Der Jammer nach dem Rausch

Die Beleidigheit, mit der ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel auf Kritik reagiert, lässt nichts Gutes für die Zuunft der Alpintruppe erahnen

Die Ski-WM ist überstanden, vom High am Ende durch Marcel Hirschers Slalom-Sieg euphorisiert, äußerte sich ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel abfällig über Kritiker und empfahl „seinen“ Sportlern und Funktionäre, die Lektüre von kritischen Zeitungen einzustellen. Da unter den Ungläubigen auch ein Mann namens Hermann Maier zu finden ist, richtet sich Schröcksnadels Ablehnung anderer Meinungen auch gegen sich selbst. Auch wenn Schröcksnadel das in seiner hermetisch abgeschirmten Denke gar nicht zu merken scheint.

Maier äußerte schon während der WM in seinem täglichen Blog Bedenken über die Behandlung der Sportler durch Trainer und Funktionäre – erst Erwartungsdruck erhöhen, im Misserfolgsfall enttäuschte Kommentare abgeben. Schröcksnadel insinuierte in Gefälligkeitsinterviews in Partnerzeitungen, Hermann Maier habe den kritischen Beitrag, in dem die ÖSV-Mandatare zur Selbstkritik aufgefordert werden, nicht selbst geschrieben. Damit spricht er seinem ehemaligen Star und Umsatzbringer die Fähigkeit zum eigenständigen Denken und Artikulieren ab. Maier solle sich persönlich an ihn wenden, fordert Schröcksnadel auf orf.at: „Seine Ratschläge nehme ich an, wenn er sich persönlich mit mir in Verbindung setzt. Über seinen Berater sicher nicht.“ Weiterlesen

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Einer ging über den Regenbogen

Am Ende einer holprigen Ski-WM bewahrte Slalom-Sieger Marcel Hirscher Österreich vor der Einsicht, dass grundlegende Reformen im Skiverband ÖSV überfällig sind

In einem vollgepfropften, mit nationaler Begeisterung überschwappenden Stadion von Schladming beendete Marcel Hirscher den WM-Slalom erwartungsgemäß als Sieger. Vor dem Deutschen Felix Neureuther und dem Austro-Oldie Mario Matt. Hirscher hatte die Slalom-Weltcuprennen der Saison dominiert. Wie kanalisiert man eine derart niederdrückende Erwartung des ganzen Landes in ein Skirennen? Hirscher: „Ich weiss es selber gar nicht. Allzu oft möchte‘ ich das nicht ausprobieren.“

Zwei Wochen lang war der Österreichische Skiverband und das ganze Land einem Sieg vergeblich hinterhergerannt. Zwei Wochen der forcierten Jubelhaltung gingen am Sonntag im nationalen Freudentaumel zu Ende. Jede Medaille der Österreicher war in den Medien geradezu frenetisch gefeiert worden. Gewonnen hatten die Hausherren vor dem Slalom allerdings nur den merkwürdigen, den dramaturgischen Gesetzen des Fernsehens geschuldeten Team-Bewerb, in dem jeweils zwei Männer und zwei Damen einen Hybrid-Slalom im K.o.-System gegen ein anderes Nationalteam bestreiten. Weiterlesen

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Der brave Niki

Gag der Woche: Schladmings Ski-WM erhielt die grüne Öko-Medaille

Umweltminister Nikolaus Berlakovich hat der Schladminger Ski-WM die „grüne Öko-Medaille“  verliehen. Unter anderem für die Selbstverständlichkeit, Pfandbecher statt Mehrwegbecher für den Bier-Ausschank zu verwenden und einen (!) E-Bus – unter zigzig diesel-Bussen – angeschafft zu haben. Dem Beispiel seines Parteifreundes folgend hat Steiermarks Umweltlandesrat Johann Seitinger vor, „das Spiegelbild der Nachhaltigkeit in die Welt rauszutragen“. Für die Welt stellt das als eine gefährliche Drohung dar. Denn von der im Jahr 2008 mit Hilfe des Ökologie-Instituts angekündigten Klimachutz- und Nachhaltigkeits-Initiative ist nicht viel mehr geblieben als die Einhaltung von Bauvorschriften, unter anderem für das neue Kongresszentrum, die man heutzutage ohnehin nicht mehr umgehen kann und die längst und unabhängig von der Ski-WM geplante Renovierung von Schladmings Bahnhof.

Umweltminister Berlakovich wird sich im Zuge seiner windelweichen und opportunistischen Politik demnächst auf dem nächsten Kirtag einfinden und auch dort keinerlei, und schon gar nicht nachhaltige, Spuren hinterlassen. Die Auszeichnung Schladmings mit der „Öko-Medaille“ verrät entweder Wurschtigkeit einer wahrhaftigen und klar definierten Umweltpolitik gegenüber, oder es war ein Gefallen für die Freunde in der Steiermark und im Skiverband. In Berlakovichs Fall kommt mit Sicherheit die den Mann auszeichnende Wichtigtuerei dazu. Seine Aktionen vermitteln meist den Eindruck, der Auftritt sei ner Person sei das Wichtigste Thema auf der Agenda. Probleme kommen und gehen, Berlakovich bleibt bestehen.

Mittlerweile sind nämlich alle ernsthaften Experten einig, dass der Schladminger Event eine große vergebene Chance für die Umweltpolitik in der Region war. Investitionen von 400 Millionen Euro müssen wohl mehr bewirken als die von ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel gelobte tägliche Säuberung der Fanmeilen. Um sein und das Gewissen vieler Anderer zu beruhigen hatte der ÖSV die Marketing-Agentur der Monika Langthaler engagiert. Die war offenbar ihr Geld wert, die Öko-Medaille und die über die Medien schwappende Kritiklosigkeit, mit der über die alibihaften Umweltmaßnahmen berichtet wurden, ist ein großartiger Marketingerfolg. Mit Umweltpolitik und Nachhaltigkeit hat das freilich kaum etwas zu tun.

In der positiven Darstellung problematischer Vorgänge und Personen ist Langthalers Büro Branbows ja  eine Expertenbude. Nicht nur „begleitet“ sie den umwelttechnisch desaströsen Weg Erwin Prölls in Niederösterreich, auch das Anfang Februar in Wien stattgefundene Symposion mit dem Privatjetvielflieger und Todesstrafen-Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger war ein schlechter Witz. Aber wer weiss, vielleicht stehen der brave Niki und die tüchtige Moni ja diesbezüglich in Kontakt.

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Das Problem, das die Bundesliga gern übersehen würde

Fußball-Bundesliga-Stereotyp: Zum Saisonauftakt verweigert Vorstand Georg Pangl einen kritischen Blick in die Welt und in die eigene Liga

Die Winterpause ist vorbei und die Bundesliga ist nicht aus ihrer Provinzialität herausgekommen. Vorstand Georg Pangl behauptete in der obligatorischen Saisoneröffnungspressekonferenz, die von Europol aufgedeckten Wettbetrügereien seien ein alter Hut. Pangl: „Das wurde in vielen Ländern schon abgearbeitet und jetzt als Riesen-Wettskandal präsentiert.“ Pangl, ein Gerechtigkeitsfanatiker, der seine Bedeutung und Befugnisse vielleicht ein bisschen überschätzt, fordert: „Wenn es Beweise gibt, dann will ich die so schnell wie möglich haben. Erst dann kann die Bundesliga aktiv werden. Derzeit gibt es für uns keine neuen Erkenntnisse, die uns irgendwie weiterhelfen.“

Pangl verbreitet eventuell Desinformation. Die Europol-Enthüllungen sind nämlich sehr wohl Neugikeiten. Noch nie wurde von mehr als 400 Verdächtigen und beinahe 700 merkwürdigen Matches geredet. Wenn Medien oder gar ein Verantwortlicher wie Pangl behaupten, Europol habe nichts Neues zu erzählen gehabt, dann wiegeln sie ab, und das ist schlecht für den Fußball. Aber leider nicht ungewöhnlich für die österreichische Fußball-Bundesliga, die sich auch bisher im Kampf gegen Wettbetrügereien nicht durch Aktivitäten ausgezeichnet hat.

Vorbildlich ist in diesem Zusammenhang die Berichterstattung des Fan-Magazins ballesterer (http://www.ballesterer.at/aktuell/entscheidend-ist-die-praevention.html). Im Herbst 2012 brachte das Heft (Ausgabe ‚77) einen Schwerpunkt zum Thema. Darin ist unter anderem von Gerichtsurteilen in Deutschland zu lesen, aus denen hervorgeht, dass in Österreichs Bundesliga Spiele geschoben worden sein könnten. Von einer Initiative der österreichischen Verantwortlichen ist freilich nichts bekannt.

Im ballesterer liest sich das so: „Am 29. August 2009 besiegte Red Bull Salzburg den Kapfenberger SV mit 4:0. Für ein deutsches Gericht ist erwiesen, dass das Spiel geschoben war. In einem Urteil des Landgerichts Bochum vom 19. Mai 2011 heißt es dazu: »Im Vorfeld des Spiels hatte der Angeklagte T über den gesondert verfolgten Q2 auf die Spieler der Mannschaft des SV Kapfenberg durch Zahlung von circa 80.000 Euro dahingehend eingewirkt, dass diese das Spiel mit mindestens zwei Toren Unterschied verlieren sollten. Kurz vor dem Spiel, als der Angeklagte auf die Begegnung wetten wollte, waren die Quoten schlecht geworden. Offenbar war die Information, dass das Spiel manipuliert war, durchgesickert.« Dem Urteil zufolge setzte der Angeklagte T dennoch über einen englischen Anbieter 19 einzelne Wetten bei verschiedenen asiatischen Wettbüros auf eine hohe Niederlage der Kapfenberger. Aufgrund der schlechten Quoten habe der Nettogewinn des verurteilten Deutschen bei einem Einsatz von 210.435 Euro lediglich 9.404,09 Euro betragen.“

Wie der britische Aufdeckungsjournalist Declan Hill, der sich unter anderem auf Wettbetrug spezialisiert hat, in seinem Blog schreibt, ist die entscheidende Frage nicht, ob Europol neue oder alte Sachen publizierte, sondern sie lautet: „Ist das wahr?“ Offensichtlich ist an der Geschichte was dran. Sie spielt in 20 Ländern und Österreich ist eines davon. Die Polizei hat ausgezeichnete Arbeit geleistet, aber ihr fehlt die Unterstützung der Fußball-Funktionäre, von der FIFA offensichtlich bis hinunter zur österreichischen Bundesliga.

Übrigens haben die Bundesliga und der ÖFB hinter den Kulissen sehr wohl das Problem aufgegriffen und erste Maßnahmen zu seiner Behebung eingeleitet. Ein 2012 gegründeter und vom ehemaligen Rapid-Präsidenten Günther Kaltenbrunner geleiteter „Verein zur Wahrung der Integrität im Sport“ widmet sich der Prävention. Profikicker, Nachwuchsfußballer und Funktionäre wurden erstmals in den Wintertrainingslagern von diesem Verein mit Informationen und Wissen über die einschlägigen Verführungen und Strafen versorgt.

Lesetipp:

Igbert Löer, Rainer Schäfer: »René Schnitzler. Zockerliga. Ein Fußballprofi packt aus«, Gütersloher Verlagshaus, 2011

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Das Land Murmeltier

Ski-WM: Was ist das für ein Land, das mit dem Todesstrafenbefürworter Schwarzenegger, einem Amateurreiter auf Lipizzaner und Musikantenstadlschweinerock für sich wirbt. Doch sicher kein Land des 21. Jahrhunderts!

Österreich hängt in einer Endlosschleife. Die selbstlobhudelnde Eröffnungsfeier der Ski-WM in Schladming protzte mit den üblichen Österreich-Klischees. Retro-Skifahrer, kurzschwingende Skilehrer in der Gruppe, aufgedunsene Gesichter der Austro-Popper aus dem Jahre Schnee, der LederhosenRocker Andreas Gabalier mit seiner Schweinerock-WM-Hyme „Go for Gold“, ein unter einem Hobbyreiter trippelnder Lipizzaner, Todesstrafenbefürworter Scharzenegger sonderte Platitüden über seine „Heimat“ ab – nur Mozart und die unglückliche Kaiserin Sisi fehlten im alpinen Stereotypenkabinett.

Das Skifest offenbart von den ersten Sekunden an, welcher Wiederholungszwang in der Eigenwahrnehmung Österreichs steckt. Was hätte wohl Sigmund Freud zu Schladmings Eröffnungsabend gesagt? Ihm zufolge wird das Land von Skidodeln bewohnt, die schlechte Musik hören und nicht reiten können. Provinzpolitiker betteln in holprigen Sätzen Ausländer an, doch als Touristen in dieses schöne, herzliche, gastfreundliche, gebirgige, mit biologischen Fairtrade-Liftanlagen erschlossene Land zu kommen. Tradition schön und gut, aber diese Flut an reaktionären Assoziationen zeugt von der Ratlosigkeit des Österreichischen Skiverbandes im Umgang mit seinem historischen Erbe.

Dabei hat alles so vielversprechend begonnen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die alpine Skiausrüstung der obsolet gewordenen Habsburger-Armee unters Volk verteilt. Neben dieser materiellen Grundlage sorgte der militärisch-formalisierte Skiunterricht, die Basis der „Österreichischen Skischule“, für den entscheidend Popularitätsschub. Der Skisport und der auf ihm ruhende Wintertourismus sicherten den Bauern und Hotels in den Alpentälern buchstäblich das Überleben. Und er empfahl sich als Ersatznahrung für die mit der Habsburgermonarchie zugrunde gegangenen Großmachtfantasien.

Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, hat die materielle Grundlage für diese Ersatzhandlung gelegt und die WM nach Schladming geholt. Das ÖSV-Budget von 42 Millionen € übertrifft jedes Budget eines vergleichbaren Landesverbandes bei weitem, aber er spielt auch um einen höheren Einsatz. Nirgendwo sonst auf der Welt beansprucht der Skisport ein ähnlich großes Kapitel im Buch der nationalen Heldensagen. Der Aufmarsch der alten Skifahrer während der WM-Eröffnungsfeier diente der Rekapitulation alter Mythen, die vom Gedanken ausgehen, auf den Bergesgipfeln verwandle sich der Mensch zu einer besseren Ausgabe seiner selbst. In den Alpenvereinen wurde diese Ansicht kodifiziert und zur Glorifizierung des Skisports verwendet, der wiederum vom Patriotismus in Beschlag genommen wurde.

Niemand glaubt an diesen Wertetransfer übrigens fester als die Skiheroen selber. Der wichtigste Skisportler des 20. Jahrhunderts, der dreifache Olympiasieger von Cortina d’Ampezzo, Anton Sailer (1935 – 2009), bezeichnete sich selbst als einen Geburtshelfer des österreichischen Selbstbewusstseines nach dem Zweiten Weltkrieg. Er legte nach dem Skifahren eine Karriere als Filmschauspieler hin, die ihn bis nach Japan zu einer verehrten Figur aus dem sagenumwobenen Land von Schnee und Eis machte. Bis zu seinem Tod sprach er davon, die Leistungsfähigkeit und das Selbstbehauptungswillen  des Österreichers mit seinem Vorbild wieder aufgerichtet zu haben.

Inzwischen ist der naive Skisport der 50er und 60er Jahre ein durchgestyltes, kapitalintensives Spektakel. Die Gesetze der televisionären Dramaturgie verändern zwangsläufig die Wettkampfordnung, der alpine Skisport muss sich den Forderungen der Medienindustrie beugen. Sie zahlt und sie schafft an. Vor dem Diktat der TV-Stationen und des angehängten Warenstrausses mit seinen politischen, kommerziellen und ideellen Profiteuren wäre das Eröffnungsrennen, der Super der Dame, wohl abgesagt worden. Tatsächlich wurde er wegen Nebels und schlechter Sicht nach vier Stunden Wartezeit gestartet und lange vor der Fahrt der letzten am Start stehende Läuferin abgebrochen. Der US-Star Lindsay Vonn bezahlte den Einsatz mit einem entsetzlichen Sturz und einer komplexen Knieverletzung.

Die zynische Geschäftsgrundlagen besagen eben, dass spektakuläre Stürze als Aufmerksamkeitserreger strahlenden Siegertypen wie der eigenwilligen Slowenin Tina Maze nicht nachstehen. Ebenso wichtig ist im überhitzten Wettkampf um Quote und Zuneigung jedoch der originelle, kreative Umgang mit den Bildern und Klischees der verschneiten Berge und idyllisierten Heimat. Ohne einen Schuss Ironie wird die Party mit den Sehnsüchten der Zuschauer und Sportler jedoch schnell eine Pflichtübung. Leider fühlt sich die vom ÖSV den Österreichern zugemutete Präsentation der Ski-WM genau so an. Auch wenn im Taumel der Erleichterung nach dem ersten Gold im Teambewerb die Funktionäre, froh über den Beweis ihrer Unentbehrlichkeit und Unfehlbarkeit, einander um den Hals gefallen sind.

Das Endergebnis der Ski-WM steht schon  fest: Österreichs Selbstbild darf nicht länger dem ÖSV überlassen werden. Oder das Land wird zum Murmeltier, das immer wieder den selben Tag durchlebt, ohne es selbst zu merken.

 

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