HANNES UND ICH VI

DIE RUHE NACH DEM UNWETTER

Das Pressezentrum blieb an einem herrlichen Morgen in der Provence bis zu Mittag zu. Um 12 UIhr, eine Stunde vor dem Beginn der Pressekonferenz, öffnete der Verband die Arbeitsstelle der Journalisten, den Zugang zum Wifi, zu Kaffee und Essen und Informationen. Wobei, Informationen sind eher Schmalkost hier. Zwar werden jeden Tag drei Mitglieder des Teams präsentiert, aber die sagen nie mehr, als ohnehin alle Fragenden wissen. Der Trick dabei ist offenbar, dass die Fragenden ohnehin wissen, was die Antwortenden sagen werden und fragen daher genau danach. So bleibt alles im Gleichgewicht, und das war nach dem unerwarteten 0:2 gegen eine alles andere als inspirierte ungarische Nationalmannschaft schließlich das Wichtigste.

Die Ausnahme bildete die missgelaunte Figur des Gefäßchirurgen und Teamarztes Richard Eggenhofer. Er habe seine Diagnose schon in den Zeitungen gelesen, sagte er auf die Frage, was der am Knöchel bediente Teamspieler Zlatko Junuzovic habe. Es scheint sich um eine Überdehnung des Knöchels mit einem Bluterguss an der Außenseite zu handeln. Das tut ziemlich weh. Eine Magnetresonanzuntersuchung sollte Mittwoch abend Klarheit bringen, da Eggenhofer trotz Zeitungsstudium offensichtlich doch nicht so genau wusste, was Junuzovic hat. Wenn die Mr nun auch nicht endgültige Klarheit schafft, werden sicher einige gut recherchierte Artikel dem Gefäßchirurgen auf die Sprünge helfen. Schließlich tut der ÖFB ja nach des Sportdirektors Willi Ruttensteiners Worten alles, um die Professionalität der Teambetreuung auf ein noch nie dagewesenes Niveau zu heben.

Diesem Vorhaben kann man vorbehaltlos zustimmen und es muss bei aller kritischen Einstellung gesagt werden, dass wahrscheinlich noch nie so schöne, so große und so kräftig duftende Lavendelsträucher vor einem ÖFB-Zentrum gesichtet wurden. Das wird die Wartezeit auf die Öffnung erträglich gestalten, die Journalisten sollen ja auch Eindrücke von der Schönheit und Eigenheit der Gegend sammeln.

Während ich im Pressezentrum den professionellen Gang der Informationsakkumulierung verfolgte, wartete Hannes im altbekannten Cafe de la Poste neben dem Tourismusbüro an der Hauptstraße in den Luberon und nutze das dort installierte Wifi, um bezüglich Welt wieder auf den letzten Informationsstand zu kommen. So ergänzen sich alte Journalisten in der Arbeit, in der ja zur Freude der Chefredakteure und Medieneigentümer Hobby und Arbeit, Freizeit und Hacke ineinanderfließen. Die Medieneigentümer und Zeitungseigentümer bezahlen ihre Sportjournalisten ja auch fürstlich für diesen Halb-Urlaub in Frankreich, neben dem Spesenbudget gibt’s Taggeld und Gehalt und die automatische Vorrückung dank der Gewerkschaft wird auch nicht ausgesetzt, nur weil Journalisten drei, vier, fünf Wochen mit Marcel Kollers Reisegruppe unterwegs ist, und das auch noch in teuren Gefilden wie der Schweiz (Trainingslager in Laax) und Frankreich (Mallemort, Bordeaux, Paris).

Der Hannes kann nicht anders als manchmal über die Modernität des modernen Fußballs zu lästern, zum Beispiel fand er die Reklamiererei des Marko Arnautovic über die Härte der Ungarn peinlich, aber der Arnautovic spielt ja in der Premier League und dort ist man so eine mitteleuropäische Härte einfach nicht gewohnt. So wird auch die Fassungslosigkeit verständlich, mit der Arnautovic und seine Brüder auf die Verwegenheit der Magyaren reagierten, die das auf Siegesserie eingeschworene ÖFB-Team aufweckten.

Insgesamt macht das ÖFB-Team einen ungebrochen zentrierten und disziplinierten Eindruck, das zieht sich bis zu den dienstbaren Geistern der Medienabteilung durch, die Interviews von Marc Janko, Martin Harnik, Robert Almer und Julian Baumgartlinger auch mitten im Satz unterbrechen, wenn sie, ohne zugehört zu haben, glauben, jetzt ist es genug mit dieser Gruppe und der ÖFB-Star zu einer anderen Gruppe wechseln muss. Da Journalisten angewiesen sind, eigene Bedürfnisse im Interesse des ÖFB und der Leser auszublenden, funktioniert diese Taktik denn auch reibungs- und widerspruchslos. Koller hat die Truppe aus Berichterstattern, Fußballern und Betreuern zu einer Familie zusammengeschweisst und wenn einer eine fast kritische Frage nach der Unform manches ÖFB-Spielers stellt, dann erklärt er das gleich selbst und entschuldigt sich höflich dabei.

IN diesem Korpsgeist kann Großes wachsen, das hat man während der Qualifikation gesehen und auch wenn der Hannes das nicht versteht – er ist eben von einer anderen Zeit. Damals haben sie sich zwar auch für WM-Endrunden qualifiziert, aber dennoch war der österreichische Fußball bisher ja nur eine Lachnummer und für seine Pleiten bekannt. Welchen kritischen Journalisten von heute, der grundsätzlich viel kritischer ist als jeder Journalist zu den gottseidank untergegangenen Lachnummerzeiten, interessiert schon, dass Herbert Prohaska die Quali für die WM 1998 und Josef Hickersberger die Quali für die WM 1990 geschafft hat? Käme der Marc Janko heute als spanischer Torschützenkönig zum Team wie einst Hans Krankl, käme Zlatko Junuzovic als italienischer Meister und Cupsieger wie Herbert Prohaska, die heutigen Reporter und Analysten würden wahrscheinloch vor Ehrfurcht in Ohnmacht fallen. Der ORF-Experte Peter Hackmair, ein herausragend kritischer Geist, könnte im Gesicht Prohaskas und Krankls lesen wie in einem Computerspiel. Hackmair ist als Nachwuchs-Teamspieler ja qualifiziert wie kaum ein Anderer, der notorisch kritischen Radio-Journalistin Claudia Stöckl seine Lebenserfahrungen und Botschaften für Zuhörer und Zuseher mitzuteilen. Zwar hat er kein einziges Mal im Team gespielt, aber er weiss wie kein Anderer, was in Teamspielern vorgeht. Solcherart ergänzen einander die Professionalitäten von ORF und ÖFB aus Harmonischste, der Vertrag zwischen den zwei Säulen des Landes sichert das Überleben des kritischen Zustandes.

Wir sitzen inzwischen in dem Provence-Städtchen Apt, es ist ein wenig kühler geworden und der Hannes ist seit gestern Abend ein wenig stiller als sonst. So ein 0:2 einer sieggewohnten Mannschaft geht auch dem ältesten Kritiker an die Nieren. Das Frankreich-Match geht los, der manchmal ein wenig überkritische Teamchef der Franzosen, Didier Deschamps hat die beiden Stars Pogba und Griezman nicht aufgestellt und man muss sagen: der traut sich was. Wenn das gut geht, kann er sagen, was er will und alle jubeln. Wenn es schief geht, kann er sagen was er will und niemand wird ihm ein Wort glauben. Da die Albaner gegen die Franzosen müssen, stehen Deschamps Chancen gut. Aber das hat man von Koller und den Ungarn auch geglaubt.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu HANNES UND ICH VI

  1. besen schreibt:

    Wart ihr nun schon in Gordes, Goult, Ménèrbes, Roussillon, Bonnieux, Lourmarin, Saignon, St.Saturnin… so wie in Nasswald empfohlen😀?

    • Johann Skocek schreibt:

      Hi,

      nein, leider nicht, die euro hat ihre eigene route quasi nahegelegt,

      aber wir waren auch aufgrund deiner tipps einige tage im luberon, zb La Bastidonne, Mirabeau, …

      danke nochmals f d tipps,

      lgh

      Mag. Johann Skocek

      Journalist

      Tel.: +43699/100 28701

      Fax: +4313106813

      Mail: johann@skocek.com

      Web: johannskocek.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s