Ex Oriente Lux

Der russische Staatskonzern Gazprom signalisiert über die Bande der Champions League seine Unverzichtbarkeit für Licht und Leben

Der russische Präsident Wladimir Putin hat den deutschen Fußball-Bundesligaklub Schalke 04 nach Moskau eingeladen. Reflexartig kritisierten Politiker, Medien und sonstige Moralisten wie der CDU-Generalsekretär Peter Tauber die Fahrt als „Instrumentalisierung“ für Putins Propagandazwecke. Schalkes Schulausflug zum Direktor des Klassensponsors Gazprom, des größten Gaslieferanten Deutschlands und der nachgeordneten EU, mag pennälerhaft und vorauseilend gehorsam wirken. Das wahre Problem freilich offenbart die Gazprom-Fernsehwerbung vor und nach den Spielen der Champions League.

„We light up Football“ lautet der Slogan des russischen Gas-Lieferanten. Dazu läuft ein in schemenhaften Strichen ausgeführter Spot, der eine glasklare Botschaft vermittelt: Ohne Gas von Gazprom bleibt es in den Stadien, im Fernseher, in den Wohnzimmern, in den Leben der Menschen finster. Selten noch hat ein Unternehmen seine Bedeutung für das Wohlergehen der Allgemeinheit deutlicher dargestellt.

Nun könnte man meinen, dass auch andere Konzerne ihre unverzichtbaren Dienste für die Gesellschaft dem Konsumenten hineinreiben, und sich niemand darüber wundert. Ohne diesen aufdringlichen US-Zuckerldrinkhersteller – nein, nicht der Herr in Salzburg, der Jedermann wissen lässt, er könnte ihm Flügel machen und dank seines Geldes als eine Art Missionar verehrt wird – brächte uns der Durst um. Ohne diese US-Burgerbude, die auf kriegsfuß mit der Gewerkschaft steht und die Kunden mit den Fingern von Papiersackerln essen lässt, würde die Menschheit bekanntlich verhungern. Erzeuger von Sportartikeln, Autos, Kreditkarten und Bier verkaufen nicht Dinge, die der Bewältigung des täglichen lebens dienen, sondern ein Lebensgefühl, Coolness, ohne die gar nichts mehr geht.

Das ist längst ein Gemeinplatz, über den jeder zweite Mittelschüler einen Aufsatz geschrieben hat. Exklusivität mit Massenwaren – Werbung macht jeden Schwachsinn plausibel. Die Aufdringlichkeit ist in die Aufmerksamkeitsroutine eingepreist.

Gazproms Werbespot, dank der UEFA-Champions League zeitgleich in hunderten Millionen Haushalten abgeliefert, macht die seelische und physische Abhängigkeit von manchen Erzeugnissen wieder sichtbar. Der Schrecken darüber, dass deren Verfügbarkeit sich einige wenige Konzerne und die dahinter stehenden, hochseriösen Geschäftsleute gesichert haben, hat im Fall von Gazprom selbstverständlich auch mit der aktuellen politischen Lage an den Grenzen Europas und dem Konflikt zwische Russland, der Ukraine und einer offenkundig überforderten, planlosen und überheblichen EU-Außenpolitik zu tun. (Können sich künftig bitte US-Vizepräsidenten oder US-Außenminister von der Ukraine fern halten und nicht weiter auf Kosten der Nerven und Leben der in der Nachbarschaft Lebenden so tun, als wäre ihnen das Schicksal Europas ein Anliegen! Was würde wohl Barack Obama dazu sagen, wenn der russische Außenminister Lawrow in Tijuana auftauchen und sagen würde: liebe Mexikaner, ich habe euch 100 Millionen Dollar mitgebracht, um euch von der Abhängigkeit von den USA, von der Ausbeutung durch die USA zu befreien. Und falls ihr wirklich was gegen die Drogenkartelle machen wollt, die vom Geschäft auf dem US-Markt leben, dann zeiegn wir euch gerne, wie das geht.)

Wenn Gazprom will, so lautet die quasi von hinten nach vorne gelesene Botschaft, bleiben Stadien, Fernseher und Wohnzimmer finster und kalt. Und Gazprom will, was Putin will. Und der weiss, was er will. Leider steht er Politikern (in den USA und in Europa) gegenüber, die nicht wissen, was sie wollen und nicht wissen, was sie tun und nicht wissen, wie sie das verbergen könnten.

Die Reise Schalkes nach Moskau kann in diesem Zusammenhang als eine Art Kotau in bunten Leiberln verstanden wissen. Zu verdanken hat der Verein die Rolle des Bittgängers dem ehemaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder. Der Sozialdemokrat hinterließ ein Land, das sich seine Wettbewerbsfähigkeit unter anderem mit der Verdrängung breiter Bevölkerungsschichten in den Niedriglohnsektor und in die Altersarmut erkaufte. Schröder widmete sich nebenbei der deutsch-russischen Freundschaft, auch zu seinem persönlichen Vorteil. Er fädelte den Sponsordeal zwischen Gazprom und Schalke ein – man spricht von 17 Millionen € pro Jahr für die Trikotwerbung -, Schröder arbeitet auch für den russischen Staatskonzern.

Aber vielleicht ist das Ganze auch nur ein Vorspiel der kommenden Fußball-Bundesliga 2014/15: Der FC Bayern sei gewarnt, Schalke kann bedenkenlos Gas geben. Und die Bayern haben Uli Hoeneß nicht mehr.

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