„Wem soll ich was nachtragen?“

Norbert Lopper, 95, wurde in Wien zu Grabe getragen

Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg spricht an diesem Wiener Frühlingstag über einen alten Fußballer. In der Aufbahrungshalle des Israelitischen Friedhofs erzählt er von den Kreisen des Lebens, der Familie und den Freunden, die Norbert Lopper, den Kosmopoliten, Wiener, Österreicher, Juden, Fußballer und Sekretär der Wiener Austria durchs Leben begleitet haben.

Lopper hatte sich schon als Bub den Fußball als Lebensbegleiter ausgesucht, doch vielleicht war es umgekehrt und der Fußball hat ihn ausgewählt. Das Schulkind im Augarten, den Nachwuchskicker bei der Sparta und der Hakoah. Achtzehn Jahre war er alt, als er die Auflösung Österreichs erleben musste. Die Nazis und der „Anschluss“ an das von Adolf Hitler geführte Deutsche Reich zwangen ihn und seine Familie, nach Brüssel zu fliehen. Er heiratete, lebte von den Einkünften als Fußballer, bis ihn 1942 die Unmenschen einholten und das Ehepaar nach Auschwitz schickten. Sie ermordeten Rebecca Lopper, Norberts Ehefrau, seinen Vater und eine Schwester. Seine Mutter konnte Lopper hinter dem Rücken des KZ-„Arztes“ Josef Mengele retten.

Als er 1953 nach Wien zurückehrte, hatte er sich längst als Fußball-Manager ein europaweites Netzwerk geknüpft. Es waren gute Zeiten für den Fußball, im Nationalteam, das bei der WM 1954 Dritter (hinter Deutschland und dem Goldenen Mannschaft Ungarns) wurde, spielte ein Idol Loppers, Ernst Ocwirk. Da er mit einem Freund den ersten Fan-Club der Austria ins Leben gerufen hatte, wurde er 1956 als Sekretär engagiert. Bis 1983 führte er den Verein, heute würde man ihn „Manager“ nennen. In seinem winzigen Büro mit einem Telefon und einer Sekretärin half er dem legendären Geschäftsführer und späteren Präsidenten Joschi Walter, die Austria zu einer Größe im europäischen Fußball zu machen.

Und er war ein Sekretär, der Trainern wie dem legendären Nationalteam-Stopper Karl Stotz schon einmal anschaffte, zur Verpflichtung eines Spielers, den er, Norbert Lopper, ausgesucht hatte, mitzufahren. Es sollte Herbert Prohaska sein, der mit dem Wunderteam-Kapitän Mathias Sindelar und Bela Guttmann eine der bestimmenden Figuren dieser (Vereins)Kultur ist.

Guttmann arbeitete 1973 als Austria-Trainer, acht Jahre zuvor hatte er Benfica Lissabon so hergerichtet, dass sie das Zeitalter Real Madrids, denen Loppers Lebensfreund Ferenc Puskas diente, beendete. Und Sindelar hat der kleine Lopper 1936 in Aktion gesehen. „Ich war 17 Jahre alt“, erzählte er einmal. Die mit Abstand beste Austria-Ausgabe aller Zeiten erkämpfte sich in Budapest ihren zweiten Titel im Mitropacup, dem Vorläufer der Champions League. Lopper war dort und erlebte „eine ungeheure, von gefrusteten Ujpest-Anhängern angezettelte, Schlägerei“.

Sein Vermächtnis ist ein wunderbar gelungenes Leben, er trug trotz aller Demütigungen, der Ermordung eines Teils seiner Familie und der Folter im KZ keine Bitternis im Herzen. „Wem soll ich was nachtragen“, sagte er einmal wie nebenbei, „die Austria hat mir so viel gegeben.“

Norbert Lopper wurde vergangene Woche im jüdischen Friedhof zu Grabe getragen, dort, wo unter anderen Bela Guttmann und Leopold Böhm liegen. Er war 95 Jahre alt.

Johann Skocek, „Mister Austria – Das Leben des Klubsekretärs Norber Lopper. Fußballer, KZ-Häftling, Weltbürger“, Falter Verlag 2014, 224 Seiten, ISBN: 978-3-85439-525-6; € 24,90

 

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