HANNES UND ICH III

AUFBRUCH ZU EINER FRANKREICHREISE UND

DIE RITUALE DER RELIGIÖSEN

In den letzten Stunden vor dem Aufbruch kommt immer alles zusammen, zumindest bei mir. Den Alltag musst du auslassen. Das ist bei der konzentrierten Gewalt der Routine gar nicht leicht und ohne Schmerzen zu machen. Die Reiseplanung, die entlang der alten Routen führen wird oder über neue, an der aktuellen Euro angelehnte. Der Hannes sagt mir endlich, wohin er gleich am Anfang will, nämlich ins Trainingslager der Österreicher in einem Provence-Dorf, das auf deutsch „schlechter Tod“, Mallemort, heißt. Soll sein.

Wir verlassen ein Österreich, in dem ein geschniegelter Maturant, der aufgrund undurchsichtiger Parteitaktik den Außenminister spielen darf, die Zukunft des Christlich-Sozialen vorwegnimmt. Er will Flüchtlinge auf Inseln, wo er nichts zu melden hat, weil sie anderen Staaten gehören, in diesem Fall Griechenland, Flüchtlinge internieren. Das ist merkwürdig? Nein, merkwürdig ist der Verweis des Außenministerfiguranten auf das Vorbild Australiens, das die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterschrieben hat und von seiner Marine Boote voll mit Flüchtlingen aufs Meer hinausschleppen lässt, wo sie aller Wahrscheinlichkeit verrecken, die Menschen in den Booten.

Wir stehen vor einer atemverschlagenden Unmenschlichkeit, die von der Zukunftshoffnung der Österreichischen Christlich-Sozialen Partei, ÖVP, allen Ernstes als Lösung vorgeschlagen wird. In seiner ganzen mir bekannten Meldung hat Kurz kein einziges Mal das Elend und die Bedürfnisses der Flüchtlinge, Menschen, die auf dem Meer mit ihren Kindern ersaufen, der Erwähnung wert befunden. Ich höre nun auf, diese unwürdigen Äußerungen eines Parteiparvenüs zu beschreiben, sonst wird es eng und schwarz. Noch sinnentleerter sind nur die Meldungen, in denen von einer Pofilierung Kurzens auf Kosten und in Unwissenheit der ÖVP die Rede ist. Das halte ich für den größten Unsinn. Ich bin sicher, dass das zumindest in groben Zügen abgesprochen ist: wir graben der FPÖ die strengen Regelungen wider Fremde ab.

Selbstverständlich funktioniert das wieder nicht und schaut wie politische Kleinkrämerei aus, weil sie genau das ist. Also das Gegenteil von Politik wie man sich das wünscht als Staatsbürger im 21. Jahrhundert: den rechtlichen Leitlinien des Abendlandes entlang, mit Respekt vor dem Mitmenschen. Natürlich gehört das Ersaufen der Flüchtlinge im Mittelmeer gestoppt, aber das geht doch nicht durch Internieren und Schleppen der Boote auf die hohe See. Das geht doch nicht, indem Österreicher und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden, mit dem Schielen auf Schlagzeilen von unbarmherzigen Zeitungen.

Der Hannes und ich brechen nun in ein Land auf, in dem die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen und mit den Terroristen in einer Heftigkeit geführt wird, die uns in Mitteluropa (noch?) unbekannt ist. Der heurige Sommer beginnt mit einem Turnier, das die ganze Friedlichkeit des westlichen hegemonialen Systems Sport feiern sollte und sich längst in ein zynisches, von Zäunen,. Securities, Drohnen, Militär, Polizei-Sondereinheiten und Satellitenüberwachung geprägtes und von der Angst vor Terroranschlägen getrübte Medienereignis verwandelt hat. Mein Sohn fährt mit Freunden auch hin und schaut sich ein paar Spiele an, ich hoffe, den Kindern passiert nichts.

Innen drin im Hochsicherheitstrakt läuft noch alles nach denselben Ritualen wie in den vergangenen 30, 40 Jahren. Die Ödnis des ewigen Trainingslagers, die Segregation von Familie und Freundin, die mehr (Deutschland) und weniger (Österreich) glanzvolle Redundanz der Pressekonferenzen, Neuigkeiten, Interviews und Analysen, Vorausschauen und Expertengequatsche.

Heute (Dienstag) früh bin ich von Wien nach Bregenz gefahren, durch eine vor Gesundheit und Grünheit strotzende Frühsommerlandschaft. Auf so einer Fahrt  mit dem anachronistischen Benzingefährt wird man des Privilegs, in Mitteleuropa sorgenfrei leben zu dürfen, so richtig gewahr. Das Absurde ist, dass die größte Sorge ist, von einer Terroristenbombe auf dem am 10. Juni beginnenden Fest zerrissen zu werden. So fern und so nah sind wir hier von Gegenden, wo derartige Anschläge längst so eine Art Alltag sind. In einem zweiten Gedanken frage ich mich, ob das denn tatsächlich absurd ist oder normal? Sind wir nicht immer alle gefährdet gewesen und dachten nur, „sicher“ zu sein? Und was heißt denn das: „sicher“?

Jetzt sitze ich am Bodensee und schaue hinaus auf einen kleinen Jachthafen, Zeichen der Freiheit und des Reichtums in Vorarlberg. Das Putzige nimmt hier schon fast schweizerische Intensität an, auf dem schmalen Grasstreifen zwischen den ÖBB-Gleisen und dem Wasser liegen Sonnenbadende, dazwischen Spaziergänger und Radfahrer. Der Frühsommer hat sich etabliert. Im Land herrscht eine gespannte Erwartung, ob das ÖFB-Team das Versprechen, bei der Euro zu versagen, einlösen wird oder nicht. Ein paar Medien, die sich in den vergangenen Tagen vor Euphorie nicht einkriegen konnten, beginnen schon mit dem unfundierten Unken, aber das kann nach einem Sieg gegen die Ungarn im ersten EM-Spiel (14. 6.) auch schon wieder ganz anders sein.

Der Hannes hat jedenfalls festgestellt, dass ein paar Teamkicker aus der zweiten Reihe so richtig Gas geben werden, um die wacklige erste Garnitur ersetzen zu dürfen. Das quartiergebende Dorf Mallemort bietet jedenfalls die Aura zur Selbst- oder Fremdvernichtung, das Team muss nur wählen. Mallemort heisst auf deutsch „schlechter Tod“, von dort wurden im 16. Jahrhundert die Waldenser, Mitglieder einer Art christlicher und jedenfalls der katholischen Zentralmacht unsympathischer Sekte, verfolgt, umgebracht, massakriert. Der religiös argumentierte M(assenm)ord ist keine Erfindung unserer Tage, die Christen und ihre Chefs haben es darin zur Perfektion gebracht.

Das Gemeindewappen von Mallemort zeigt einen Toptenkopf, darunter zwei gekreuzte Knochen, darüber eine liegende Amphore. Schaut aus wie die Fahne einer weinseligen Piratenpartie. Jedenfalls der richtige Ort, um sich im Laufe eines Turniers zu entspannen. Man muss nur schauen, dass man nicht für einen Waldenser oder sonst einen Ungläubigen gehalten wird.

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