In einem fremden, finsteren Land

Die 1. Olympischen Europaspiele in Aserbaidschan im Juni 2015 werfen ihre Schatten voraus – AI-Generalsekretär Heinz Patzelt über Sport und Menschenrechte

Das Internationale Olympische Comitee IOC hat ein Kind und es heisst EOC – Europäisches Olympisches Comittee. Ein Kind will sich bewegen, also ging das EOC nach Aserbaidschan, um in der Hauptstadt Baku die 1. Europaspiele (12. – 28. 6.) auszutragen. Aserbaidschan ist einer der spannendsten Flecken auf dem Planeten und in seiner Hauptstadt Baku sitzt ein echter Kerl, Ilham Aliyev. Amnesty International hat in einem aktuellen Bericht einige Fälle inhaftierter Regimegegner dokumentiert. Heinz Patzelt, der Generalsekretär von Amnesty International Österreich: „Das System in Aserbaidschan reagiert auf jede kritische Darstellung extrem restriktiv.“

Insgesamt sollen mehr als 100 Regimegegner hinter Gittern sitzen. Willkürliche Verhaftungen, Kontosperren und Büroversiegelungen von NGOs und andere totalitäre Maßnahmen mehr wendet der „korrupteste Mann des Jahres 2012“ systematisch an. Das 2012 gegründete „Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP)“ hatte Aliyev den Titel verliehen, weil er und seine Familie sich Firmen und Geld des mit riesigen Öl- und Gasvorräten gesegneten Landes eifrig einverleiben.

Das alles kratzt das EOC nicht. Dessen Präsident Patrick Hickey (Irl) lobt in einem Video auf der EOC-Homepage (http://www.eurolympic.org/en/) die Vorbereitungen in Baku. Hickey: „Ich bin ein glücklicher Mann. Unsere Erwartungen wurden in erstaunlichem Ausmaß erfüllt.“

Neue Hotels und Stadien sind aus dem Boden gestampft worden. Nach der Fasson anderer undemokratischer Länder wie Russland (Sotchi), Katar (Fußball-WM 2022) oder China (Sommerspiele 2008), die sich von internationalen Sportevents eine billige Imagepolitur erwarten. Aliyevs Regime soll mehr als sechs Milliarden $ für die Protzbauten ausgegeben haben. Schließlich will man neben anderen kontinentalen Festen wie den Asienspielen nicht abstinken.

Baku war der einzige Bewerber für die Spiele. Und es hat das nötige Kleingeld, um seine großspurigen Versprechen zu halten.

Bisher sind keine kritischen Äußerungen der ÖOC-Granden zu der Lage der Menschenrechte in der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan bekannt. Weder ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel noch ÖOC-Präsident und Casinos Austria-Generaldirektor Karl Stoss reagierten auf mehrfache Bitte um Stellungnahme.

Die ÖOC-Mannschaft soll freilich mehr Sportler umfassen als die Delegation bei den Olympischen Winterspielen in Sotchi. Wenigstens wird der Spaß vergleichsweise billig. Aliyev zahlt allen teilnehmenden Sportlern die Anreise und den Aufenthalt.

Das EOC hob die Europaspiele im Dezember 2012 aus der Taufe. Sie sollen alle vier Jahre stattfinden und gehören den Nationalen Olympischen Comites Europas. Bei der ersten Auflage (12. – 28. 6. 2015) werden rund 6000 Sportler in 20 Sportarten wettkämpfen. Da die Athleten sich in manchen Sportarten direkt für die Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 qualifizieren können, besitzt die ansonsten eher absurde Veranstaltung einen gewissen sportlichen Reiz. Andere Disziplinen wie Schwimmen veranstalten in Baku Nachwuchsmeisterschaften. Auch die Leichtathletikabteilung wird angeblich mit einem drittklassigen Feld aufwarten.

Auch die Qualifizierung des aserbaidschanischen Regierungschefs zum Bussibären der Sportwelt hat schon begonnen. Auf der Homepage der Europaspiele findet sich ein Link zu Aliyevs Website. Dort findet sich unter anderen ein Bericht über die Rede Aliyevs zur Eröffnung des 4. Internationalen Humanitären Forums in Baku.

Patzelt: „Mit Sport lässt sich ein Image relativ billig korrigieren, ich muss nur ein paar Milliarden investieren, Sportpaläste und die Infrastruktur rundherum bauen und kann auf positive Berichterstattung bauen. Aber ich brauche nicht von meinem Machtsystem zu lassen.“

Leider seien Institutionen wie FIFA oder das IOC nicht an der Verbesserung der Menschenrechte interessiert, „sondern ausschließlich an der Gewinnmaximierung“, sagt Patzelt. Also was tun? Boykottieren? Nein, sagt Patzelt. „Das bringt für die Menschenrechte nichts.“ Sport verbinde, sagt er, vor allem die Zuschauer. Und er fordert dazu auf, „die teils unverschämten Forderungen der Sportverbände bei der Akkreditierung“ wie Maulkorberlässe in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Patzelt: „Internationale Journalisten müssen aus solchen Ländern offen über Restriktionen und Verbote berichten, sie dürfen sich nicht den Mund verbieten lassen. Auch Sportjournalisten sind Journalisten.“

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