Ein Traumland namens Sport

Ein Schwarzbuch über das großzügig dotierte, ineffiziente und parteipolitisch gegängelte Sportsystem Österreichs

Der Anlass war das blamable Abschneiden der Österreichischen Sportler bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London: Null Medaillen. Der Leichtathletiktrainer und Dopingbekämpfer Wilhelm Lilge und der Journalist Gerd Millmann nützten die Aufregung, ein Buch über die Hintergründe des österreichischen Sportsystems und „das komplizierteste Sportfördersystem

der Welt“ zu schreiben. Seit kurzer Zeit liegt „Sportland Österreich? Athleten, Abzocker, Allianzen“ vor, eine kurzweilige, kompetente Abrechnung mit selbstherrlichen ehrenamtlichen Funktionären,selbsternannten Erlösern und politischen Trittbrettfahrern.

Das Thema „Sport“ kam weder im Wahlkampf noch in den anlaufenden Koalitionsverhandlungen zur Sprache. Kein Zufall. Denn das Ressort Sport war in der abgelaufenen Regierungsperiode „ein Anhängsel im Verteidigungsministerium“ schreiben die Verfasser. „Der Sport wurde nach jeder Regierungsumbildung wie eine heiße Kartoffel herumgeschubst, die Bezeichnung „Wanderpokal“ suggeriert wenigstens etwas Ehrenhaftes”, heisst es im Buch. Tatsächlich ist es auch heute völlig ungeklärt, ob der Sport dort bleibt, wo er die vergangenen fünf Jahre war, ins Bundeskanzleramt, ins Bildungs- oder Gesundheitsministerium übersiedelt oder wie schon zweimal wieder ein eigenes Staatsekretariat erhält.

Die Heimatlosigkeit ist freilich nur ein Grund für die Ineffizienz des mit reichlich Förderungen ausgestatteten Sektors. Das Hauptproblem ist das mehrgleisige Sportverbandswesen. Zwei Dachverbände (ASKÖ – SPÖ, SPORTUNION – ÖVP) sind politisch definiert und werden von  Parteifunktionären geführt, von den Nationalratsabgeordneten Peter Wittmann (SPÖ) und Peter Haubner (ÖVP). Der dritte große Dachverband, der ASVÖ, sammelt die unpolitischen Vereine. Jeder der Dachverbände unterhält in jedem Bundesland ein Büro, plus ein  Bundesbüro. Desgleichen der Dachverband der Dachverbände, die BSO. „Die Dachverbände sind auch bei genauerer Analyse in ihren Aufgaben und Wirken nicht wirklich zu unterscheiden“, stellen Lilge/Millmann fest. Sie erhielten von der BSO (Präsident: Wittmann, SPÖ, Geschäftsführerin: Barbara Süindler, ÖVP) bis dato ihren Teil der Bundes-Sportförderung.

Der ehemalige Sportminister Norbert Darabos bemühte sich über Jahre hinweg um eine Neuordnung des (Bundes-)Förderwesens. (Der Großteil der Sortförderung läuft über die Bundesländer, die laut Verfassung für die Administration des Spüortsystems zuständig sind.)

Doch das Verbandssystem bog die Reform glatt, so ist die gut gemeinte Neuordnung im Ansatz stecken geblieben, Zwar verteilt nicht mehr die BSO selbst die Fördergelder an die Verbände, sondern eine nominell unabhängige Stelle namens „Bundessportkonferenz“. In der sitzen drei Vertreter des (jeweils zuständigen) Ministeriums und acht Vertreter des unabhängigen Sports. In der Realität führt das dazu, dass sie großen Player die Macht über das Fördergeld nicht aus der Hand geben, weil die mächtigen Funktionäre sich selbst oder ihre Vertrauensleute in die Bundessportkonferenz schicken.

Womit wir wieder am Beginn wären: ein ineffizientes Sport(förder)system in einem Land, dessen Schulsystem die Bewegungsstunden kürzt, statt sie auszubauen, behindert leistungswillige Spitzensportler mit administrativen Pingeligkeiten und fördert anpassungswillige, pflegeleichte Mitläufer. Und wenn es wirklich eng wird, wird ein Mann wie Peter Schröcksnadel hingestellt, der mit einem Fördertopf von rund 20 Millionen € binnen drei Jahren alles gut machen soll. Damit „wir“ bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro mehr als null Medaillen erringen.

Echte Reformen? Keine Rede.

Am Schluss des Buches listen Lilge/Millmann Vorschläge für Systemverbesserungen auf. Von der Erziehung zur Bewegung über die Einrichtung eines natipnalen Systems zur Talenteerfassung und –förderung, der steuerlichen Absetzbarkeit der Mitgliedsbeiträge in einem Sportverein, der Zusammenlegung von ÖOC und BSO  bis zu einer glaubwürdigen und effizienten Dopingbekämpfung finden sich hier viele vernünftige und bekannte Hinweise.

Solange freilich die Parteipolitik die – nach dem Gesetz unabhängigen – Sportverbände freilich nicht aus den Fingern lässt, bewegt sich die Wahrscheinlichkeit einer strukturellen Erneuerung im selben Bereich wie die Aussicht des ÖFB-Teams, Weltmeister zu werden. Aber man wird ja noch träumen dürfen.

 

 

Molden Verlag
ISBN: 978-3-85485-322-0
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seiten: 208
Einband: Hardcover mit SU
Preis: € 19,99

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