HANNES UND ICH VIII

DAS SCHÖNSTE CHATEAU DER WELT

So eine Reise durch die französische Provinz ist mühsam, jeden Tag müssen der Hannes und ich uns ein neues Quartier suchen. Am Anfang war das kompliziert, weil die schönen Landhäuser mit den gepflegten Wiesen und dem Pool sind von den Straßen aus nicht zu sehen und über versteckte Zufahrtsstraßen zu erreichen. Wenn du auf der Landstraße unterwegs bist, siehst du sie nicht. Am ersten Abend haben wir in Aix de Provence in einem Appartementhotel Zimmer reserviert, doch als wir in der Abenddämmerung ankamen, war da niemand in der Rezeption, die Tür war zu und wir mussten wieder abziehen. In der Finsternis suchten wir Quartier – chancenlos. Zufällig trafen wir zwei abendliche Spaziergägnger, die uns ins Handy die Adresse eines Hotels, nicht schön aber immerhin mit Betten, eintippten. Rund um die Gegend dort gibt es aber so viele Straßen, dass das Handy mit dem GPS oder wir oder alle miteinander durcheinander kamen und in einer Sackgasse landeten. Ohne Hotel. Am Arsch Frankreichs.

Zufällig sah der Hannes dann beim zurückschieben auf dem Parkplatz die Leuchtschrift des Hotels Paradis in Vitrolles. 51 € pro Person. Nicht zu empfehlen, aber was solls, um Mitternacht. Gekauft. Ein paar Biere zur glücklichen Heimkehr und ins Zimmer. 45 Grad, Fenster auf den Gang, von wo auch der jüngst Nachwuchsräuber bequem einsteigen kann. Also lüften, Fenster zu und ins Bett. Irgendwie geschlafen, am nächsten Tag Frühstück und weiter nach Mallemort zum ÖFB-Team. Auf dem Weg kamen wir am Mannschaftshotel vorbei. Auf der Einfahrt ein Polizeiauto mit zwei Sonnenbrillencops, kräftig aber freundlich.

Ab dann kamen wir ins Laufen. Das Notizbüchl der Schwiegermutter füllt sich von da an mit erfreulichen Erinnerungen. Nach kurzer Suchfahrt durch den Luberon schlägt der Hannes vor, die Dörfer zu verlassen und in eine größere Wohneinheit zu fahren. Dort kriegen wir tatsächlich ein Appartement in einem Landhaus mit Pool und gepflegtem Rasen, die zwei Hunde, ein belgischer und ein tschechischer Schäfer, sind gratis. Wir bleiben ein paar Tage, suchen in der Gegend vergebens Menschen, die sich für die Euro interessieren und schauen am Abend das Match des Tages in einer Bar. Dort sammeln sich die wenigen Fußballfanatiker, wobei von Fanatik keine Rede sein kann.

Alles andere funktioniert wunderbar. Die Sonne in den Platanenalleen, der leise Wind über den Getreidefeldern, der Pastis und der Rosé. Wir kamen am Gorges de Verdon vorbei und badeten dort im See. Der rote Boden fast schon sommerheiss, die vielen Kurven auf den kupierten Landstraßen der Hügel im Luberon, die Nadelwälder. Der Hannes tut sich schwer, in dieser Idylle genügend Interesse für das Turnier aufzubringen, aber wenn die Spiele laufen, ereifert er sich wie früher.

Ein einziges Mal begegneten wir Fanhorden, es war in Lyon, wo wir um keinen Preis der Welt ein Zimmer finden konnten. Die Kroaten sammelten sich in der Innenstadt, hunderte Kindsköpfe in kroatischen Leiberln, betrunken Passanten als Arschlöcher beschimpfend in der Annahme, Franzosen würden das ohnehin nicht verstehen. Manche Kroaten liefen in Ganzkörperpyjamas in den rot-weißen Karos des Landes herum, peinlich. Ich halte erwachsene Männer, die in der Sommerhitze Hüte in den Landesfarben tragen und dafür mit Bier kühlen, nicht mehr aus. Früher war das vielleicht ganz witzig, kasperlgleich, mittlerweile ist es nur mehr deppert. Im Fernsehen schaut ja so eine Kulisse ganz erfrischend aus, aber wenn hunderte und hunderte Trunkenbolde auf engstem Raum Lieder grölen und Böller krachen lassen, dass du nicht weisst, was da explodiert, ist das nur mehr Scheisse. Polizisten in Zivil tranken rund um die Idioten in den Bars Kaffee und telefonierten, neben uns saßen vier Engländer, die behaupteten, aus Birmingham zu kommen, aber nach ihrer Freundlichkeit, Distanziertheit und den ständig wandernden Augen zufolge eher von der Fanpolizei kamen. Es kann natürlich sein, dass das unser Verfolgungswahn war, der uns auch von den Stadien fern hielt. Lyon war die Ausnahme, wir waren zu Mittag dort, um 18 Uhr sollten Kroaten gegen Tschechen spielen. Es soll dann ja zu Schlägereien gekommen sein, die Kroaten unterbrachen mit Feuerwerken sogar das Spiel, als die Eigenen in Führung lagen. Aber Idiotie, auch wenn sie in Nationalfarbenleiberln kommt, ist eben keiner Logik zugänglich.

Der Gipfel unserer Herbergssuche war schließlich Thorrenc. Ein Chateau aus dem 11. Jahrhundert mit drei Türmen, der älteste dürfte ein Verlies gewesen sein. Die Gegend heisst Ardeche und ist sowas von lieblich, dass sogar Pensionistengruppen den drei Kilometer langen Weg über eine schmale, kurvige Landstraße auf sich nehmen, um in dem Restaurant zu essen. Wir waren deppert genug, in den Ort Annonay zu fahren und uns das Match der Spanier gegen die hilflosen Türken anzuschauen. Wir saßen in einem Kaffee, die Vorberichterstattung lief und aßen Burger aus dem Plastik, es war wie McDonald’s für Arme, und McDonald’s ist schon ein Jammer. Plötzlich dreht einer den Sender vom französischen Rugby auf. Da er so ausschaut, als habe er das früher selbst ausgeübt, trollen wir uns in das Pub auf der gegenüberliegenden Seite des Place de Cordeliers und geben uns das Match.

Als wir über den Platz gehen, sehen wir zum 150. Mal einen Mann mit einem Baguette im Arm heimgehen. Warum kaufen hier die Männer das Brot? Der Hannes hat es gewusst. Weil es an ein Gewehr erinnert. Gewehre dürfen die französischen Machos keine mehr tragen, öffentlich, also tragen sie Baguette, das an eine Flinte erinnert. Das Unterbewusstsein ist eine wehrhafte Größe. In Frankreich.

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