Gedanken zu einem Doping-Prozess

In Innsbruck wurden der des Dopings überführte und lebenslang gesperrte ex-ÖSV-Langläufer Johannes Dürr und der ex-ÖSV-Cheftrainer Gerald Heigl unter anderem wegen Sportbetrugs verurteilt

Am Ende des Tages räumte die Richterin ein, Spitzensportler, in diesem Fall Skilangläufer, lebten in einem System, in dem sie stark unter Druck gesetzt werden. Das habe sie und die Schöffinnen auch im Urteil berücksichtigt. Der ehemalige ÖSV-Langläufer Johannes Dürr wurde zu 15 Monaten, bedingt auf drei Jahre, und einer unbedingten Geldstrafe, der ehemalige-ÖSV-Langlauf-Cheftrainer Gerald Heigl zu einer bedingten Haftstrafe von zwölf Monaten und ebenfalls einer unbedingten, höheren Geldstrafe verurteilt.

Es war ein 12-Stunden-Tag im großen Schwurgerichtssaal in Innsbruck. Dürr hat ein weiteres Kapitel seiner Schuldgeschichte abgeschlossen. Mehr Verständnis werden sie nicht mehr kriegen vor Gericht. Sie wussten das, und nahmen die Urteile an.

Eine vierte Klasse der Handelsakademie von Wörgl war gekommen, um zu sehen und zu hören, was passiert, wenn im Spitzensport so richtig was schief geht. Die 18jährigen lernen, wie man Events organisiert und vermarktet. Wobei hören in diesem Zusammenhang leicht übertrieben ist, denn die Richterin redete so leise, dass kaum jemand im großen, halligen Saal, und die Kinder in den hinteren Reihen schon gar nicht, etwas verstehen konnten. Dieser Disrespekt der Richterin, die auch die Zeugen und Beschuldigten nicht aufforderte, das funktionierende Mikrophon zu benutzen, entprach dem Sinn der „öffentlichen Verhandlung“ nicht wirklich oder beeinträchtigte ihn zumindest.

Eine andere bemerkenswerte Sache war das Desinteresse des ÖSV-Anwalts, der die Privatbeteiligung des Verbandes wahrte, für die Verfehlungen der Angeklagten, deren Hintergründe und Abläufe. Der ÖSV hatte sich wegen ein paar hundert Euro an Unterbringungskosten (bei der Nordischen WM in Seefeld 2019) und von dem verurteilten Doper Max Hauke angeblich nicht zurückbezahlten Preisgeld von ebenfalls einigen hundert Euro dem Verfahren angeschlossen. Dieser Bagatelle wegen saß ein  Anwalt den Tag über im Gerichtssaal, der sämtliche wesentlichen Verhandlungspunkte ignorierte.

Demnächst werde ich wahrscheinlich über den Prozess, seine Hintergründe und viele offene, dringende Fragen im Zusammenhang mit dem ÖSV im Falter berichten. Vor rund einem Jahr waren die ÖSV-Sportler während der Nordischen WM in Seefeld aufgeflogen, auch durch die Hilfe des – ebenfalls wieder als Dopingbetrüger enttarnten – Dürr. Seither ermitteln österreichische und deutsche Polizeibehörden in der Sache, vor allem gegen einen deutschen Arzt als Drahtzieher. Bis jetzt sind freilich kaum deutsche Sportler enttarnt worden, in derselben Zeit absolvierten österreichische Skilangläufer, Radsportler und eine Mountainbikerin samt ihrem Partner etliche Gerichtstermine, einige wurden auch verurteilt.

Noch eines. Der ehemalige ÖSV-Cheftrainer Walter Mayer ist immer noch mit von der Partie bei der Aufarbeitung der Dopingfälle. Im Innsbrucker Schwurgerichtssaal verging kaum eine Viertelstunde, da die Richterin oder einer der Befragten nicht seinen Namen murmelte. Leise, aber unüberhörbar in diesem Fall.

 

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Eine Antwort zu Gedanken zu einem Doping-Prozess

  1. Dr. Jungwirth schreibt:

    Alle bekommen bedingte Strafe -was eher nicht sehr juckt -der Sport ist sowieso vorbei und „Mentoren“ wie Onkel Erwin/bei Kohl wird man vielleicht finden – abschreckend ist dies in keiner Weise

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