HANNES UND ICH II

DER HOCHSICHERHEITSTRAKT IN FRANKREICH

UND DIE FERNSEHSERIE

Ich habe etwas vergessen. Es ist der zweite Tag der Vorbereitung auf die Reise nach Frankreich und schon habe ich etwas übersehen. Beim Abstauben des Bücherregals habe ich noch ein Heft gefunden. Es enthält Notizen, die ich während eines Ausflugs in die Provence geschrieben habe. Das muss im Frühsommer 2009 gewesen sein, falls ich meinen Kalender zufällig wieder finde (was gibt es noch zum Abstauben?), kann ich das feststellen. Suchen werde ich nicht danach, das würde in die Erinnerungen auch keine Ordnung bringen oder nur den Anschein von Ordnung. Das Jahr der  Erlebnisse spielt im Rückblick keine Rolle, die Bejahrung vermittelt nur eine oberflächliche Beruhigung, wie das Wissen, wo ein bestimmtes Buch auf dem Regal steht. Die Hauptsache ist, es steht da und ist greifbar, der genaue Ort ist unwichtig. Außer, das Buch steht im Zusammenhang mit anderen Büchern, zum Beispiel über die Zeit. So ist es auch mit der Zeit, die unter anderen Namen den der Erinnerung trägt. Die Bejahrung der Vergangenheit spielt beispielsweise im Fußball eine entscheidende Rolle. Auf ihr gründen sich die Theorien von der Entwicklung des Spiels, die von  Alfred Tatar als Unsinn verworfen werden.

Im zweitem zufällig gefundenem Büchl, dessen Auftauchen einiges über den Zustand des Bücherregals sagt, der nun in eine vorübergehende Phase größererer Redundanz tritt, finden sich Orte, die ich mit Hannes gemeinsam wieder zu finden hoffe. Und das ist interessant.

Vielleicht sollte ich jetzt erklären, wer Hannes ist. Er hat in den 70ern im Nationalteam gespielt, unter Teamchef Leopold Stastny. 0:0 gegen Italien vor 70.000 Menschen im Praterstadion. Er war der Libero und es soll damals keiner an ihm vorbeigekommen sein, ohne eine ernsthafte Verletzung zu riskieren. Das klingt lustig, unernst, wie ein Gag. Heute frisieren sie den Fußball gern zu einer Auseinandersetzung von Gutwilligen zur Erbauung von Lernbegierigen. Ich kann hier versichern, das ist nicht so und der Hannes ist einer der Wenigen, die das nicht nur wissen und mitgemacht und miterlebt haben. Er kann das auch erklären, wie das sonst keiner kann, zumindest keiner, den ich kenne.

Das war auch der Grund, warum ich so gern mit ihm unterwegs war, solange wir uns mit dem ÖFB-Team und diversen Klubmannschaften als Lohnschreiberlinge von Zeitungen durch den Fußball bewegt haben. Rundherum Journalisten, die alles über den Fußball gewusst und noch mehr geschrieben haben und mittendrin er, der das als Einziger von uns selber gemacht hat und als Einziger wusste, wie es geht. Und damals gab es noch kein Internet, in dem einige wenige ernsthafte Unternehmungen den Kick auseinandernehmen und noch vielviel mehr Gscheiterln schreiben, die in ihrem Leben  nicht nur nicht kicken konnten, sondern nicht einmal mit Spielern oder Trainern reden und vom Fernseher herunter oder aus den Websites der Zeitungen Berichte zusammentragen und daraus Analysen basteln.

Der Fußball oder der Sport überhaupt zeigt die Linie, die sich durch den Journalismus zieht. Seit ich 1980 in die Branche eingestiegen bin, beobachte ich mit Staunen, wie geschmeidig diese Grenze von allen Beteiligten überschritten, ignoriert, instrumentalisiert und in seltenen Fällen auch geschützt wird. Der Hannes hat sie für sich geschützt. Auf der einen Seite dieser Trennlinie sind die Experten, Menschen, die vom Fach, über das sie schreiben, also Politik, Wirtschaft, Fußball, wirklich etwas verstehen. Weil sie eine Ausbildung auf sich genommen und in dem Fach gearbeitet haben.

Auf der anderen Seite sind die Fachjournalisten. Sie haben zum Beispiel hunderte Fußballspiele gesehen, sie haben als Fan mitgefiebert und vielleicht sogar das eine oder andere von Journalisten verfasste Buch gelesen. Sie haben nie richtig Fußball gespielt, keine Schulung als Spieler oder Trainer, keine Ausbildung in Trainingslehre, Biomechanik oder Physiologie und sie haben sich nie mit Sportpsychologie, Teambuilding oder Pädagogik auseinander gesetzt. Allerdings haben sie mit vielen Fußballern und Betreuern geredet und können in Sportlern das Gefühl des Vertrauens erwecken und die Guten unter ihnen erweisen sich dieses Vertrauens im Laufe der Jahre auch würdig. Ihre Begeisterung ist echt, ihre Selbstverleugnung ist rührend und sie opfern Zeit ihres Lebens die Wochenenden und die Familie dem Sport bis nichts mehr übrig bleibt als Anekdoten, die sie sich gegenseitig erzählen. Für diese Hingabe wurden sie von den Zeitungen, für dies sie arbeiten, viele Jahrzehnte lang mit Respekt und den Spesen für die Reisen mit den Mannschaften ausgestattet. Die Zeitungen erhielten dafür jede Menge begeisterte Insiderberichte, die zu einer intensiven Bindung der an Fußball interessierten Lesern an das jeweilige Blatt führten.

Doch die guten Zeiten sind längst vorbei. Wie moderne Autos wurden auch die Zeitungen immer windschlüpfriger und verwechselbarer. Gleichzeitig verwandelten sich Großereignisse wie die Europameisterschaft zu Monstern. 1990 in Italien saßen wir während der WM noch am Nachmittag mit den Spielern zusammen und sahen Toni Polster und Andreas Herzog beim Kartenspielen und dabei zu, wie sie nichts mit uns zu tun haben wollten. 1998 konnte immerhin noch jeder, Journalist oder Zivilist, dem Training zuschauen. Heute musst du dich für so eine schwachsinnige Trainingseinheit extra akkreditieren. Der Zaun um den Volkssport Fußball wird bald undurchdringbar und der Preis der (angeblichen) Sicherheit wird die totale Abkapselung sein.

Das wollen wir uns anschauen. Wie die Sicherheitsinseln der Team-Hotels und der Trainingsplätze sich in  den französischen Sommer fügen. Fast fürchte ich, das wird eine schmerzhafte Erfahrung. Über die österreichischen Medien, vor allem die mit dem ÖFB vertraglich verbundene Kronen Zeitung und den ORF wird ohne Rücksicht die Stimmung in der Bevölkerung angeheizt. Die Voraussetzung dieser Stimmungsmache ist die Ausschließung aller anderen Beobachter. Trainings sind „für die Öffentlichkeit geschlossen“ und die „ersten fünfzehn Minuten sind medienöffentlich“. Medien beanspruchen den Platz der „Wirklichkeit“, die Konstruktion hält sich selbst für real. Vor unseren Augen findet eine ahistorische Geschichtsfälschung statt. Die Medien verdienen fett daran, die Spieler, Klubs und Nationalverbände ebenfalls. Von außen freilich schaut das einem fröhlich bewimpelten Hochsicherheitsgefängnis verdammt ähnlich.

Sieht so aus, als habe ich mich vom Grant wegtragen lassen. Oder von der Vorfreude auf die vielleicht letzte große Reise mit dem Hannes an die Gestade des großen Fußballs, von dem das Schiff mit den Spielern gerade aufbricht in ein Land, das „Game of Thrones“ ähnlicher sieht als dem Fußballplatz. Wir haben im Vergleich zu den Kollegen den Vorteil, das Gefängnis oder nennt es eine TV-Serie; nicht betreten zu müssen.

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