Der Organisator des Vienna City Marathon, Wolfgang Konrad, über Business und Botschaften, Kinder und Kenianer, Doping und Desinteresse der Schulpolitiker an der Gesundheit der Kinder
Der Falter: Marathon ist ein weltweites Business geworden, ist Ihnen das nicht manchmal selbst unheimlich?
Wolfgang Konrad: Welches Business? Der Tourismus? Die Schuh- und Sportartikelindustrie? Der Veranstalter?
Falter: Sie selber machen sicher ein gutes Geschäft mit dem Marathon?
Konrad: Der Event macht einen Umsatz von rund 3 Millionen €, ich und neun Mitarbeiter und Familien leben davon. Aber die großen Profiteure sind die internationalen Ausrüsterfirmen und die Tourismusindustrie. Mit meinem Marathon erreiche ich 45.000 Hotelnächtigungen, als Hoteldirektor wäre ich der absolute Superstar. So bin ich nur der kleine Wolferl, der eine Laufveranstaltung organisiert. Der internationale Marathonsport macht sicher mehr Umsatz als die Formel 1.
Falter: Lässt sich die frohe Botschaft aufrecht halten, dass ein Marathon, 42 Kilometer auf Asphalt, ein Impuls für die Gesundheit ist?
Konrad: Wir reden nicht von 30.000 Menschen, die Marathon laufen, sondern wir haben ein Portfolio von Veranstaltungen, mit Kinder- und Staffelläufen, wo heuer 3000 Teams von 8 bis 16 Kilometer laufen. Außerdem habe ich nie behauptet, dass Marathonlaufen absolut gesund ist, aber der Weg dorthin ist gesund.
Falter: Der ist ja noch ärger, wir reden von tausenden bis zehntausenden Kilometern auf Asphalt.
Konrad: Wer sagt, dass die nur auf Asphalt gelaufen werden? Viele laufen im Wald, viele am Pferdeweg. Und wie viele gehen mit genagelten die Mariahilfer Straße auf und ab. Ist das gesund?
Falter: Aber das reklamiert niemand als gesunde Bewegung.Machen wir das Bild größer: Die Laufindustrie bläst ihre Gesundheitsslogans in die Luft und gleichzeitig verfällt die Bewegungserziehung in der Schule, die werden fetter, bewegungsunwilliger, ungeschickter . Was läuft oder hatscht da falsch?
Konrad: Ich mache ein attraktives Angebot zur Freizeitgestaltung, ich entscheide nicht, wer es annimmt. Für die Bewegungsförderung sind die Bundessport Organisation und die Verbände verantwortlich. Und für die Schule das Unterrichtministerium. Ich schüttle nur den Kopf darüber, warum der Sport in der Gesellschaft und in der Schule so einen niedrigen Stellenwert hat. Wenn Kinder keinen Sport treiben, werden sie als Erwachsene ihren Kinder auch keine Bewegung nahelegen. Wenn Kinder nicht auf Schulskikurse fahren, werden sie später nicht Ski fahren. Das ist ein Versäumnis der Politik. Aus.
Falter: Woran liegt das?
Konrad: Die Reizüberflutung ist sicher ein Problem, die Kinder haben heute mehr Angebote als ich in meiner Kindheit. Es gab keinen Fernseher, keinen Computer, kein iPad und keine Spielkonsole. Wir befinden uns in einer Teufelsspirale, die Kulturtechnik der körperlichen Bewegung kommt abhanden. Umso wichtiger sind Bewegungsangebote wie der Vienna City Marathon, der Frauenlauf und andere, wo jeder mitmachen kann. Weiterlesen