beppo Mauhart machte Baric zum Teamchef. Baric hatte seit Jahren auf das Amt gespitzt. In seinem zweiten Länderspiel verlor er in Israel 0:5, eine mit Prohaskas Spanien-Blamage durchaus vergleichbare Abfuhr. Die EM-Qualifikati0pn war vorbei, kaum hatte sie begonnen. Die WM-Quali 2002 endete in der Relegation mit zwei Niederlagen (0:1, 0:5) gegen die Türkei. Er war als Teamchef nicht zu halten.

Wie macht das Kroatien, dass es ununterbrochen so große Spieler wie Modric bei Real oder Rakitic bei Barcelona herausbringt?

Wir sind geeignet für Spiele mit Ball. Außerdem sind wir ein armes Land, und arme Leute spielen Fußball. Aber nicht nur Fußball, wir sind sehr stark im Handball und Basketball. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Unsere zweitbeste Mannschaft Rexe Nasice hat im Handball-Europacup gegen Füchse Berlin gespielt, das erste Spiel war 28:20 für uns. Insgesamt sind die Kroaten mit einem Tor Unterschied ausgeschieden. Aber objektiv haben Füchse zehn Mal mehr Geld.

Wie weit wird Kroatien bei der WM kommen?

Wir haben mit Island, Argentinien, Nigeria eine schwere Gruppe, nur die Gruppe mit Russland, Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay ist leicht. Wir schaffen die erste Runde, dann können wir auf Frankreich kommen. Und dann muss man sehen. Kroatien ist derzeit gut, wir haben viele gute Kicker, die in Spanien, England, Deutschland, Italien in den besten Mannschaften spielen. Die Mannschaft ist gut, aber nicht ideal, sie könnte besser sein. Wir müssen Nigeria und dann Island im letzten Spiel schlagen. Argentinien ist, glaube ich, derzeit besser.

Der Kader der Kroaten liest sich wie der Traum eines Trainers. Auf jeder Position, vom Tormann (Danijel Subasic, AS Monaco) über die Abwehr (Sime Vrsaljko, Atletico Madrid, Dejan Lovren, FC Liverpool) und das Mittelfeld (Mateo Kovacic, Real Madrid, Luka Modric, Real Madrid, Ivan Rakitic, FC Barcelona) bis zum Angriff (Mario Mandzukic, Juventus Turin, Ivan Perisic, Inter Mailand, Ante Rebic, Eintracht Frankfurt) stehen Männer aus großen Vereinen der fünf großen Ligen Europas. Baric hält Deutschland, Argentinien und Brasilien für die WM-Favoriten, aber die Kroaten sind so gut aufgestellt wie schon seit der WM 1998 nicht, als sie die Deutschen im Viertelfinale (3:0) mühelos aus dem Turnier schossen – und im Semifinale fast den späteren Weltmeister Frankreich geschlagen hätten (1:2).

Ruiniert das Geld der Scheichs und Oligarchen den Fußball?

Na gut, das ist nicht schlecht für englische Klubs. Sie konnten zum Beispiel Zlatan Ibrahimovic kaufen. Sein Vater ist Kroate. Er ist in Schweden geboren. Wir dachten, wir können ihn für die kroatische Nationalmannschaft haben, und haben mit ihm und seinen Eltern geredet. Aber er war mit 14 Jahren schon zu teuer. Wer konnte denken, dass er so gut wird?

Sie waren selber Trainer von Kroatien und kennen alle wichtigen Leute im Geschäft. Was halten Sie von Niko Kovac, dem neuen Trainer von Bayern München?

Ich habe die Brüder Niko und Robert Kovac in der Nationalmannschaft gehabt. Sie sind Berliner, mit kroatischen Eltern. Sie haben kurz in Salzburg gespielt. Ich gratuliere den Bayern zu dieser Entscheidung, Niko wird gut, er ist ein Beißer, ein Deutscher, aber kreativ. Ich kann mir vorstellen, dass er die besten Bosnier und besten Kroaten oder junge Italiener für Bayern findet.

Und was sagen Sie zu Peter Stögers Entwicklung? Er hat BVB Dortmund in die Champions League gebracht und hat dennoch gehen müssen.

Peter Stöger kenne ich gut, er war mein Spieler bei LASK, das war 1998/99. Mir gefällt auch Dortmund, auch wenn sie im Moment nicht so gut sind, wie sie vor ein paar Jahren waren. Sie haben viele gute Spieler verloren, auch den besten Stürmer, Pierre-Emerick Aubameyang. Mit Marco Reus und Mario Götze haben sie große Probleme, das waren super Talente aber sind stecken geblieben. Aber sie haben wieder einen super Spieler mit 17 Jahren gekauft, diesen Jadon Malik Sancho, der gegen Leverkusen ein Tor geschossen hat. Stöger wird einen anderen Klub finden, er ist ein guter Trainer. Klubs wie Leipzig und Dortmund wollen immer unter die ersten Drei in der Meisterschaft, aber dafür gibt es sechs, sieben Kandidaten.

Wichtigste Frage: Was sagen Sie zu Pep Guardiola?

Ich finde ihn sehr gut. Er ist kreativ, er versteht Fußball. Was war bei Bayern, wo er in drei Jahren nicht einmal ins Champions League Finale gekommen ist? Gegen Barcelona und Real Madrid ist es nicht leicht. Carlo Ancelotti war überall gut, aber dort, wo er am stärksten wollte, bei den Bayern, konnte er nicht.

Heute reden Sie gern von Systemen, vom Umschalten, das gab‘s doch schon immer, es hieß nur Konter?

System ist wichtig, aber nicht alles. Man muss spielen, was die Mannschaft kann. Ich finde, besondere Spieler gewinnen in jedem System. In meiner Zeit bei Rapid war Austria vielleicht technisch besser als Rapid, aber war nicht bessere Mannschaft. Rapid hat den schnelleren Fußball gespielt. Wir mussten nicht so viel kurze Pässe üben, weil wir mit Weber eine starke Verteidigung hatten und mit Zlatko Kranjcar, Petar Brucic und Antonin Panenka super Ballverteiler. Und natürlich vorne einen Combat-Spezialisten, Hans Krankl.

 

OTTO BARIC, *1933, war ein talentierter Fußballer, dem es an Härte und Schnelligkeit fehlte. Sagt er selbst. Er wurde mit Wacker Innsbruck, Rapid und Austria Salzburg Meister, führte Rapid (1985, Cupsiegercup, 1:3 gegen Everton) und Salzburg (UEFA-Cup, 1994, 0:1, 0:1 gegen Inter Mailand) jeweils in ein Europacup-Finale.

OTTO BARIC war 1999 – 2001 Österreichs Teamchef, verpasste die Qualifikation für die EM 2000 und die WM 2002. Für Kroatiens Team war er 2002 – 2004 zuständig, qualifizierte sich für die EM und schied nach den Gruppenspielen aus. 1997 führte er Dinamo Zagreb zum kroatischen Meistertitel und Cupsieg.

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