Hannes und ich X und Ende und Sommerbeginn

Von der Hysterie Europas in den Sommerschlaf Österreichs

Vor dem Beginn der Euro 2016 hab ich das von der Schwiegermutter geschenkte Notizbüchl aufgemacht und ein unregelmäßiges Tagebuch über die Reise von Hannes und mir begonnen. Nun ist die Reise seit einiger Zeit zu Ende,. Wir haben immerhin eine Offenbarung des ÖFB-Teams und seines Cheftrainers Marcel Koller (ich habe einen Augenblick gestutzt, weil mir der Name nicht gleich eingefallen ist, wie schnell doch wer aus dem aktiven Wortschatz fällt!) erlebt, der „Europameister der Ausreden“ (hätte mir nie träumen lassen, die Krone zu zitieren, aber sie hat als einzige Zeitung die Fragwürdigkeiten in der Vorbereitung und Performance des Nationalteams und die an Ostblockmethoden erinnernde Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes kompetent kritisiert) wird für die im September beginnende WM-Qualifikation eine neue Mannschaft zusammensetzen müssen. Das werde ich mir eventuell wieder aus größerer Nähe anschauen. Die eindimensionale Jubelchoreographie war kaum interessant, zumal der Hohlraum unter dem Halleluja-Chor unschwer zu erkennen war. Zu den schönen Begleitumständen zählen nun das Verramschen einiger erschienener Hagiographien und das Nichterscheinen diverser Euro-Nacherzählungen.

Nun sind ein paar Wochen ins Land gezogen, die Türkei stürzt ins Unglück, und ausnahmsweise ist damit nicht deren Nationalmannschaft, sondern die Bevölkerung und die Regierung gemeint. Zu den längst eingebürgerten Oberflächlichkeiten gehört ja die Identifizierung von elf Kickern mit dem Land, das ihren Spielerpass ausstellt. Wer kann sich nicht an die Elogen erinnern, als Frankreich 1998 im neuen Stade de France in St. Denis Weltmeister wurde. Die Mannschaft und ihr Erfolg beweise, hieß es da, dass Frankreich angesichts der Multi-Kulti-Mannschaft die Integration von Ausländern und Zugereisten bewältigt habe – zum allseitigen Gewinn. Monate später brannten die Banlieus und der unsäglich Premierminister Sarkozy bezeichnete irgendwann die Unruhestifter sinngemäß als Abfall.

Das kann in Österreich nicht passieren. Hier findet keine Auseinandersetzung, keine Diskussion, kein Diskurs statt. ÖOC-Präsident Karl Stoss fand kein kritisches Wort, als die Europaspiele des IOC in Aserbaidschan ausgetragen wurden, wo Regimekritiker ins Gefängnis wandern oder überhaupt verschwinden. Er fand es bis jetzt auch nicht der Mühe wert, die Risken und Menschenrechtsverletzungen in Rio de Janeiro anzusprechen. Detto ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel, dessen Gehalt nach wie vor eine Art Staatsgeheimnis ist. Niemand erinnert sich mehr an die großen Transparenzversprechen, als Mennel und Stoss das ÖOC übernahmen. Stoss kritisierte auf dem für eine sportpolitische Diskussion völlig ungeeigneten und wirkungslosen Sportforum Schladming auch die „Verpolitisierung“ des organisierten Sports in Österreich. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Der CEO der mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Casinos Austria wurde im ÖOC zum Nachfolger von Leo Wallner gewählt. Wallner war, richtig, CEO der Casinos Austria. Das ÖOC lebt zum Großteil von Steuermitteln, konkret von Geld, das aus den „Abgabemitteln“ der Lotterien, die also dem Steuerzahler zugunsten des von Stoss geführten und von ihm weidlich zur persönlichen Profilierung genutzten Vereins ÖOC vorenthalten werden. In völlig gesetzeskonformer Weise,  das schon. Aber in einem derart luxuriös ausgestatteten Glashaus zu sitzen und die Verpolitisierung des Sports zu kritisieren ist auch nicht ganz ohne Charme.

Aber ich schweife ab. Am Montag, dem 18. Juli, lud die Bundesliga zu einer Pressekonferenz. Damit beginnt jedes Jahr die schönste Zeit des Sommers, die Fußballmeisterschaft beginnt, das traditionelle Rahmenprogramm zum Baden, Grillen und Chillen. Die Pressekonferenz lief ab wie erwartet, die mediale Hegemonie hatte der ORF, der die Show live übertrug und auch moderierte. Die Kritik richtete sich erwartbarerweise auf das Unwesentliche, das Klatschen der Journalisten beim Auftritt der Vereinspräsidenten und der Kapitäne. Der staatlich alimentierte Mainstream geriert sich als Kritiker des Mainstreams und lenkt die kritische Aufmerksamkeit – absichtlich oder unabsichtlich, ich persönlich glaube, unabsichtlich – von den interessanten, strukturellen Problemen ab. Zum Beispiel von der (eingebildeten?) Abhängigkeit der Bundesliga vom marktbeherrschenden Staatssender. Wenn man dann noch habituell auf die kritiklosen Mainstreamjournalisten in den Zeitungen hindeutet, zeigt man halt mit dem Finger – absichtlich oder unabsichtlich, ich glaube unabsichtlich – auf sich selbst.

Aber das ist nicht des Pudels, oder des Rinners Kern. Der steirische Unternehmer Hans Rinner ist seit 2009 Bundesliga-Präsident. Schon seine Installierung erweckte den Eindruck, als hätten die Bundesligaklubs keinen besseren, interessanteren, potenteren, gewandteren, beredteren Mann gefunden und sich auf Rinner, das kleinste Übel, geeinigt. Seither hat Rinner alles dazu getan, diesen Eindruck zu bestätigen. Das ist, zugegebenermaßen, nicht viel. Die Probleme der Liga sind dieselben wie vor vielen Jahren, manche Infrastrukturauflagen für die Lizenz sind für kleinere Bundesligamitglieder fast nicht zu stemmen. Immer wieder gehen Vereine ex, trotz des Lizenzverfahrens, das nach Auskunft aller Beteiligter und Betroffener super ist und immer superer und sowieso nach UEFA-Vorschriften abgewickelt wird. Die hirnrissigerweise „Erste Liga“ bezeichnete zweite Liga ist für die dort tätigen Klubs eine existentielle Gefahr. Die Zuschauer laufen der Bundesliga davon, im Vergleich zu 2010/11 (1.414.494, Schnitt: 7858) besuchten in der abgelaufenen Saison rund 300.000 Menschen weniger die Erstligakicks (1.128.726, Schnitt: 6270). Der Höhepunkt im Jahr 2007/2008, als mehr als 12,6 Millionen Menschen die Meisterschaftsspiele sahen (Schnitt: 9284) wirkt aus heutiger Sicht wie ein ferner, sonnenbeschienener, unerreichbarer Gipfel.

Von Rinner oder seinem Büro ist dazu keine Gegenoffensive bekannt. Bei der Liga-Pressekonferenz entblödete er sich nicht, die Stadionneubauten von Rapid und Austria als Errungenschaften für die Liga zu verkaufen, so als könnte er irgendetwas dafür.

ZUSCHAUERSTATISTIK – 1. LEISTUNGSSTUFE        2. LEISTUNGSSTUFE

2015/16    1.128.726 6270                                       325.053           1805

2014/15    1.180.971 6524                                       349.087           1939

2013/14    1.109.731 6165                                       292.782           1622

2012/13    1.227.694 6782                                       301.036           1672

2011/12    1.283.052 7128                                       398.509           2213

2010/11    1.414494  7858                                       310.782           1726

2007/08    1.671.157 9284                                       181.994           1011

 

Wie man sieht, schwankt das Zuschauerinteresse in der zweiten Leistungsstufe beträchtlich. Nicht nur ist die Todesliga nicht imstande, ihren Vereinen eine attraktive Bühne zu bieten, noch hat sie eine eigenständige, zugkräftige, den steten Wechsel der Vereine ausgleichende Identität entwickeln können. Von Rinner und seinem Büro sind dazu keine Initiativen bekannt.

Ähnlich traurig schaut es mit den Umsätzen der Bundesligaklubs aus. Seit dem Geschäftsjahr 2010/11 bis zum Jahr 2014/15 (für das eben abgelaufene Jahr werden die Wirtschaftszahlen erst im November beim KSV1870 veröffentlicht) stiegen die akkumulierten Einnahmen der jeweils zehn Eliteligateilnehmer um acht Millionen €. Das wäre, wenn es wahr wäre, schon ein Jammer. Rundherum in Mittel- und Westeuropa boomt das nationale Fußballgeschäft, nur Österreich scheint eine Insel der Armseligen zu sein. Doch selbst diese Steigerung ist nur ein Chimäre, wenn man die Vergößerung des Red Bull Salzburg-Budgets wegrechnet (siehe Tabelle 2). Der Haushalt des von Didi Mateschitz Marketingabteilung alimentierten Vereins stieg zwischen 2010/11 und 2014/15 um 19 Millionen €. Das heisst schmerzhafterweise, dass der Gesamthaushalt der verbliebenen Neun um insgesamt rund elf Millionen € geschrumpft sein muss.

Von Rinner und seinem Büro sind dazu keine Initiativen bekannt.

Eine Leistung kann man der Bundesliga freilich nicht absprechen. Sie konnte die Einnahmen aus den TV-Lizenzen im derzeit laufenden Vertrag auf die bisher unerreichte Höhe von 20 Millionen € pro Jahr pushen. Das sind rund sechs Millionen € pro Jahr mehr als im letzten Vertrag.

Das schaut zwar ganz nett aus, ist aber nicht mehr und nicht weniger als ein Indiz dafür, dass die Bundesliga von den die Meisterschaft übertragenden TV-Stationen abgezockt wird. Denn rundherum steigen die TV-Erlöse der Ligen in einem noch vielviel höheren Ausmaß. Der neue TV-Vertrag der Deutschen Bundesliga beispielsweise sieht jährliche Erlöse von mehr als einer Milliarde € vor. Das heisst, Deutschland:Österreich unterscheiden sich mittlerweile um den Faktor 50.

Von Rinner und seinem Büro sind dazu keine Initiativen oder Stellungnahmen bekannt. Geht ja auch nicht, denn Rinner räumte auf der Pressekonferenz nach seinem Blabl-Auftritt keine Gelegenheit zur Stellungnahme ein. Fragen? Gibt’s nicht.

Ein Kritiker hätte diesen Umstand auch hervorheben können. Aber ich verstehe, dass man nicht gern ins eigene Nest macht. Wie Rinner, der die Journalisten bat, den österreichischen Fußball so zu beschreiben, wie er ist, will jeder sein Nest so sauber halten, wie geht und die Verantwortung für etwaige Verschmutzungen oder Versäumnisse Anderen aufdisputieren. Es kann leicht sein, dass Rinner nicht wusste, was er damit verlangte. Es kann auch leicht sein, dass das wegen der Unerheblichkeit des kritischen und kritiklosen Mainstream-Journalismus wurscht ist.

 

UMSATZ DER BUNDESLIGA 1. LEISTUNGSSTUFE

2014/15    176           RB 73,1

2013/14    167,7        RB 63,3

2012/13    151,8        RB 60

2011/12    154,5        RB 54,4

2010/11    168           RB 54,6

RB Salzburg 2010/11 54  – 2014/15 73 Millionen €

 

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