Der größte Kasperl von allen verlässt die Arena

Usain Bolt war zu perfekt. Er lief wie ein Biomechanikerrechenmodell und machte mit seinen aufgesetzten Faxen auf leutselig. Ich habe ihm das nicht abgenommen. Da war Carl Lewis, der auch neun Olympia-Goldene hat, glaubwürdiger. Lewis war ein Dopingbetrüger, der US-Verband schützte ihn. Aber Lewis hatte in seiner ganzen Falschheit mehr Würde als Bolt mit seinen Grimassen.

Lewis gilt bis heute als Held. Seinen Kontrahenten Ben Johnson (CAN), Olympiasieger von Seoul 1988, stellten sie an den Pranger.

Wer kennt noch Walerij Borsow (UdSSR), Olympiasieger über 100 m in München. 1972. Er soll das verbotene Dianabol geschluckt haben. Konnte keiner nachweisen, Dopingkontrollen interessierten keinen Menschen.

Palästinensische Terroristen stürmten das israelische Quartier und ermordeten alle Geiseln. Der IOC-Präsident, US-Unsympathler und Nazi-Sympathisant Avery Brundage erklärte: „The Games must go on!“

Wer soll an den Zirkus noch glauben? Dopingbetrüger Justin Gatlin (USA) hat dem sauberen Bolt die 100 m weggenommen. Von den 20 individuellen Bestzeiten über 100 m wurden alle wegen Dopings gestrichen. Nur Bolts Zeiten nicht. Darunter der Weltrekord von 9,58 Sekunden vom 16. August 2009 in Berlin. Der nächste cleane Kasperl ist schon auf dem Weg.

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„Auf dem Platz bin ich ein Ungustl“

Günter Bresnik erzog Dominic Thiem zu einem höflichen jungen Mann und erfolgreichen Tennisspieler

An einem glühend heißen Samstagvormittag steht ein mittelgroßer Mann in Shorts, blaukariertem Kurzarmhemd und Dreitagesbart im Foyer des Universitätsinstituts für Sportwissenschaften auf der Schmelz. Die Bundessport Akademie hat Günter Bresnik (56) zur Trainerfortbildung eingeladen. Vier Stunden lang wird er Fragen von Trainern nach dem neuen Tenniswunderkind Dominic Thiem beantworten. Die Schlüsselfrage: „Wie hat er das gemacht, einen achtjährigen Buben in einen der besten Tennisspieler der Welt zu verwandeln?“ Die Antwort ist unspektakulär und eine Konsequenz von Bresniks bürgerlicher Erziehung. „Wichtig ist nicht, was du in deinem Leben machst. Wichtig ist, dass du es mit Leidenschaft und gut machst.“

Das heurige Turnier von Wimbledon (3. – 16. Juli) betritt Thiem nicht als Mitfavorit, so weit ist er noch nicht. Außerdem ist Rasen nicht sein Lieblingsspielplatz. Doch der erste Sieg in einem „Grand Slam“ Turnier zeichnet sich ab. „Er wird jeden Tag besser“, sagt Bresnik. Im Mai 2015 gewann Thiem in Nizza sein erstes Turnier auf der Tour der Association of Tennis Professionals ATP. Es war der Beginn eines steilen Aufstiegs unter die Top Ten.

Die „Grand Slams“ von Wimbledon (London, Rasen), French Open (Paris, Sand), Australian Open (Melbourne, Hartplatz)  und US Open (New York, Hartplatz) sind die Höhepunkte des Jahreszyklus. Wer eins davon gewinnt, ist ein Besserer unter den Guten. Bei den French Open Anfang Juni spielte sich Thiem bis ins Semifinale, ohne einen einzigen Satz abzugeben. Dort traf er auf den späteren Turniersieger Rafael Nadal ESP, 31), der ihn in drei gnadenlosen Sätzen (6:3, 6:4, 6:0) heimschickte. Als einziger Österreicher gewann Thomas Muster 1995 in Paris und war noch dazu Nummer 1 der Weltrangliste (1996).

Dominic Thiem wird der zweite Österreicher sein. Er verdankt das Günter Bresnik und vielleicht auch seiner Zeichenlehrerin im Gymnasium. Die hängte ihm in der sechsten Klasse einen Nachzipf in Bildnerischer Erziehung an. Worauf er mit der Zustimmung der Eltern die Schule verließ und Tennisprofi wurde. „Es war auch kein großes Risiko“, sagte Bresnik bei der Trainerfortbildung, „der Dominic ist ein blitzgescheiter Bub, der kann in zwei Jahren die Matura nachmachen.“ Tennis war ihm lieber, sieben Jahre später ist er der Achtbeste von zig Millionen Tennisspielern.

Zielstrebigkeit in jeder Lebenslage ist so ein Grundsatz Bresniks. Er entspringt wie viele Prinzipien des Spitzensports einer bürgerlichen Lebenseinstellung, die Erfolg als Ziel im Leben predigt. Die Mittel und Wege zur Erreichung dieses Ziels folgen der Überzeugung, dass jeder Mensch für sein Schicksal allein verantwortlich sei und prinzipiell alles erreichen könne.

In seinem Buch „Die Dominic Thiem Methode – Erfolg gegen jede Regel“ leitet er diese Haltung aus der Erziehung durch seine Eltern ab. Vater und Mutter Bresnik stammten aus armen Verhältnissen, studierten unter Entbehrungen Medizin, die Mutter gab für den Sohn und dessen Schwestern die Arbeit auf, der Vater machte als Arzt Karriere. Dessen „überragende“ Einstellung zum Beruf hat der Sohn und Tennistrainer übernommen. Alle Handlungsgrundlagen und Charaktereigenschaften, die aus einem Kind einen erfolgreichen Spitzensportler machen, gelten Bresniks Überzeugung zufolge im Leben. Spitzensportliches Training ist also bloß eine Spielform des ganzheitlichen, zielorientierten, pragmatischen Bildes des Menschen als Schöpfer seines eigenen Glücks. „Unzulänglichkeiten behebt man durch richtiges, ausdauerndes, konzentriertes Üben“ schreibt er. Oder: „Es gibt nichts Schlimmeres als ungerechtfertigtes Selbstvertrauen.“

Bresnik hat mit einigen großen Tennisspieler, Patrick McEnroe, Jakob Hlasek, Boris Becker, Henri Leconte, gearbeitet. Heute ist er einer der gefragtesten Trainer der Welt, regelmäßig kommen Spieler aus den Top 50 in Bresniks Tennisakademie in der Südstadt und suchen Trost und Rat. In Österreich begannen sie ihn ernst zu nehmen, als Dominic Thiem Mitte Mai im Viertelfinale des Turniers von Rom den besten Sandplatzspieler aller Zeiten, den Spanier Rafael Nadal (31), 6:4, 6:3 besiegte.

„Wenn du einen Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic besiegen willst“, sagt Bresnik, „musst du nicht nur besser Tennis spielen als sie. Du musst auch stark genug sein, um ihre Aura zu besiegen.“ Die drei Herren sind die wichtigsten Tennisspieler unserer Tage, Federer ist nach Bresniks Urteil der Favorit für Wimbledon und überhaupt der Spieler, der „der göttlichen Idee des Tennis“ am nächsten kommt. Dominic Thiem gehört zu einer Gruppe junger Wilder, die die in die Jahre gekommenen Könige ablösen und sich die Führung der Weltrangliste untereinander ausmachen wird.

Bresnik bezeichnet sich selber als „den besten Mentaltrainer“, weil er seine Spieler besser kennt als jeder andere. Er übt mit ihnen, coacht sie in Turnieren, tröstet und korrigiert sie. „Mentaltrainer profitieren meist mehr von den Spielern als umgekehrt“, sagt er. Trainerarbeit umfasse alle Aspekte, von der Ernährung bis zur Kleidung, die Zerlegung in Zuständigkeiten ist nicht Bresniks Sache.

Die Kollegen wollen Einzelheiten von Bresniks Methode wissen. Wenn Eltern dreinreden? „Stelle ich das ab oder beende die Zusammenarbeit.“ Nach welchen Kriterien wird das Wettkampfjahr geplant? „Nach den Grand Slams. Die sind die Grundversorgung für einen Top 100 Spieler.“ Wer dort in der ersten Runde spielt, erhält 35.000 Euro Antrittsgeld. War Thiem ein außergewöhnliches Talent? „Was ist Talent?“ fragt Bresnik. „In Österreich versteht man darunter jemanden, der mit weniger Aufwand als Andere sein Ziel erreicht.“

„Talent“ sei ein komplexes Phänomen, und koordinative Begabung nur ein kleiner Teil davon. Spitzensport sei Arbeit, sagt er. Das halte nur jemand aus, der das unbedingt will. Dominic Thiem, der Bub, der nicht stillstehen konnte, wollte. Eine komplexe Sportart wie Tennis wirklich zu lernen setzt die Bereitschaft des Kindes im Alter von sieben, acht Jahren voraus, jeden Schlag in jeder Stellung, im Stehen, Vorwärts- und Rückwärtslaufen, im Beschleunigen und Bremsen zu üben. Zehn, 15 Stunden in der Woche. Über zehn, 15 Jahre hindurch. Das geht nur, wenn das komplexe Lebensbild eines Heranwachsenden auf das Wesentliche zusammengestutzt wird.

Spitzensport wird gern als Spiegel der Gesellschaft beschrieben. Der Erfolgreiche erntet den Lohn seiner Bemühungen. Auf dem Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien bilden sie Sportwissenschaftler, Trainer und Turnlehrer aus, die Kinder Freuden und Mühen des Sports beibringen sollen. Ausgerechnet die Professur für Sportpädagogik will die Universität demnächst einsparen. Die Fragestunde mit Bresnik kann auch als Plädoyer gegen die Unsinnigkeit dieser „Reform“ verstanden werden.

Wenn Bresnik sagt, „ich bin mit dem diktatorischen Ansatz gut gefahren“, setzt er einen Seitenhieb gegen die Beliebigkeit und Spaßestrunkenheit vieler heutiger Pädagogen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ das Lob der anthropogenen Selbstdisziplinierung gesungen. „Üben, üben, üben“ sei der Auftrag des Menschen.

Wenn Bresnik gegen die mediale Inszenierung junger Sportler argumentiert, erinnert er sich an seinen ersten großen Spieler, Horst Skoff (1968 – 2008). „Er war wie ein kleiner Bruder für mich“, sagt Bresnik. Für Skoff wechselte der Medizinstudent Bresnik in den Tennistrainerjob. Jahre später verließ ihn Skoff für einen anderen Manager, verlor seinen Weg, vergeigte die Karriere. 2008 fand man ihn bewusstlos in einem Hamburger Hinterhof, er war schwer zusammengeschlagen worden und starb Tage später an seinen Verletzungen.

Diese Erfahrung bestärkte wohl Bresniks Bestehen auf Kontrolle und Verantwortung für das kleinste Detail. Seine Schützlinge müssen Schläge exakt so ausführen, wie er es vorschreibt, ob das der Top 50 Spieler ist oder ein achtjähriger Neuling. „Technik ist Kontrolle“, sagt er. Trainer zu sein, ist die Kontrolle über den Kontrollerwerb. „Ich bin auf dem Platz ein Ungustl“, sagt er. Man darf sich den begnadeten Spitzensportler Dominic Thiem als Menschen vorstellen, der glücklich ist, von einem Diktator erzogen worden zu sein.

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Spitzensport ist Business um jeden Preis, das will Österreich nun auch

Die Leichtathletik will ihre Vergangenheit säubern. Ein löbliches Unterfangen, erinnert halt an die Arbeit von Zentralkomitees in den Staaten des Ostblocks. Alle Weltrekorde vor 2005 sollen gelöscht werden. Weil der Geruch des Dopings an ihnen haftet und sie unglaubwürdig macht.

Die New York Times, journalistischer Leuchtturm der freien, objektiven, westlichen Welt, erzählt die Geschichte der Tschechoslowakin Jarmila Kratochwilowa. Sie lief 1983 800 m in 1:53,28 min. Die Zeit wurde nie unterboten. Kratochwilowa dient der Times als Beweis des Staatsdopings im Ostblock. Damals waren Athleten die Opfer überdrehter nationaler Renommiersucht.

Es ist dies die kleine, sportliche Abart des Wahns von Wachstum und Standortsicherung, den SPÖVP in die Verfassung schreiben will. Natürlich sind beide Phänomene radikal verschieden. Die zugrundeliegende Mentalität jedoch ist sehr wohl vergleichbar: Business/Erfolg um jeden Preis. Um den Preis der Gesundheit, der Umwelt, der Ehrlichkeit. Kratochwilowa sagt, sie habe nie gedopt. Beweise fand die NYT keine. Schön wärs, könnte man das „Staatsdoping Wachstumsideologie“ wie ein verbotenes Präparat nachweisen und absetzen.

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Death Valley oder Grand Canyon, das ist die Frage

Die Wahl in den USA ist eine Art Fernrohr in die Zukunft der Demokratie. Auch in die Varianten einer mit großem Geld geschmierten Regierungsmaschine.

Reportagen über die Stimmung in den USA sind derzeit in Mode und notwendig. Auf einer Fahrt durch den Südwesten der USA, von San Francisco über den Yosemite National Park und den Grand Canyon, dann in den Süden zur Route 66 wieder zurück nach San Francisco trifft man viele Amerikaner, die nichts von ihrer Regierung halten. Aber schon gar nichts. „The Land of the Free“ hat irgendwie den Kontakt zu seinen gewählten Repräsentanten verloren. Wer sich täglich die endlosen inhaltsschwachen Talk-Shows zu den Wahlen anhört, in denen kaum Neuigkeiten berichtet, aber Unsäglichkeiten von politischen Kommentatoren, Kampagnenhelfern beider Seiten und Journalisten wiedergekaut werden, kriegt ein Gefühl für die Distanz und die Verachtung, die in der größten Demokratie der Welt herrscht.

Die Fahrt durch den Yosemite National Park nimmt gut und gern drei Stunden in Anspruch. Auf der mehr als 100 Meilen (160 km) langen Fahrt begegnen Jerry, der Cousin meiner Frau, und ich, vielen Touristen. Auf dem nach dem Nationalpark-Pionier Frederick Olmsted benannten Aussichtspunkt plappert eine Gruppe Franzosen aufgeregt über den Granitblock des Half Dome, dessen mehr als 2000 m senkrecht abfallende Wand ein Dorado für Kletterer ist.

Wer den National Park besucht, muss 8 $ Eintritt zahlen. Kathleen versah Dienst im Postenhäuschen. Sie hat glatte, schulterlange, blonde Haare mit silbernen Strähnen, die ihr vom breitkrempigen Ranger-Hut bis auf die Hüften fallen. Sie wird Trump wählen. Warum? „Hillary ist eine Lügnerin, und sie verursacht den Tod von Menschen.“

Und Trump ist kein Lügner? „Er lügt auch“, räumt Kathleen ein. „Aber er ist nicht für den Tod von Amerikanern verantwortlich.“ Sie spielt offenbar auf die Bombenattacke im Jahr 2012 gegen zwei Einrichtungen der UISA in Libyen an, die dem US-Botschafter J. Christopher Stevens und drei weiteren Amerikanern das Leben kosteten. Donald Trump behauptete in seinem Wahlkampf, das Fehlverhalten der damaligen Außenministerin Clinton habe den Tod der US-Bürger zur Folge gehabt. Trump konnte dafür bisher keine Beweise vorlegen. Andererseits hängen diese Vorwürfe mit der „E-Mail-Affaire“ Clintons zusammen. Sie hatte während ihrer Amtszeit als Ministerin unter Präsident Barack Obama oftmals einen privaten und nicht den offiziellen, sicheren Server für ihre Mails verwendet.

Wir kamen von San Francisco, frühstückten in der mitten im Wald gelegenen Evergreen Lodge – dort warnen sie vor Bären und Cougars, die auch Berglöwen heißen und bis zu 100 Kilogramm schwer werden. Wenn sich so ein Jäger nähert, soll man sich möglichst groß und viel Lärm machen, dann trollen sie sich wieder. Als Österreicher, der vollkommen gefahrlose Wälder gewöhnt ist, muss man erst das Erstaunen und leise Unbehagen an einen Spaziergang im Wald hinunterschlucken, der womöglich durch den Auftritt eines Braunbären geschmückt wird. Aber hier reden sie unaufgeregt darüber, als handle es sich um Bambi.

 

Über dem Geisterdorf Bodie rührte sich kein Lüftchen. Vom Ausgang des Yosemite Parks muss man ein paar Meilen nördlich fahren, vorbei am Mono Lake, der eine ähnliche Wasserqualität hat wie das Tote Meer. Dana, eine kleine, pummelige, resolute Person, steht im Häuschen zum Eingang in dieses Freiluftmuseum des amerikanischen Traums. Mr Bodey 1859 Gold entdeckte. Am Eingang versah Mrs. Dana Dienst, sie verachtet beide Präsidentschaftskandidaten, wird aber Hillary Clinton wählen. „Sie ist das kleinere Übel“, sagt sie knapp.

Der Goldrush begann hier in den Fünfzigern des 19. Jahrhunderts, als Mr Bodey Gold entdeckte und endete schon 20 Jahre später. Das Gold in den Minen war abgebaut, ein verheerendes Feuer vernichtete fast die ganze Stadt. Heute stehen hier nur mehr einige pittoreske Holzhäuserruinen und das übliche Heimatmuseum mit Bildbänden und Fetischen.

Dana kassierte den Eintritt. „Ich denke, sie sind beide nichts wert“, sagte sie über die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump. Aber sie werde zur Wahl gehen und ihr Kreuzchen für „Hillary“, wie hier alle sagen, machen. „Sie ist das kleinere Übel.“

Jerry war selbst neugierig, was seine Landsleute „auf dem Land“ über die Wahl denken. Lehnen sie die Regierung so sehr ab, dass sie den Wahlkampf gar nicht beachten? Was macht den Unterschied zwischen den Kandidaten aus, folgen sie den von den Medien transportierten Argumenten, oder geht der Medienhype an ihnen vorbei?

Überraschenderweise fanden wir keinen einzigen Menschen, der das Gespräch über die Wahl verweigerte. Alle Angesprochenen nahmen lebhaft Stellung und in der überwiegenden Zahl konnten sie ihre Meinungen auch eloquent begründen. Das heisst noch nicht, dass sie die via TV transportierte Propaganda unter Zuhilfenahme anderer Quellen reflektiert hatten. Ganz im Gegenteil, wir fanden oft die Phrasen des Unterhaltungssenders Fox TV, der sich als News-Station ausgibt und aggressiv Stellung für Trump und die Republikaner nimmt, in den Antworten unserer Gesprächspartner.

Vom Kassier an der Tankstelle über den Angestellten im Guitar Center von San Francisco (dort waren alle für Hillary Clinton) bis zum Mitarbeiter eines Transportunternehmens, den wir mit seiner Frau in einem mexikanischen Schnellimbiss in der Kleinstadt Kingman an der historischen Route 66 trafen – alle sprachen in ganzen Sätzen, die mehrere Punkte der öffentlichen Debatte enthielten. Die Demokratie in den USA hängt am seidenen Faden der TV-Formate, in denen ein brutaler, streng formalisierter und untergriffiger Diskurs geführt wird.

Kein Wunder, dass der demokratische Prozess im Wesentlichen im Austausch von vorgefassten Meinungen besteht. Viele Amerikaner, wie auch Kathleen oder das Ehepaar Gene und Walter, das ich in einem Taco Deli in Kingman befragte, halten Clinton für eine Lügnerin und für eine Gefahr für das Land. „Ich habe Angst“, sagt Gene, „dass sie die Abtreibung bis zum Geburt freigibt, wir werden unser Recht verlieren, Waffen zu tragen, und sie zerstört für die Banken die Wirtschaft.“ Ihr Ehemann Walter, ein Schrank von Mann in einem weiss-blau karierten Hemd, nickte und fügte hinzu: „Trump ist auch nicht perfekt, aber er ist der Beste.“

Das Death Valley ist so ein typisch amerikanischer Fall: großer Name für eine kleine Aufregung. Keine 200 Kilometer, und man ist durch. Auf dem Weg ein paar Sanddünen, der tiefste n Punkt der Fahrt auf einer Hochschaubahn von Straße liegt 100 Fuß unter dem Meeresspiegel. Als wir am östlichen Ende herauskamen, passierten wir Zabriskie Point. Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni hat einem Film (1970) über die rebellischen, selbstbezogenen Sehnsüchte der Hippie-Bewegung den Namen des Aussichtspunktes gegeben. 46 Jahre später ist das bloß noch ein Punkt auf einer Touristenstricherlliste und alle hochfliegenden Ambitionen dieses Landes, oder die in die USA projizierten Hoffnungen scheinen verflogen.

Vor der Fahrt durch das Dearth Valles legten wir in Bishop’s eine Pause ein, kaufen im Schat’s, einer sensationellen Bäckerei, Mandeltörtchen, Croissants und Schokolade als Proviant. Frühstückten anschließend in einem Buchgeschäft mit angeschlossenem Kaffeehaus. Janet, Juliet und Francis, drei energische ältere Damen, halten Trump für ein Verbrechen an den USA. „Ja, hier sind die meisten für Hillary“, sagt Janet, „aber viele sagen es nicht offen.“ Und Juliet: „Du darfst in so einem kleinen Ort niemanden vor den Kopf stoßen weil du nicht weißt, wann und zu welcher Gelegenheit du ihn wieder siehst.“ Ein Jammer, wie niedrig das Niveau der Kandidaten sei, seufzt Francis.

Auf dem Flughafen von Kingman ein paar hundert Meilen weiter stehen tausende abgewrackte Flugzeuge. Vom süßen, bauchigen Doppeldecker bis zu riesigen, gelben Frachtjets von DHL. Die Luft ist hier so trocken, dass sie nicht rosten. Ein Symbol für den Zustand der USA, das Bild einer noch im Schlaf beeindruckenden Kraft – die zu keiner Bewegung mehr fähig?

Das Flughafenrestaurant ist eine Oase des alten Amerika, drei ältere Damen kochten Kaffee, brieten Eier und Speck, die Gespräche drehten sich um „Trump und Hillary“.  So ging es landauf, landab. Auf dem Hoover Dam und in den alten Tankstellen auf der Route 66, in den Trading Posts im Reservat der Navajo und Hopi und den altmodischen Hotels am Rande des Grand Canyon, in den Memorabilien-Shops in Winslow, das eine Zeile in einem Lied der Eagles als Legitimation für seinen Platz im Geschichtsbuch der Nation nutzte („Take it Easy“: „Well, I’m a-standin‘ on a Corner in Winslow, Arizona“) – überall singen sie das gleiche, patriotische Lied: Dieses Land ist zu schade für die Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.

Doch es findet keine Auseinandersetzung mit Argumenten statt. Wo immer wir Halt machten, in größeren Städten wie Flagstaff oder Tankstellen, nirgendwo erscheint eine Zeitung, die sich mit politischen Themen auseinandersetzt. Selbst in San Francisco haben sie kein Blatt, das der Mühe des Lesens wert wäre. Die New York Times kann man dort kaufen, gut, aber die lokalen Zeitungen drucken nicht einmal die Bilder in annehmbarer Qualität, die inhaltliche Armut ist erschreckend. In den Lokalblättern in kleineren Orten wie Kingman, Bishop oder Wilson erscheinen Zeitungen, die nicht einmal eine politische Sektion aufweisen. In diesen Publikationen geht es von der ersten Seite an um entlaufene Katzen und Feuerwehrfeste. In San Francisco verkaufen sie Zeitungen in Drogerien und Supermärkten, in drei Tagen habe ich dort kein Buchgeschäft gefunden, das den Namen verdient. Ich habe mehr als 15 Leute nach einem Geschäft gefragt, in dem ich Zeitungen und Magazine kaufen könnte. Niemand konnte mir ein derart exotisches Etablissement kennen Weiterlesen

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Von der Verhärtung eines Mannes in aller Öffentlichkeit

ÖFB-Teamchef Marcel Koller ist sich treu geblieben. So kann an das natürlich auch sehen. Nach der 2:3-Niederlage in Belgrad erlebte das Nationalteam, das Koller sich zu verändern weigert, eine weitere Veränderung. Es verliert den Zusammenhalt. Das hat wie bei der Europameisterschaft teilweise mit der individuellen Form einzelner Teamspieler zu tun. Das hat auch mit der Zusammensetzung der Mannschaft durch Coach Koller zu tun. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass in den Spielen gegen Wales (2:2) und Serbien (2:3) die gefährlichsten Aktionen Tempodribblings von Marko Arnautovic waren und kaum fliegende Kombination erfolgten.

Es ist kein Zufall, dass die aus Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic gebaute Innenverteidigung, schon gegen Wales ein Nervositätserreger, auch gegen Serbien arbeitete. Kollers Unwilligkeit, personelle Veränderungen vorzunehmen, stellte in der souverän absolvierten EM-Qualifikation einen Faktor der Stabilität dar. Auch hier freilich konnte man, wenn man wollte, bereits einen Hang zur Flexibilitätsverweigerung feststellen. Marc Janko, der wegen läuferischer und spielerischer Defizite seit Jahren nicht imstande ist, im Spiel einen Beitrag zu leisten, wurde auch bei Formschwäche einberufen. Das stellte solange kein Problem dar, als die Mannschaftskollegen dank überragender Form und schwächelnder Gegner (Russland, Schweden) – wann wird Österreich wieder einer derart wehrlosen Qualifikationsgruppe angehören? – Jankos Defizite überkompensierten. Es wäre eine interessante Frage an Koller, ob er sich dieser Tatsache bewusst war oder Janko tatsächlich für ein Asset des Teams hielt.

Mittlerweile ist selbst das vorbei. Janko ist nicht nur weit jenseits seines Höchstleistungsalters, er ist auch nicht wirklich fit und schon gar nicht in Form. In seiner derzeitigen Verfassung kann er metaphorisch gesprochen keinen Hydranten mehr überspielen. Koller beruft ihn dennoch ein, obwohl Jankos Mitspieler die Schwächen des Torjägers nicht mehr auffangen können. Koller will offenbar nicht sehen, oder er kann nicht sehen, was in seinem Team passiert. Ist der Ex-Kapitän Christian Fuchs auch wegen der offenkundigen Analyseschwäche des Teamchefs und der auch dadurch einreißenden Territorialansprüchen von Arnautovic-Dragovic-Alaba abgetreten?

Österreichs Medien haben während der EM-Qualifikation ihr Bestes gegeben, Koller zum Guru zu erheben. Im Falter erschien dazu eine differenzierte Darstellung, in der dem Gedanken Raum gegeben wurde, die Erfolgsserie des ÖFB-Teams sei bei aller soliden Arbeit von Koller und seinem Team auch ein Geschenk – woher auch immer. Der ÖFB-Teamchef konnte nichts dafür, dass eine Zeitlang Alaba, Baumgartlinger, Fuchs, Junuzovic und Harnik in großartiger Form waren. Arnautovic war lange Zeit ein Problem, er durfte sich Mätzchen und Aussetzer erlauben, die sich niemand anderer hätte leisten dürfen. Und alle Journalisten waren dann gerührt, dass er einige Male tatsächlich gut spielte und sogar einige Tore schoss. Mittlerweile scheint er halbwegs brauchbar, nur die Mannschaft kann ihm nicht mehr helfen.

Vielleicht hat in diesen guten Tagen Koller auch angefangen zu glauben, dass die Unverwundbarkeit seiner Mannschaft sein Werk war. Wenn das so ist, muss er in den Spielen unmittelbar vor der Endrunde schmerzhaft aufgewacht sein. Wahrscheinlich reibt er sich immer noch die Augen und versteht die Welt nicht mehr. Er wirkt wie ein Mann, der am Ufer steht und erstaunt feststellt, dass die Fähre, die ihn sonst immer abgeholt hat, nicht mehr kommt. Und die Illusion, übers Wasser zu gehen, entpuppt sich angesichts der nassen Knie als das, was sie ist: eine Illusion.

Man hat das schon an größeren Kapazundern als Koller je sein wird gesehen: Heute sind sie Gurus, morgen sind sie entlassen. Auch „Special One“ José Mourinho musste diese Erfahrung machen, als er mitten in einer grottenschlechten Saison von Chelsea gekündigt wurde. Der über die Maßen gepriesene Pep Guardiola hat in seinen drei Jahren bei Bayern München das Semifinale der Champions League nicht überlebt. Ja, er ist mit den Bayern deutscher Meister geworden, aber das hätten mit dem Kader viele geschafft.

Im Fußball erinnert viel an die ihn umgebende und ihn alimentierende Wirtschaft: einige große Einheiten machen sich das große Geschäft untereinander aus. Je größer sie werden, desto gieriger werden sie. Karlheinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender von Bayern München und Vorsitzender der European Club Associations, lobbyiert für die Einführung einer Super-Champions League, in der die größten Klubs rund um Juventus Turin, Chelsea, Manchester United und Bayern, gesetzt sind. Sportliche Risken wie das eventuelle Scheitern an einem kleinen Verein in der frühen Phase des Europacups, sollen tunlichst ausgeschaltet werden.

Solange Koller von Spielern, die im Kreis der Großen eine Rolle spielten, gefüttert wurde, lief alles bestens. Nun freilich merkt man, dass er wie Guardiola und alle andere, von der Form und Qualität der Kicker abhängig ist. Die Frage ist also: wie geht er damit um?

In einer Qualifikation kann ein Teamchef kaum etwas falsch machen. Er hat vor den Spielen die Kicker jeweils nur ein paar Trainingseinheiten lang zur Verfügung. Ausnahme: ein Trainingslager im Jahr. Eine Entwicklung der Mannschaft wie im Klubbetrieb, wo man sich zwei Mal am Tag sieht, ist im Nationalteam ausgeschlossen. Ein Teamchef ist total von den Vereinen abhängig, die allein für die Verfassung und Verwendung der Kicker zuständig sind. Wer von Entwicklung im Team redet, redet Humbug. Ein Nationalteam ist darauf angewiesen, dass der Trainer die richtigen, das heisst in Form befindlichen und mit einander harmonierenden, Kicker, einberuft. Ein Kevin Wimmer als linker Außendecker dürfte ihm nicht passieren. Das müsste er besser wissen. Einen Florian Klein als rechten Außendecker müsste er zu ersetzen suchen, denn Florian Klein ist, wie der Innenverteidiger Martin HInteregger, für gegnerische Stürmer ein, wie man in Wien sagt: Menü.

„Sorry“ schrieb die Kronen Zeitung am Tag nach dem 2:3 gegen Serbien zur Note 1 („War nicht sein Tag“) für Kevin Wimmer. Hier zeigt sich die Verhaberung der Krone mit ihrem Partner ÖFB einmal ungeschminkt. Österreichs Fußball-Journalisten haben bis auf wenige Ausnahmen ihr kritisches Gewissen abgegeben. Das eröffnet Koller und dem ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, dem manche Mainstream-Journalisten und –Blogger noch immer die Reformagenda im Verband zuschreiben, die Freiheit, zu tun, was ihnen beliebt. Sie müssen über ihre Fehler keine Rechenschaft abgeben.

Koller sucht im Fall von Unform eines bewährten Teamkickers nicht nach Alternativen. Sonst hätte er  für den seit Monaten bei Werder Bremen unter Wasser schwimmenden Zlatko Junuzovic längst nach einem Ersatz Ausschau gehalten. Kein Mensch kann inzwischen erklären, was Koller noch mit Martin Harnik anfangen will, der seit vielenvielen Monaten neben den Schuhen steht. Das Team macht längst den Eindruck einer geschützten Werkstätte, die von der Quasi-Pragmatisierung ihres Chefs durch patriotisch verblendete Medien und eine offenbar abgeschaffte verbandsinterne Kritik profitiert.

Als es einmal tatsächlich auf Sportdirektor Ruttensteiner und Teamchef Koller angekommen ist, haben sie versagt. Vor der EM-Endrunde hatten sie vier, fünf Wochen Zeit, die Mannschaft nach einer stressigen, kräftezehrenden Saison wieder aufzubauen. Sie haben eine geistig abgespannte und physisch kaputte Truppe ins Turnier geworfen. Männer wie Alaba, Junuzovic, Harnik, die ausgelaugt, angeschlagen und mit stark fallender Formkurve einrückten, wurden nicht wieder aufgebaut. Männer wie Schöpf, die topfit wurden, übersah Koller. Männer wie Janko und Hinteregger, die vorher über etliche Wochen kein Meisterschaftsmatch bestritten hatten, wurden nicht entsprechend gefordert. Weiterlesen

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Wo die Welt noch einen Schimmer Glück enthält

Eine Verkürzung der Sommerferien wäre eine zynische Unterwerfung der Kinder unter die Selbstverwirklichung der Erwachsenen

Dieser Kommentar erschien zuerst im Falter. Aufgrund der Reaktionen und der Brisanz des Themas habe ich mich entschlossen, ihn auch hier zu veröffentlichen.

Wer kritische, gegen den Strich gebürstete Berichterstattung und Kommentierung schätzt, möge bitte den Falter kaufen – und auch das ab Oktober wieder erscheinende Datum.

Wer Lehrer werden will, muss lernen, die Schule, von der Einrichtung des Turnkammerls bis zum Chemiesaal, von der Morphologie der Alpen bis zum Höhlengleichnis von Plato, aus der Sicht der Kinder zu betrachten. Man nennt das Methodik, und es geht in jedem Fach darum, den Schülern die Tiefe und Schönheit, die Unbegreiflichkeit und Gnadenlosigkeit der Welt oder was wir dafür halten, nahezubringen. Und zwar in einer Weise, die ihnen zumindest eine Chance und im besten Fall noch eine oder zwei bietet, die Methode der Welt, oder was wir darunter verstehen, kennen zu lernen.

Dieses Prinzip eint alle Lehrer, ob sie nun im Kindergarten oder in der Hochschule unterrichten. Nicht alle Lehrer halten sich daran, manche sind intellektuell oder emotional überfordert, manchen sind Kinder schlicht egal. Ich habe in meiner fünfjährigen Zeit als Mittelschullehrer einige dysfunktionale, für Kinder gefährliche Kollegen erlebt, die allermeisten aber waren hingebungsvolle Pädagogen. Die größte Gefahr für die Kinder in der Schule stellen nicht unfähige Lehrer dar, sondern die Schulpolitik. Einen markanten Einschnitt stellt in dieser Hinsicht die Regierung Wolfgang Schüssels dar, der Elisabeth Gehrer als Unterrichtsministerin einsetzte. Nicht so sehr die Einsparungen, sondern die zynische, von betriebswirtschaftlichem Blabla schlecht maskierte Neuorganisation der Schule führte zu einem Niedergang des Systems, der sich in den vergangenen 15 Jahren aus vielen Gründen noch beschleunigte.

Das grundlegende Übel in allen Diskussionen ist die funktionale Beschreibung der Kinder. Sie nennen sie Schüler und verallgemeinern sie zum Schulsystem. Das macht den Weg frei, das System mithilfe von Experten und unter Rücksichtnahme auf Lobbyinggruppen zu „reformieren“. Die Kinder geraten aus dem Blick, sie würden die Systemkritik bloß stören. Familienministerin Sophie Karmasin und die Arbeiterkammer liefern eben ein krasses Beispiel für die Instrumentalisierung der Kinder: sie wollen die Sommerferien verkürzen. Das Kernargument: die Eltern haben Probleme mit der Betreuung der Sprösslinge.

Es geht also nicht darum, ob neun Wochen Ferien für Kinder gut sind, notwendig, sinnvoll oder einfach: schön. Es geht in dieser wie Sommergewitter jährlich wiederkehrenden Diskussion nicht um die Probleme der Kinder, sondern das Problem Kind aus der Welt zu schaffen. Jedes Jahr dieselbe hanebüchene mediale Jammerei: Wo bringe ich die Kinder unter? Welche – kostenintensive – Belastung ist das doch für die Eltern! Warum kümmern sich die Lehrer nicht auch in den Ferien um die Schüler? Weiterlesen

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Hannes und ich X und Ende und Sommerbeginn

Von der Hysterie Europas in den Sommerschlaf Österreichs

Vor dem Beginn der Euro 2016 hab ich das von der Schwiegermutter geschenkte Notizbüchl aufgemacht und ein unregelmäßiges Tagebuch über die Reise von Hannes und mir begonnen. Nun ist die Reise seit einiger Zeit zu Ende,. Wir haben immerhin eine Offenbarung des ÖFB-Teams und seines Cheftrainers Marcel Koller (ich habe einen Augenblick gestutzt, weil mir der Name nicht gleich eingefallen ist, wie schnell doch wer aus dem aktiven Wortschatz fällt!) erlebt, der „Europameister der Ausreden“ (hätte mir nie träumen lassen, die Krone zu zitieren, aber sie hat als einzige Zeitung die Fragwürdigkeiten in der Vorbereitung und Performance des Nationalteams und die an Ostblockmethoden erinnernde Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes kompetent kritisiert) wird für die im September beginnende WM-Qualifikation eine neue Mannschaft zusammensetzen müssen. Das werde ich mir eventuell wieder aus größerer Nähe anschauen. Die eindimensionale Jubelchoreographie war kaum interessant, zumal der Hohlraum unter dem Halleluja-Chor unschwer zu erkennen war. Zu den schönen Begleitumständen zählen nun das Verramschen einiger erschienener Hagiographien und das Nichterscheinen diverser Euro-Nacherzählungen.

Nun sind ein paar Wochen ins Land gezogen, die Türkei stürzt ins Unglück, und ausnahmsweise ist damit nicht deren Nationalmannschaft, sondern die Bevölkerung und die Regierung gemeint. Zu den längst eingebürgerten Oberflächlichkeiten gehört ja die Identifizierung von elf Kickern mit dem Land, das ihren Spielerpass ausstellt. Wer kann sich nicht an die Elogen erinnern, als Frankreich 1998 im neuen Stade de France in St. Denis Weltmeister wurde. Die Mannschaft und ihr Erfolg beweise, hieß es da, dass Frankreich angesichts der Multi-Kulti-Mannschaft die Integration von Ausländern und Zugereisten bewältigt habe – zum allseitigen Gewinn. Monate später brannten die Banlieus und der unsäglich Premierminister Sarkozy bezeichnete irgendwann die Unruhestifter sinngemäß als Abfall.

Das kann in Österreich nicht passieren. Hier findet keine Auseinandersetzung, keine Diskussion, kein Diskurs statt. ÖOC-Präsident Karl Stoss fand kein kritisches Wort, als die Europaspiele des IOC in Aserbaidschan ausgetragen wurden, wo Regimekritiker ins Gefängnis wandern oder überhaupt verschwinden. Er fand es bis jetzt auch nicht der Mühe wert, die Risken und Menschenrechtsverletzungen in Rio de Janeiro anzusprechen. Detto ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel, dessen Gehalt nach wie vor eine Art Staatsgeheimnis ist. Niemand erinnert sich mehr an die großen Transparenzversprechen, als Mennel und Stoss das ÖOC übernahmen. Stoss kritisierte auf dem für eine sportpolitische Diskussion völlig ungeeigneten und wirkungslosen Sportforum Schladming auch die „Verpolitisierung“ des organisierten Sports in Österreich. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Der CEO der mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Casinos Austria wurde im ÖOC zum Nachfolger von Leo Wallner gewählt. Wallner war, richtig, CEO der Casinos Austria. Das ÖOC lebt zum Großteil von Steuermitteln, konkret von Geld, das aus den „Abgabemitteln“ der Lotterien, die also dem Steuerzahler zugunsten des von Stoss geführten und von ihm weidlich zur persönlichen Profilierung genutzten Vereins ÖOC vorenthalten werden. In völlig gesetzeskonformer Weise,  das schon. Aber in einem derart luxuriös ausgestatteten Glashaus zu sitzen und die Verpolitisierung des Sports zu kritisieren ist auch nicht ganz ohne Charme.

Aber ich schweife ab. Am Montag, dem 18. Juli, lud die Bundesliga zu einer Pressekonferenz. Damit beginnt jedes Jahr die schönste Zeit des Sommers, die Fußballmeisterschaft beginnt, das traditionelle Rahmenprogramm zum Baden, Grillen und Chillen. Die Pressekonferenz lief ab wie erwartet, die mediale Hegemonie hatte der ORF, der die Show live übertrug und auch moderierte. Die Kritik richtete sich erwartbarerweise auf das Unwesentliche, das Klatschen der Journalisten beim Auftritt der Vereinspräsidenten und der Kapitäne. Der staatlich alimentierte Mainstream geriert sich als Kritiker des Mainstreams und lenkt die kritische Aufmerksamkeit – absichtlich oder unabsichtlich, ich persönlich glaube, unabsichtlich – von den interessanten, strukturellen Problemen ab. Zum Beispiel von der (eingebildeten?) Abhängigkeit der Bundesliga vom marktbeherrschenden Staatssender. Wenn man dann noch habituell auf die kritiklosen Mainstreamjournalisten in den Zeitungen hindeutet, zeigt man halt mit dem Finger – absichtlich oder unabsichtlich, ich glaube unabsichtlich – auf sich selbst.

Aber das ist nicht des Pudels, oder des Rinners Kern. Der steirische Unternehmer Hans Rinner ist seit 2009 Bundesliga-Präsident. Schon seine Installierung erweckte den Eindruck, als hätten die Bundesligaklubs keinen besseren, interessanteren, potenteren, gewandteren, beredteren Mann gefunden und sich auf Rinner, das kleinste Übel, geeinigt. Seither hat Rinner alles dazu getan, diesen Eindruck zu bestätigen. Das ist, zugegebenermaßen, nicht viel. Die Probleme der Liga sind dieselben wie vor vielen Jahren, manche Infrastrukturauflagen für die Lizenz sind für kleinere Bundesligamitglieder fast nicht zu stemmen. Immer wieder gehen Vereine ex, trotz des Lizenzverfahrens, das nach Auskunft aller Beteiligter und Betroffener super ist und immer superer und sowieso nach UEFA-Vorschriften abgewickelt wird. Die hirnrissigerweise „Erste Liga“ bezeichnete zweite Liga ist für die dort tätigen Klubs eine existentielle Gefahr. Die Zuschauer laufen der Bundesliga davon, im Vergleich zu 2010/11 (1.414.494, Schnitt: 7858) besuchten in der abgelaufenen Saison rund 300.000 Menschen weniger die Erstligakicks (1.128.726, Schnitt: 6270). Der Höhepunkt im Jahr 2007/2008, als mehr als 12,6 Millionen Menschen die Meisterschaftsspiele sahen (Schnitt: 9284) wirkt aus heutiger Sicht wie ein ferner, sonnenbeschienener, unerreichbarer Gipfel.

Von Rinner oder seinem Büro ist dazu keine Gegenoffensive bekannt. Bei der Liga-Pressekonferenz entblödete er sich nicht, die Stadionneubauten von Rapid und Austria als Errungenschaften für die Liga zu verkaufen, so als könnte er irgendetwas dafür.

ZUSCHAUERSTATISTIK – 1. LEISTUNGSSTUFE        2. LEISTUNGSSTUFE

2015/16    1.128.726 6270                                       325.053           1805

2014/15    1.180.971 6524                                       349.087           1939

2013/14    1.109.731 6165                                       292.782           1622

2012/13    1.227.694 6782                                       301.036           1672

2011/12    1.283.052 7128                                       398.509           2213

2010/11    1.414494  7858                                       310.782           1726

2007/08    1.671.157 9284                                       181.994           1011

 

Wie man sieht, schwankt das Zuschauerinteresse in der zweiten Leistungsstufe beträchtlich. Nicht nur ist die Todesliga nicht imstande, ihren Vereinen eine attraktive Bühne zu bieten, noch hat sie eine eigenständige, zugkräftige, den steten Wechsel der Vereine ausgleichende Identität entwickeln können. Von Rinner und seinem Büro sind dazu keine Initiativen bekannt. Weiterlesen

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