Ein Schweizer, das Raunzen und viel Käse

Ich habe mich wieder geärgert. Leider. Ein Freund hat mich angerufen und mich auf einen Artikel in der „Zeit online“ aufmerksam gemacht. Ein Herr Gerald Gossmann, der auch bei 90minuten.at Kolumnen schreibt, hat vor dem EM-Quali-Match gegen die Schweden (1:1) die Rettung des österreichischen Fußball-Medien-Komplexes durch den schweizerischen Teamchef Marcel Koller beschworen. Nicht nur, dass ihn das folgende EM-Match widerlegte, als die Österreicher wieder einmal einen Matchplan verfolgten, der sie überforderte, und sie nicht imstande waren, auch nur eine einzige richtig gute Torchance zu kreieren.

Im Anschluss an das Match raunzten sie wie in alten Tagen, die „bessere Mannschaft“ gewesen zu sein und den „Sieg verdient“ zu haben. Blödsinn. Die bessere Mannschaft ist die, die mehr Tore schießt oder allenfalls einige Chancen herausspielt, die zu derartigen Resultaten führen können.

Auch die Herführung der Analyse im Qualitätsblatt „Die Zeit“ ist eine Irrfahrt durch gut abgelegene Klischees. Man könnte sagen: ein Geraunze über das Geraunze. Richtig witzig wird das, wenn Gossmann im zweiten Teil des Artikels auf den seiner Meinung nach offenbar entscheidenden Punkt kommt. „Erst unter ÖFB-Präsident Leopold Windtner änderte sich etwas.” Nämlich die Nachwuchsarbeit und die Führung des ÖFB-Teams.

Selten so gelacht. Leo Windtner, mit dem die neue Zeit nach der Rechnung Gossmanns begann, wurde am 28. 2. 2009 zum ÖFB-Präsidenten gewählt. Da hatte er schon eine zehnjährige Amtszeit als Vizepräsident des Verbandes hinter sich. Wer den Verband und Windtner kennt, weiss, dass er diese Zeit nicht als inaktiver und einflussloser Funktionär verbrachte. Schließlich wurde der mit ihm gut bekannte Willi Ruttensteiner, der in seiner Karriere nur beim FC Linz en Jahr lang einen ernsthaften Trainerposten auf dem freien Markt bekleidete, zum Sportdirektor des ÖFB bestellt. Das war 1999, im Jahr, als Windtner in das ÖFB-Präsidium aufrückte, wurde Ruttensteiner zum ÖFB-Sportkoordinator und U21-Teamchef bestellt.

Die erste Großtat des neuen ÖFB-Präsidenten Leo Windtner bestand darin, gegen ernste Warnungen von vielen Seiten, den nun von Gerad Gossmann so heftig gescholtenen, angeblich taktisch ahnungslosen und desinteressierten Dietmar Constantini im März 2009 zum Teamchef zu bestellen. Constantini war die Antwort auf das gut gemeinte aber leider schief gelaufene Engagement des kranken tschechischen Ex-Teamchefs Karel Brückner.

Gossmann hat Recht, wenn er den österreichischen Ex-Teamfußballern Verhaberung vorwirft und die lächerliche Forderung nach einem „echten Österreicher“ als Teamchef kritisiert. Und wenn er den Österreichischen Trainern und der Szene insgesamt vorwirft, mit modernen Instrumenten wie Computern zurückhaltend umzugehen. Was die Schreibe aber so einseitig und ärgerlich macht ist die schwarz-weiß-Malerei von dümmlichen, aufklärungsresistenten Österreichern auf der einen und den aufgeklärten, vernünftigen Rettern Koller, Ruttensteiner, Windtner auf der anderen Seite. Die Geschichte ist, wie das Beispiel von Windtner und Constantini zeigt, komplizierter und interessanter. Die Vereinfachung bis hin zur Klischierung sollte in einem Medium wie der „Zeit“ keinen Platz haben.

Und das Raunzen hat Koller den Österreichern keineswegs ausgetrieben, wie die Reaktion der Spieler nach dem 1:1 gegen Schweden zeigte. Statt Koller dazu zu benützen, den Österreichern von oben herab eins auszuwischen, wäre einmal zur Abwechslung eine fachliche Analyse von Kollers Arbeit und Methoden angebracht. Aber das braucht wahrscheinlich zu viel Mühe und Aufwand, über verhaberte Sportjournalisten lässt sich leichter herziehen als die Personalentscheidungen des Teamchefs zu hinterfragen. Dazu müsse man in die Tiefe gehen, Zeit aufwenden und sprödere Wahrheiten bearbeiten als Behauptungen wie: „Ein Schweizer entwarf für Österreich eine fußballerische Identität.“ Noch hat sich Koller für keine Endrunde qualifiziert. Die Quali für die WM 2014 hat Koller trotz der angeblich so viel besser gewordenen Mannschaft souverän vergeigt. Es wäre nicht schwer gewesen, auch fachliche Gründe für das Scheitern dieser Kampagne zu finden.

Der von Herrn Gossmann ironisierte Josef Hickersberger qualifizierte sich mit dem Team für die WM-Endrunde 1990. Man könnte endlos so weitermachen, der Eindruck von Herrn Gossmanns Artikel bleibt: hier wird der Fußball und seine fraglos fragwürdige Kultur in Österreich dazu benützt, um billig Eindruck als kritischer Geist zu schinden. Übrigens war Kollers Vorgänger ein gewisser Willi Ruttensteiner, der als Interims-Teamchef Constantini ablöste und für das eher blamable 0:0 im abschließenden EM-Qualifikationsmatch in Kasachstan verantwortlich war. Selbstverständlich war die Quali vorher schon versemmelt, und wahrscheinlich war Constantini wirklich nicht der richtige Mannauf dem teamchefsessel. Aber warum er das überhaupt wurde, sollte man Leo Windtner fragen.

Ein Ansatz zu einer kritische Betrachtung von Kollers Arbeit findet sich ebenfalls auf diesem Blog (johannskocek.com). Und niemanden würde es mehr freuen, wenn sich das Team endlich wieder für eine Endrunde, diesmal die erweitere Europameisterschaft, qualifizieren würde. Vielleicht verschafft das dem heimischen Fußball endlich die Kraft für eine grundlegende Refom. In der könnte beispielsweise auch das Problem der von Sportdirektor Ruttensteiner implementierten Nachwuchsakademine zur Sprache kommen, die Jahr für Jahr mehr als 120 Absolventen auf den Markt werden, die alle in den Profi-Fußball drängen und zum überwiegenden Teil keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben.

Gleichzeitig hat das seit nunmehr rund 12 Jahren laufende Ausbildungssystem dem Team keinen ordentlichen Tormann oder Mittelstürmer und auch keinen überzeugenden kreativen, offensiven Mittelfeldspieler beschert. Würden heimisce Kicker nicht im Ausland ab Beginn der Pubertät oder ein wenig später ausgebildet oder fertig geformt (Alaba!), oder wie Junuzovic, Dragovic oder Fuchs zu Männern gemacht, das Team wäre no9ch viel chancenloser als es ohnehin ist. Die Nachwuchsarbeit und die Qualifikation für Jugendbewerbs-Endrunden sind schön und gut und nicht zu unterschätzen. Aber erstens haben Österreicher im Unterschied zu den Schweizern noch kein derartiges Turnier gewonnen. Und zweitens ist das kein valider Gradmesser für die Qualität der Erwachsenen.

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