Der Journalismus, der sich selber in die Goschn haut

Der offene Brief der ÖFB-Teamkicker an die „Zeitung“ „Österreich“ wirft Licht auf die Taktik des real existierenden Schmieranski-Teams

Der Spitzensport-Boulevardmedien-Verbund funktioniert normalerweise wie geschmiert. Der offene Brief der ÖFB-Nationalspieler an die Gratis-Zeitung „Österreich“ ist die Folge einer Betriebsstörung: die Zusammenarbeit ist mangels Respekt der Einen vor den Anderen nicht mehr möglich. Sportler lassen sich nie zu öffentlichen Stellungnahmen über Politik und schon gar nicht über Journalismus hinreissen. Vom Fußballer David Alaba bis zum Skirennfahrer Marcel Hirscher bestimmt das Bewusstsein das Sein, dass kritische Aussagen zu anderen als sporttechnischen Belangen eine Gefahr für das Geschäftsklima darstellen.

Und dann das. ÖFB-Nationalteam am 13. November 2013 an Wolfgang Fellner: „Als Vertreter eines Sports, in dem Fairplay, Respekt, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Wertschätzung und Teamgeist wesentliche Kriterien sind, als Personen der Öffentlichkeit und damit gleichzeitig als Vorbilder für so viele – vor allem auch junge – Menschen in unserem Land fühlen wir uns aber verantwortlich, wenigstens unsere Stimme zu erheben und uns vehement für Wahrheit, Wahrung der Würde und Fairness in Medienberichten auszusprechen.“ Das Schreiben zielt gegen die „Fülle an schlecht bis gar nicht recherchierten Artikeln in der Tageszeitung „Österreich“, . . die reißerischen Texte, die nicht selten in Beleidigungen gipfeln . . .“.

Was war passiert? Was bewegt Fußballer dazu, sich derart weit in die Spielhälfte des Gegners vorzuwagen?

Ein Beispiel: Reporter von „Österreich“ besuchen Pressekonferenzen des ÖFB, sammeln Zitate, die im Gespräch der Teamspieler mit den anwesenden Journalisten fallen. In der Zeitung des nächsten Tages wird die Zitatsammlung als Interview formatiert. Sagt ÖFB-Kommunikationschef Wolfgang Gramann und präsentiert dafür Beispiele (http://oefb.at/spieler-schreiben-an-tageszeitung-ber22981). Ein „Gespräch“ mit Christian Fuchs, das „Österreich“ am 15. Oktober veröffentlichte, habe nicht stattgefunden, sagt Gramann.

Teamspieler ärgern sich, weil sie entgegen der Wirklichket als Interviewpartner von „Österreich“ dastehen. Journalisten von Konkurrenzblättern fassen Beton aus, weil wieder einmal NUR „Österreich“ ein Interview aufgestellt hat.

ÖFB-Teamchef Marcel Koller wurde angesichts seiner Verhandlungen mit dem schweizer Fußballverband von Fellners Periodikum als „Verräter“ bezeichnet, der als „Packerl an die Schweiz“ zurück geschickt werden sollte. ÖFB-Präsident Windtner zum Falter: „Es weht eine steifere Brise. Aber man sollte Berichte unterlassen, die rufschädigend und ehrenbeleidigend sind.“ Der ÖFB-Präsident war von der Initiative des Teamspielerrats unterrichtet und hat sie gebilligt. Das ist für den ÖFB, der in der Regel einen Appeasementkurs fährt, ein mutiger Schritt.

Zwischen Boulevardjournalisten und Spitzensportlern herrscht normalerweise ein amikales, vom Bewusstsein gegenseitiger Angewiesenheit geprägtes Verhältnis. Massenblätterschreiber brauchen Promisportler für „Sager“ und „Stories“, Athleten brauchen die Blätter für Ego, Image und Bekanntheitsgrad. Werbe- und Sponsorverträge erhalten nur Helden, mit denen Produkte (Tieflkühlessen von Iglo/ÖSV, Nutella/ÖFB) oder Dienstleistungen (Versicherungen von Uniqua, Kredite bei Raiffeisen) verkauft werden können. Qualitätszeitungen sind für Sportler und Massenmarkt uninteressant. Selber schuld, denn sie unterschätzen die Wirkmacht des Sports.  Sportredakteure arbeiten dort mit minimalen Reisebudgets und in Personalnot. Dienstreisen und die damit verbundene Chance, Vertrauen zu Sportlern und Funktionären aufzubauen und an Hintergrundgeschichten zu gelangen, sind rar. Das ist eine Folge des Verschwindens der Verleger und der Machtübernahme durch Rationalisierer und Geschäftsführer, die keine Ahnung von Journalismus und keinen Respekt vor Journalisten haben.

Boulevardjournalisten reisen mit Sportlern, die Nähe zu den (Sport)Promis ist die Geschäftsgrundlage ihrer Erzeugnisse. Gedruckt wird, was wirkt. „Österreich“ und die „Krone“ meldeten ohne Beweis und Begründung den bevorstehenden Abgang Kollers in die Schweiz. Wenige Tage später unterschrieb er wieder beim ÖFB. Die Zeitungsfamilie „Krone-heute“ kann Realitätsverweigerung (Beispiel: „Krone“-Berichte über den Dopingskandal des Vertragspartners ÖSV in Turin 2006) und Respektverweigerung („heute“ zeigt Natascha Kampusch schmusend mit ihrem Freund) auch gut. In „Österreich“ aber wurde das Samplen von Phrasen, Fantasielosigkeit und Halbstarkensuada zum Journalismus erklärt. Und je weniger einem Raufbold einfällt, desto lauter schreit er bekanntlich.

Die Verachtung des Journalismus ist Blattlinie. Wenn das jemand kritisiert, gibt Herausgeber/Eigentümer/Chefredakteur Wolfgang Fellner vor, er bekämpfe die Verhaberung. Im Antwortbrief an die ÖFB-Kicker behauptet er, jedes in Österreich“ publizierte Interview sei auch geführt worden. (Was der ÖFB dazu sagt, siehe oben.) Auf alle anderen Vorwürfe der Kicker geht Fellner nicht ein. Nur bei Teamchef Koller entschuldigt er sich.

Ausgerechnet Fußballer haben gefragt, was Journalisten (mit Ausnahmen siehe http://www.falter.at/falter/2007/08/07/so-ist-boulevard/), Politiker und Intellektuelle nicht fragten: „.. ob sich Journalisten wirklich ALLES erlauben können und ob wir uns wirklich ALLES gefallen lassen müssen? Wir meinen NEIN!“.

Nach mehreren Versuchen gelang es, eine Vertreterin der „Österreich-Redaktion“ ans Telefon zu bekommen. Sie versprach, ein Ersuchen um eine Stellungnahme Wolfgang Fellners weiterzuleiten. Bis zum Redaktionsschluss blieb das Ersuchen unbeantwortet.

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