Vom Überleben des stärksten Ministers

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle entdeckt den Sport oder das, was er dafür hält und zufällig hat gerade der Wahlkampf begonnen

„Ich werde den Sport nie für den Wahlkampf missbrauchen.“ Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sitzt auf dem Podium im großen Saal der Aula der Wissenschaften und redet über den Sport. Er ist Altphilologe also redet er hauptsächlich über den Sport der Antike, obwohl es damals noch gar keinen Sport gegeben hat. Aber da wollen wir einmal nicht kleinlich sein, schließlich kennt sich der kantige Tiroler Töchterle hauptsächlich in der Antike aus und da kann einem das Hier und Jetzt ein wenig durcheinander kommen. Bisher war er nicht gerade dafür bekannt, sich um den Sport und die Sportwissenschaft bemüht zu haben. Also weiss er vermutlich auch nicht, dass Sport ein Kind der Industrialisierung und Rationalisierung ist und in der Antike sie zwar auch gefochten und gerungen haben, aber eben auf Leichenfesten oder zu Ehren der Götter, aber nicht im Fernsehen.

Das Fach Sportwissenschaften wird seit Jahrzehnten auf den Universitäten ausgehungert und das Institut für Sportwissenschaften auf der Universität Wien gehört zu den besonders mitleidenswerten Fällen. Viele Jahre lang wurde es vom Sportmedizinier Norbert Bachl geführt, in dieser Zeit wurden die Pädagogik und Geschichte und andere reflektierende Sparten eher beschnitten, Bachls Sportmedizin eher nicht. Dafür hat der Bundesrechnungshof vor nicht allzu langer Zeit Merkwürdigkeiten der Abrechnung auf Bachls Sportmedizin festgestellt.

Aber das nur nebenbei.

Töchterle sitzt also auf dem Podium, neben ihm der populäre Skispringer und Ex-Skisprung-Direktor des Skiverbandes, Anton Innauer. Neben Innauer sitzt einer der führenden Sportphilosophen unserer Tage, der Deutsche Gunter Gebauer. Unter der Leitung des Sozialforschers Otto Penz diskutieren sie im Rahmen der Gesprächsreihe „Science Talk“ des Wissenschaftsministeriums über das Thema „Was ist Sport“. Töchterle ist also bei Töchterle zu Gast. Da Ende September Nationalratswahl ist, braucht auch ein Tiroler jede Bühne, die er erklimmen kann.

Nach zwei Stunden narzistischer Höchstleistungen der drei Podiumsgäste musste man sich dazu aufraffen, dass die Herren keine Antwort auf die Frage nach dem Sport gefunden hatten. Gebauer hat  wunderbare Bücher geschrieben („Poetik des Fußballs“) und herausgegeben („Sport, Eros Tod“ mit Gert Hortleder). An diesem Abend war er blass, schmähstad, tradierte die durchgewetzten Ideale weiter, die eine jahrhundertelange Sportgeschichtsschrebung ach so gerne an der Antike festbinden will: Der Sportler als Ouvre des Menschseins. Der Sportler als Kunstwerk. Sport ist „an sich“ so wertvoll, dass jeder Sportler, würde er das nur verstehen, von sich aus auf Doping verzichten würde.

Innauer ist einfach Innauer. Er erzählt, wie er seinem genetisch verankerten Sehnen nach Bewegung nach gibt und dadurch das Glück erfährt. Früher als Schnellkraftsportler, heute als Weitwanderer.

Töchterle hingegen will Eindruck machen und schnappt nach Gebauers Köder wie ein Fisch nach der Fliege, entlarvt die angeblichen antiken Ideale als Konstrukte der Nachgeborenen und erzählt vom antiken Sport, wie er „wirklich“ war. Und steuert eine interessante Erkenntnis bei: „Der Wettkampf ist dem Menschen inherent.“ Selbst bei den Pflanzen setzen sich die Stärksten und schönsten durch, bei den Tieren sowieso, das wissen wir ja schon von Konrad Lorenz oder dessen Plagiator Charles Darwin, und auch die Menschen trachten danach, den schönsten und stärksten Partner zu finden.

Wie das klingt, wollen wir gar nicht benennen. Eine Zierde für einen Wissenschaftsminister, der sich unter anderem die Auslese der Studierenden verantwortet, sind solche Ansichten wohl kaum.

Jedenfalls sind sie ungefähr so vif wie wenn ein Mannes, der in der Sonne steht, seinen Schatten betrachtet und glaubt, der wäre ein unentbehrlicher Teil seines Körpers. Töchterle tut, als gäbe es außerhalb seiner Welt keine anderen Kulturkreise, in denen Bewegung, oder was wir in der Sonne des Olympismus groß gewordenen Westler dafür aus der Entfernung halten, in nicht konkurrenzierender Weise betrieben wird. Andere Bewegungskulturen funktionieren nach anderen Prinzipien als nach den im Westen gültigen.

Wir wollen das Hauptwort, wonach das alles klingt, gar nicht in die Zeile nehmen. Eines Wissenschaftsministers ist eine derartige Aussage jedenfalls keine Zierde. Und nach seiner Meinung über die Tatsache gefragt, dass der Präsident eines Wintersportverbandes, der die zwei größten Dopingskandale in der Geschichte des österreichischen Sports geliefert hat und jetzt auch noch mit der Verteilung eines 20-Millionen-Potts für aussichtsreiche Sommersportler bis zu den Sommerspielen 2014 betraut wurde, antwortet Töchterle so: „Ich bin mit Peter Schröcksnadel vor kurzem die Streif runter gefahren, wenn auch nicht im Renntempo.“

Aha. Und was ist mit dem Wahlkampf, für den Töchterle den Sport angeblich nie einspannen würde?

Am Tag nach dem missglückten „Science Talk“ besuchte Töchterle das Wiener Institut für Sportwissenschaften. Er hatte Rektor Heinz W Engl mit und auch Innauer und trabte durch das Institut, ließ sich Stundenten und Sportgeräte vorführen und verabschiedete die Universiade-Mannschaft. Das ist nach Auskunft der Beteiligten noch nie vorgekommen. Die ganze Sache war ein offizieller Pressetermin, über die APA verbreitet und im Internet-Portal der Universität Wien wurde Töchterles Ausflug in den Spitzensport groß berichtet: „Hoher Besuch“ war er dort. Und so schaut das aus, wenn ein  Minister den Sport nicht als Bühne für den Wahlkampf benützt:

http://medienportal.univie.ac.at/uniview/uniblicke/detailansicht/artikel/universitaet-trifft-spitzensport/

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3 Antworten zu Vom Überleben des stärksten Ministers

  1. werner raabe schreibt:

    ja mit seinen aussagen zum sport und wahlkampf, da wird es der herr bundesminister wohl wie konrad adenauer halten („was interessiert mich mein geschwätz von gestern!“)
    aber auch sonst zeigt der bundesminister, dass sport sein thema nicht ist.

    der sport mit seinen vereinen ist auch im 21. jahrhundert der wichtigste baustein für die sozialisierung der jugend in unsere gesellschaft. über 50% unserer jugend werden durch und mit dem vereinssport sozialisiert.
    ebenso bedeutsam ist der sport im bereich des gesundheitssystems. erfolgreiche förderung von bewegung und sport könnte wesentlich zur entlastung der kosten im gesundheitssystem beitragen.
    sport ist aber auch der erfolgreiche baustein für gelungene integration. nirgendwo anders ist integration so erfolgreich wie im vereinssport.
    zusätzlich muss der sport zunehmend als wirtschaftsfaktor erkannt werden. jeder zehnte arbeitsplatz in österreich hängt von sportaktivitäten ab. mehr als 30%! der nationalen tourismuserträge sind dem sport zuzuordnen. die wertschöpfung beträgt über 3% des österreichischen BIP!
    sport ist eindeutig mehr als bewegung und kreislaufbelastung, sport muss als enorm wichtiger gesellschaftspolitisch relevanter bereich wahrgenommen werden.

    dazu kommt die allgemeine bevölkerungsentwicklung und die sich verändernde altersstruktur in ö. bis 2030 wird der anteil der über 60-jährigen menschen auf rund ein drittel der gesamtbevölkerung anwachsen. es ist daher eine gesellschaftspolitische notwendigkeit, dass die politik verstärktes engagement in die schaffung infrastruktureller und gesetzlicher voraussetzungen für den sport im allgemeinen und für den vereinssports im besonderen legt.

    ein 50 meter schwimmbecken in wien wäre dafür schon ein kleiner anfang. eine vollständig nutzbare la-anlage oder ein turnzentrum ebenfalls. zumindest für die genannten sportarten!
    die sicherstellung der wissenschaftlichen begleitung der darauf trainierenden ö olympiastarter
    wäre dann die aufgabe des nächsten wissenschaftsministerssssss

  2. e.h schreibt:

    ein mahner aber leider wird das von den zuständigen Politiker ignoriert !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  3. frizzdog schreibt:

    das Töchterle ist ja ein eigenes kapitel. wie auch diese komische missgeburt eines „wissenschaftsmysteriums“.
    aber eine weltfremde diskussion mit real lebenden sportphilosophen (damit mein ich nur den Innauer) ist schon dreist. dass der sonst so bedachte Toni sich dafür hergibt, wundert mich schon sehr. oder war er gefesselt? oder sediert?
    eine gespenstische veranstaltung.
    und sowas musste ich versäumen!
    ewig schad.

    der besuch am IFS, wo es statt der „studienpläne“ nur mehr „STUNDENpläne“ gibt, muss allerdings ganz nach dem geschmack des „hochschul“reformators gelaufen sein:
    die haben in vorausspringender fürsorge bereits ganze arbeit geleistet dort.

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