„Auf dem Platz bin ich ein Ungustl“

Günter Bresnik erzog Dominic Thiem zu einem höflichen jungen Mann und erfolgreichen Tennisspieler

An einem glühend heißen Samstagvormittag steht ein mittelgroßer Mann in Shorts, blaukariertem Kurzarmhemd und Dreitagesbart im Foyer des Universitätsinstituts für Sportwissenschaften auf der Schmelz. Die Bundessport Akademie hat Günter Bresnik (56) zur Trainerfortbildung eingeladen. Vier Stunden lang wird er Fragen von Trainern nach dem neuen Tenniswunderkind Dominic Thiem beantworten. Die Schlüsselfrage: „Wie hat er das gemacht, einen achtjährigen Buben in einen der besten Tennisspieler der Welt zu verwandeln?“ Die Antwort ist unspektakulär und eine Konsequenz von Bresniks bürgerlicher Erziehung. „Wichtig ist nicht, was du in deinem Leben machst. Wichtig ist, dass du es mit Leidenschaft und gut machst.“

Das heurige Turnier von Wimbledon (3. – 16. Juli) betritt Thiem nicht als Mitfavorit, so weit ist er noch nicht. Außerdem ist Rasen nicht sein Lieblingsspielplatz. Doch der erste Sieg in einem „Grand Slam“ Turnier zeichnet sich ab. „Er wird jeden Tag besser“, sagt Bresnik. Im Mai 2015 gewann Thiem in Nizza sein erstes Turnier auf der Tour der Association of Tennis Professionals ATP. Es war der Beginn eines steilen Aufstiegs unter die Top Ten.

Die „Grand Slams“ von Wimbledon (London, Rasen), French Open (Paris, Sand), Australian Open (Melbourne, Hartplatz)  und US Open (New York, Hartplatz) sind die Höhepunkte des Jahreszyklus. Wer eins davon gewinnt, ist ein Besserer unter den Guten. Bei den French Open Anfang Juni spielte sich Thiem bis ins Semifinale, ohne einen einzigen Satz abzugeben. Dort traf er auf den späteren Turniersieger Rafael Nadal ESP, 31), der ihn in drei gnadenlosen Sätzen (6:3, 6:4, 6:0) heimschickte. Als einziger Österreicher gewann Thomas Muster 1995 in Paris und war noch dazu Nummer 1 der Weltrangliste (1996).

Dominic Thiem wird der zweite Österreicher sein. Er verdankt das Günter Bresnik und vielleicht auch seiner Zeichenlehrerin im Gymnasium. Die hängte ihm in der sechsten Klasse einen Nachzipf in Bildnerischer Erziehung an. Worauf er mit der Zustimmung der Eltern die Schule verließ und Tennisprofi wurde. „Es war auch kein großes Risiko“, sagte Bresnik bei der Trainerfortbildung, „der Dominic ist ein blitzgescheiter Bub, der kann in zwei Jahren die Matura nachmachen.“ Tennis war ihm lieber, sieben Jahre später ist er der Achtbeste von zig Millionen Tennisspielern.

Zielstrebigkeit in jeder Lebenslage ist so ein Grundsatz Bresniks. Er entspringt wie viele Prinzipien des Spitzensports einer bürgerlichen Lebenseinstellung, die Erfolg als Ziel im Leben predigt. Die Mittel und Wege zur Erreichung dieses Ziels folgen der Überzeugung, dass jeder Mensch für sein Schicksal allein verantwortlich sei und prinzipiell alles erreichen könne.

In seinem Buch „Die Dominic Thiem Methode – Erfolg gegen jede Regel“ leitet er diese Haltung aus der Erziehung durch seine Eltern ab. Vater und Mutter Bresnik stammten aus armen Verhältnissen, studierten unter Entbehrungen Medizin, die Mutter gab für den Sohn und dessen Schwestern die Arbeit auf, der Vater machte als Arzt Karriere. Dessen „überragende“ Einstellung zum Beruf hat der Sohn und Tennistrainer übernommen. Alle Handlungsgrundlagen und Charaktereigenschaften, die aus einem Kind einen erfolgreichen Spitzensportler machen, gelten Bresniks Überzeugung zufolge im Leben. Spitzensportliches Training ist also bloß eine Spielform des ganzheitlichen, zielorientierten, pragmatischen Bildes des Menschen als Schöpfer seines eigenen Glücks. „Unzulänglichkeiten behebt man durch richtiges, ausdauerndes, konzentriertes Üben“ schreibt er. Oder: „Es gibt nichts Schlimmeres als ungerechtfertigtes Selbstvertrauen.“

Bresnik hat mit einigen großen Tennisspieler, Patrick McEnroe, Jakob Hlasek, Boris Becker, Henri Leconte, gearbeitet. Heute ist er einer der gefragtesten Trainer der Welt, regelmäßig kommen Spieler aus den Top 50 in Bresniks Tennisakademie in der Südstadt und suchen Trost und Rat. In Österreich begannen sie ihn ernst zu nehmen, als Dominic Thiem Mitte Mai im Viertelfinale des Turniers von Rom den besten Sandplatzspieler aller Zeiten, den Spanier Rafael Nadal (31), 6:4, 6:3 besiegte.

„Wenn du einen Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic besiegen willst“, sagt Bresnik, „musst du nicht nur besser Tennis spielen als sie. Du musst auch stark genug sein, um ihre Aura zu besiegen.“ Die drei Herren sind die wichtigsten Tennisspieler unserer Tage, Federer ist nach Bresniks Urteil der Favorit für Wimbledon und überhaupt der Spieler, der „der göttlichen Idee des Tennis“ am nächsten kommt. Dominic Thiem gehört zu einer Gruppe junger Wilder, die die in die Jahre gekommenen Könige ablösen und sich die Führung der Weltrangliste untereinander ausmachen wird.

Bresnik bezeichnet sich selber als „den besten Mentaltrainer“, weil er seine Spieler besser kennt als jeder andere. Er übt mit ihnen, coacht sie in Turnieren, tröstet und korrigiert sie. „Mentaltrainer profitieren meist mehr von den Spielern als umgekehrt“, sagt er. Trainerarbeit umfasse alle Aspekte, von der Ernährung bis zur Kleidung, die Zerlegung in Zuständigkeiten ist nicht Bresniks Sache.

Die Kollegen wollen Einzelheiten von Bresniks Methode wissen. Wenn Eltern dreinreden? „Stelle ich das ab oder beende die Zusammenarbeit.“ Nach welchen Kriterien wird das Wettkampfjahr geplant? „Nach den Grand Slams. Die sind die Grundversorgung für einen Top 100 Spieler.“ Wer dort in der ersten Runde spielt, erhält 35.000 Euro Antrittsgeld. War Thiem ein außergewöhnliches Talent? „Was ist Talent?“ fragt Bresnik. „In Österreich versteht man darunter jemanden, der mit weniger Aufwand als Andere sein Ziel erreicht.“

„Talent“ sei ein komplexes Phänomen, und koordinative Begabung nur ein kleiner Teil davon. Spitzensport sei Arbeit, sagt er. Das halte nur jemand aus, der das unbedingt will. Dominic Thiem, der Bub, der nicht stillstehen konnte, wollte. Eine komplexe Sportart wie Tennis wirklich zu lernen setzt die Bereitschaft des Kindes im Alter von sieben, acht Jahren voraus, jeden Schlag in jeder Stellung, im Stehen, Vorwärts- und Rückwärtslaufen, im Beschleunigen und Bremsen zu üben. Zehn, 15 Stunden in der Woche. Über zehn, 15 Jahre hindurch. Das geht nur, wenn das komplexe Lebensbild eines Heranwachsenden auf das Wesentliche zusammengestutzt wird.

Spitzensport wird gern als Spiegel der Gesellschaft beschrieben. Der Erfolgreiche erntet den Lohn seiner Bemühungen. Auf dem Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien bilden sie Sportwissenschaftler, Trainer und Turnlehrer aus, die Kinder Freuden und Mühen des Sports beibringen sollen. Ausgerechnet die Professur für Sportpädagogik will die Universität demnächst einsparen. Die Fragestunde mit Bresnik kann auch als Plädoyer gegen die Unsinnigkeit dieser „Reform“ verstanden werden.

Wenn Bresnik sagt, „ich bin mit dem diktatorischen Ansatz gut gefahren“, setzt er einen Seitenhieb gegen die Beliebigkeit und Spaßestrunkenheit vieler heutiger Pädagogen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ das Lob der anthropogenen Selbstdisziplinierung gesungen. „Üben, üben, üben“ sei der Auftrag des Menschen.

Wenn Bresnik gegen die mediale Inszenierung junger Sportler argumentiert, erinnert er sich an seinen ersten großen Spieler, Horst Skoff (1968 – 2008). „Er war wie ein kleiner Bruder für mich“, sagt Bresnik. Für Skoff wechselte der Medizinstudent Bresnik in den Tennistrainerjob. Jahre später verließ ihn Skoff für einen anderen Manager, verlor seinen Weg, vergeigte die Karriere. 2008 fand man ihn bewusstlos in einem Hamburger Hinterhof, er war schwer zusammengeschlagen worden und starb Tage später an seinen Verletzungen.

Diese Erfahrung bestärkte wohl Bresniks Bestehen auf Kontrolle und Verantwortung für das kleinste Detail. Seine Schützlinge müssen Schläge exakt so ausführen, wie er es vorschreibt, ob das der Top 50 Spieler ist oder ein achtjähriger Neuling. „Technik ist Kontrolle“, sagt er. Trainer zu sein, ist die Kontrolle über den Kontrollerwerb. „Ich bin auf dem Platz ein Ungustl“, sagt er. Man darf sich den begnadeten Spitzensportler Dominic Thiem als Menschen vorstellen, der glücklich ist, von einem Diktator erzogen worden zu sein.

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2 Antworten zu „Auf dem Platz bin ich ein Ungustl“

  1. fritz köhler schreibt:

    brüll: „Man darf sich den begnadeten Spitzensportler Dominic Thiem als Menschen vorstellen, der glücklich ist, von einem Diktator erzogen worden zu sein.“
    Prokop schau oba…

  2. fritz köhler schreibt:

    sollen wir aus dem zitat schließen, dass er auf der Schmelz KEIN ungustl war?

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