Von der Verhärtung eines Mannes in aller Öffentlichkeit

ÖFB-Teamchef Marcel Koller ist sich treu geblieben. So kann an das natürlich auch sehen. Nach der 2:3-Niederlage in Belgrad erlebte das Nationalteam, das Koller sich zu verändern weigert, eine weitere Veränderung. Es verliert den Zusammenhalt. Das hat wie bei der Europameisterschaft teilweise mit der individuellen Form einzelner Teamspieler zu tun. Das hat auch mit der Zusammensetzung der Mannschaft durch Coach Koller zu tun. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass in den Spielen gegen Wales (2:2) und Serbien (2:3) die gefährlichsten Aktionen Tempodribblings von Marko Arnautovic waren und kaum fliegende Kombination erfolgten.

Es ist kein Zufall, dass die aus Martin Hinteregger und Aleksandar Dragovic gebaute Innenverteidigung, schon gegen Wales ein Nervositätserreger, auch gegen Serbien arbeitete. Kollers Unwilligkeit, personelle Veränderungen vorzunehmen, stellte in der souverän absolvierten EM-Qualifikation einen Faktor der Stabilität dar. Auch hier freilich konnte man, wenn man wollte, bereits einen Hang zur Flexibilitätsverweigerung feststellen. Marc Janko, der wegen läuferischer und spielerischer Defizite seit Jahren nicht imstande ist, im Spiel einen Beitrag zu leisten, wurde auch bei Formschwäche einberufen. Das stellte solange kein Problem dar, als die Mannschaftskollegen dank überragender Form und schwächelnder Gegner (Russland, Schweden) – wann wird Österreich wieder einer derart wehrlosen Qualifikationsgruppe angehören? – Jankos Defizite überkompensierten. Es wäre eine interessante Frage an Koller, ob er sich dieser Tatsache bewusst war oder Janko tatsächlich für ein Asset des Teams hielt.

Mittlerweile ist selbst das vorbei. Janko ist nicht nur weit jenseits seines Höchstleistungsalters, er ist auch nicht wirklich fit und schon gar nicht in Form. In seiner derzeitigen Verfassung kann er metaphorisch gesprochen keinen Hydranten mehr überspielen. Koller beruft ihn dennoch ein, obwohl Jankos Mitspieler die Schwächen des Torjägers nicht mehr auffangen können. Koller will offenbar nicht sehen, oder er kann nicht sehen, was in seinem Team passiert. Ist der Ex-Kapitän Christian Fuchs auch wegen der offenkundigen Analyseschwäche des Teamchefs und der auch dadurch einreißenden Territorialansprüchen von Arnautovic-Dragovic-Alaba abgetreten?

Österreichs Medien haben während der EM-Qualifikation ihr Bestes gegeben, Koller zum Guru zu erheben. Im Falter erschien dazu eine differenzierte Darstellung, in der dem Gedanken Raum gegeben wurde, die Erfolgsserie des ÖFB-Teams sei bei aller soliden Arbeit von Koller und seinem Team auch ein Geschenk – woher auch immer. Der ÖFB-Teamchef konnte nichts dafür, dass eine Zeitlang Alaba, Baumgartlinger, Fuchs, Junuzovic und Harnik in großartiger Form waren. Arnautovic war lange Zeit ein Problem, er durfte sich Mätzchen und Aussetzer erlauben, die sich niemand anderer hätte leisten dürfen. Und alle Journalisten waren dann gerührt, dass er einige Male tatsächlich gut spielte und sogar einige Tore schoss. Mittlerweile scheint er halbwegs brauchbar, nur die Mannschaft kann ihm nicht mehr helfen.

Vielleicht hat in diesen guten Tagen Koller auch angefangen zu glauben, dass die Unverwundbarkeit seiner Mannschaft sein Werk war. Wenn das so ist, muss er in den Spielen unmittelbar vor der Endrunde schmerzhaft aufgewacht sein. Wahrscheinlich reibt er sich immer noch die Augen und versteht die Welt nicht mehr. Er wirkt wie ein Mann, der am Ufer steht und erstaunt feststellt, dass die Fähre, die ihn sonst immer abgeholt hat, nicht mehr kommt. Und die Illusion, übers Wasser zu gehen, entpuppt sich angesichts der nassen Knie als das, was sie ist: eine Illusion.

Man hat das schon an größeren Kapazundern als Koller je sein wird gesehen: Heute sind sie Gurus, morgen sind sie entlassen. Auch „Special One“ José Mourinho musste diese Erfahrung machen, als er mitten in einer grottenschlechten Saison von Chelsea gekündigt wurde. Der über die Maßen gepriesene Pep Guardiola hat in seinen drei Jahren bei Bayern München das Semifinale der Champions League nicht überlebt. Ja, er ist mit den Bayern deutscher Meister geworden, aber das hätten mit dem Kader viele geschafft.

Im Fußball erinnert viel an die ihn umgebende und ihn alimentierende Wirtschaft: einige große Einheiten machen sich das große Geschäft untereinander aus. Je größer sie werden, desto gieriger werden sie. Karlheinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender von Bayern München und Vorsitzender der European Club Associations, lobbyiert für die Einführung einer Super-Champions League, in der die größten Klubs rund um Juventus Turin, Chelsea, Manchester United und Bayern, gesetzt sind. Sportliche Risken wie das eventuelle Scheitern an einem kleinen Verein in der frühen Phase des Europacups, sollen tunlichst ausgeschaltet werden.

Solange Koller von Spielern, die im Kreis der Großen eine Rolle spielten, gefüttert wurde, lief alles bestens. Nun freilich merkt man, dass er wie Guardiola und alle andere, von der Form und Qualität der Kicker abhängig ist. Die Frage ist also: wie geht er damit um?

In einer Qualifikation kann ein Teamchef kaum etwas falsch machen. Er hat vor den Spielen die Kicker jeweils nur ein paar Trainingseinheiten lang zur Verfügung. Ausnahme: ein Trainingslager im Jahr. Eine Entwicklung der Mannschaft wie im Klubbetrieb, wo man sich zwei Mal am Tag sieht, ist im Nationalteam ausgeschlossen. Ein Teamchef ist total von den Vereinen abhängig, die allein für die Verfassung und Verwendung der Kicker zuständig sind. Wer von Entwicklung im Team redet, redet Humbug. Ein Nationalteam ist darauf angewiesen, dass der Trainer die richtigen, das heisst in Form befindlichen und mit einander harmonierenden, Kicker, einberuft. Ein Kevin Wimmer als linker Außendecker dürfte ihm nicht passieren. Das müsste er besser wissen. Einen Florian Klein als rechten Außendecker müsste er zu ersetzen suchen, denn Florian Klein ist, wie der Innenverteidiger Martin HInteregger, für gegnerische Stürmer ein, wie man in Wien sagt: Menü.

„Sorry“ schrieb die Kronen Zeitung am Tag nach dem 2:3 gegen Serbien zur Note 1 („War nicht sein Tag“) für Kevin Wimmer. Hier zeigt sich die Verhaberung der Krone mit ihrem Partner ÖFB einmal ungeschminkt. Österreichs Fußball-Journalisten haben bis auf wenige Ausnahmen ihr kritisches Gewissen abgegeben. Das eröffnet Koller und dem ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, dem manche Mainstream-Journalisten und –Blogger noch immer die Reformagenda im Verband zuschreiben, die Freiheit, zu tun, was ihnen beliebt. Sie müssen über ihre Fehler keine Rechenschaft abgeben.

Koller sucht im Fall von Unform eines bewährten Teamkickers nicht nach Alternativen. Sonst hätte er  für den seit Monaten bei Werder Bremen unter Wasser schwimmenden Zlatko Junuzovic längst nach einem Ersatz Ausschau gehalten. Kein Mensch kann inzwischen erklären, was Koller noch mit Martin Harnik anfangen will, der seit vielenvielen Monaten neben den Schuhen steht. Das Team macht längst den Eindruck einer geschützten Werkstätte, die von der Quasi-Pragmatisierung ihres Chefs durch patriotisch verblendete Medien und eine offenbar abgeschaffte verbandsinterne Kritik profitiert.

Als es einmal tatsächlich auf Sportdirektor Ruttensteiner und Teamchef Koller angekommen ist, haben sie versagt. Vor der EM-Endrunde hatten sie vier, fünf Wochen Zeit, die Mannschaft nach einer stressigen, kräftezehrenden Saison wieder aufzubauen. Sie haben eine geistig abgespannte und physisch kaputte Truppe ins Turnier geworfen. Männer wie Alaba, Junuzovic, Harnik, die ausgelaugt, angeschlagen und mit stark fallender Formkurve einrückten, wurden nicht wieder aufgebaut. Männer wie Schöpf, die topfit wurden, übersah Koller. Männer wie Janko und Hinteregger, die vorher über etliche Wochen kein Meisterschaftsmatch bestritten hatten, wurden nicht entsprechend gefordert.

Wie leicht es mittlerweile geht, sich jeder Verantwortung zu entschlagen, konnte man am 29. Juli beobachten. ÖFB-Präsident Leo Windtner, Ruttensteiner und Koller präsentierten die Ergebnisse der EM-Analyse. Es handelt sich um eine der unglaublichsten Ausreden in der Geschichte des österreichischen Sports. Wichtige Spieler seien mit diversen Problemen eingerückt, gab Ruttensteiner bekannt und nannte Dragovic und Janko. Und ach, die Erwartungshaltung, von der Öffentlichkeit und den Medien dem Team entgegengebracht, sei geradezu erdrücken gewesen, sagte Ruttensteiner.

Das habe Stress erzeugt, fabulierte der ÖFB-Sportdirektor. Vom Teamcamp in Laax, in dem man von einem funktionierenden Team diverse Teambuildingspiele verlangt habe, sprach er nicht. Von der eigenen Verantwortung, unter der er und Koller eher als Stress gewohnte Teamspieler wahrscheinlich eher zusammengeklappt seien, sprach er nicht. Gröbere Fehler der ÖFB-Führung? Keine. Und niemand widersprach und fragte, wer denn dafür verantwortlich gewesen sei, kaputte, formschwache, nicht fitte Kicker für die EM-Runde einzuberufen? Wer, wenn nicht Koller und Ruttensteiner? Sie konnten sich ihrer Verantwortung einfach dadurch entschlagen, indem sie behaupteten, keine Fehler gemacht zu haben. Fehler, die sie vorher im Detail angeführt hatten.

Diese Chuzpe beleidigte die Intelligenz des Team-Publikums, die Teamkicker werden sich wohl ihr Teil dabei gedacht haben. Falls es weiter bergab geht mit der Kohärenz des Teams, werden die Risse größer werden und die Schuldzuweisungen beginnen. Ein Teamchef weist nicht ohne Folgen jede Verantwortung für eine Blamage von sich und der Mannschaft, die er ausgesucht hat, zu. Fußballer lassen sich viel gefallen und lange Zeit für dumm verkaufen, solange sie und die Mannschaft damit halbwegs Erfolg haben. Wenn der Erfolg ausbleibt, beginnt das rette-sich-wer-kann.

Statt aus dem eigenen Versagen während der Euro zu lernen, beharrt Koller derzeit auf den eigenen Fehlern und verkauft sie als Konsequenz. Diese Art von Konsequenz ist die Ideologie der Hilflosen. Nicht nur stellt er Ungeeignete wie Klein und Wimmer auf Posten, die sie nicht ausfüllen können, er weist auch noch guten Kickern wie Alaba Rollen zu, auf denen sie nichts verloren haben. Jeder kann sehen, dass David Alaba derzeit mit dem Fußball rauft, mit dem er noch vor einem halben Jahr gespielt hat. Koller belastet das ohnehin überforderte und sich seiner selbst unsichere Team mit einer Ordnung und Mitarbeitern, die wie Bleigewichte an ihm hängen. Er verweigert offenbar die Suche nach Ersatzkräften, und es kann bald zu spät sein. Eine Niederlage im nächsten Qualifikationsspiel gegen Irland und die WM bleibt eine Illusion.

Koller war schon immer so stur. Wer erinnert sich noch an sein Festhalten am Innenverteidiger Emmanuel Pogatetz als Aleksandar Dragovic längst der Bessere war? Niemand protestierte, weil alle annahmen, dass Koller einen größeren Plan verfolgte. Langsam muss man sich die Frage stellen, ob Kollers Plan vielleicht auch aus geistiger Unbeweglichkeit besteht.

 

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Eine Antwort zu Von der Verhärtung eines Mannes in aller Öffentlichkeit

  1. Nikolaus Wihlidal schreibt:

    Sensationelles Posting – selten so eine treffende Analyse der derzeitigen Situation im österr. Fußball Nationalteam gelesen! Danke!

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