Das Glück und sein langer Schatten

Das FBI und der österreichische Verein „Play Fair Code“ haben eines gemeinsam: den Kampf gegen das illegale Business mit Sportwetten.

AARHUS. In der kleinen dänischen Stadt Aarhus steht ein FBI-Agent auf der Bühne. Nicholas I. Cheviron ermittelt gegen das organisierte Verbrechen in den USA, das Spiele kauft und mit Wettbetrug ungeheure Gewinne erzielt. „Rund 100 Milliarden US-$werden in den USA pro Jahr in diesem Geschäft umgesetzt“,sagt Cheviron. Der Chef des US-Basketballverbandes NBA, Adam Silver, schätzt das Volumen des Sportwettenmarkts in Nordamerika auf bis zu 400 Milliarden$.

In Aarhus läuft die Konferenz „Play the Game“, Cheviron und andere Experten sprechen dort über verschiedene Aspekte der ökonomischen und gesellschaftlichen Realität des Sports. Selbst die 100 Millionen$,sagt Chevorin, sind ein Bruchteil des globalen Markts, der auf 500 bis 2000 Milliarden$ geschätzt wird.

Wetten und Matchbetrug

Illegales Wetten ist untrennbar verbunden mit Matchbetrug, argumentiert Cheviron. Das Phänomen beschädigt die Glaubwürdigkeit des Sports und entzieht dem legalen Wettsystem Marktpotenzial, mindestens die Hälfte des geschätzten illegalen Umsatzes. Um den Sport und dessen Geschäft zu schützen, hat die Uefa in Europa ein Frühwarnsystem eingerichtet. Dabei werden mit eigens dafür entwickelten Algorithmen im Internet die Quoten der angebotenen Sportwettkämpfe überwacht. Sobald sich verdächtige Verschiebungen ergeben, schlägt das System Alarm. Und das passiert in etwa 0,7 Prozent der Fälle bei den rund 35.000 beobachteten Spielen pro Jahr.

Der europäische Sportwettenmarkt setzte 2014 rund 200 Milliarden € legal um, das globale Ausmaß ist nach Schätzungen von Marktbeobachtern ungefähr doppelt so hoch (389 Milliarden €).Weil in reichen Märkten wie den USA das legale Wetten auf Spiele verboten ist, befriedigt dort der illegale Markt die Nachfrage. Alex Inglot arbeitet für Sportradar, ein Unternehmen, das in der Überwachung des Wettgeschäfts tätig ist. Täglich werden dort Millionen Daten ausgewertet. Inglot sagt, dass sich die Wettszene am Beginn des 21. Jahrhunderts durch das Internet grundlegend gewandelt habe: „Wir reden hier von der Globalisierung des Wettbusiness.“

In Europa sind Sportwetten sehr wohl erlaubt. In Österreich beispielsweise verlagerte sich ein Teil des Geschäfts von dem in Wien seit einigen Monaten verbotenen sogenannten kleinen Glücksspiel hin zu Sportwetten. Gewettet wird im Internet und in Wettlokalen. Eines der größten befindet sich gegenüber dem Hanappi-Stadion, das derzeit neu gebaut wird.

Asien ist Hotspot der Szene

Die illegale Szene, sagt Inglot, halte sich hauptsächlich in Asien auf. Von dort zieht sie dem in Europa erlaubten Wettgeschäft, wie dem ehemaligen Sponsor der österreichischen Bundesliga, Tipp 3, erhebliche Anteile ab. Um die Schattenwirtschaft einzudämmen und auch die Sportler zu schützen, entstand in Österreich 2012 der Verein „Play Fair Code“. Erst trug das Sportministerium die Hauptlast der Finanzierung, mittlerweile sind auch das Innenministerium und diverse Dach-und Fachverbände bis hin zur Deutschen Fußball Liga Partner und Mitglieder des Vereins. In Aarhus präsentierte Geschäftsführer Severin Moritzer die hauptsächlich auf Prävention und Aufklärung konzentrierte Initiative. Selbstverständlich, so Moritzer, unterstütze die Casinos Austria Tochter Tipp 3 die Arbeit des Vereins, nicht zuletzt, um so ihr legales Geschäftsmodell zu schützen. Moritzer klärt Profis und Nachwuchssportler über die Methoden der Leute auf, die Spieler und Trainer bestechen und anwerben. Schützenhilfe bekommt Moritzer aus Deutschland. Inglots Sportradar passt seit geraumer Zeit auch auf Österreichs Sport auf.

Cheviron und das FBI können nur dann ermitteln, wenn Banken oder andere in den USA beheimatete Institutionen für verbotene Geschäfte, beispielsweise Wetten oder Geldwäsche, verwendet werden. So etwa konnten die US-Behörden nur deshalb auf korrupte Fifa-Funktionäre zugreifen, weil die Herren ihre unrechtmäßig erworbenen Gelder teilweise über US-Geldinstitute verschwinden lassen wollten. „Illegale Wetten in Asien oder Europa sind aber leider außerhalb unseres Zugriffs“,sagt Cheviron.

Der englische Investigativjournalist Declan Hill sagte schon im Jahr 2005 voraus, dass der internationale Sport von Asien aus mit einer Welle an Spielmanipulationen überrollt werden würde. Die Prophezeiung hat sich bewahrheitet. Polizeimethoden wie die des FBI und Präventionsmaßnahmen wie die des „Fair Play Code“ können die massive Herausforderung durch die asiatischen Wettanbieter im Internet jedoch nur mühsam eindämmen. 2013 explodierte in Österreich ein Skandal um verkaufte Bundesligaspiele. Damals wurde gegen 30 Kicker ermittelt, einige mussten vor Gericht, manche gingen sogar ins Gefängnis. Von Erpressung durch mafiaähnliche Banden war in diesem Zusammenhang die Rede.

Pro Spiel sollen bis zu 100.000 € an Bestechungsgeldern geflossen sein, die Betrüger selbst sollen rund acht Millionen € an den Manipulationen verdient haben. Derartige Vorfälle ruinieren Image und Geschäft der Liga und der Wettanbieter, ist man in Aarhus überzeugt. Die Fädenzieher dieser Aktion saßen übrigens in Singapur.

siehe auch:
http://wirtschaftsblatt.at/archiv/printimport/4854952/Das-Glucksspiel-und-sein-langer-Schatten?from=suche.intern.portal

 

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Eine Antwort zu Das Glück und sein langer Schatten

  1. dawerna schreibt:

    in einer welt in der immer mehr das fressen vor der moral kommt, sind die genannten kriminellen machenschaften rund um den sport leider nur logisch und fast schon „normal“.
    mit der selbstausbeutung und spendensammlermentalität als nahezu einzigem lösungsansatz im organisierten vereinssport sinkt gleichzeitig tragfähgie kritikfähigkeit gegen null. auf der anderen seite, der im scheinwerferlicht stehende profisport. „ehrlicher“ sport wird immer mehr zum artenschutzprogramm. richtungweisende arbeitsunterstützung für die im schatten tätigen amateure seitens der regierenden sind ohnehin nicht zu erwarten.
    diese diskrepanz zu „fair play“ fördert die bereitschaft zur teilnahme am geschilderten „zweiten einkommensmarkt“.
    in dieser welt der „brot und spiele sportarten“ wird sich der behauptete imageverlust in engen grenzen halten.

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