Die Lektion des gordischen Knotens

Der FC Bayern dürfte die Ära des FC Barcelona beendet und gezeigt haben, dass Munterkeit und nicht Gerechtigkeit im Fußball siegt

Nach dem 0:4 im Hinspiel des Champions League-Halbfinales FC Bayern gegen Barcelona in München muss man wieder einmal einräumen, dass es im Fußball nicht um Gerechtigkeit geht. Sonst hätte Schiri Kassai den Bayern nicht drei irreguläre Tore anerkannt. Erst das von David Alaba vorgelegte und von Thomas Müller abgestaubte 4:0 der Bayern war ein regelkonformes Goal. Nach drei Regelverstößen und bayrischen Toren jedes Mal weit aufgerissenen Münhner Münder zu beobachten ist eine Art von Nervenkitzel, auf den viele Fußballergötzte gern verzichten würden.

Aber neue Zeitalter kündigen sich nicht selten mittels solcher schmerzhafter Verwerfungen im Gerechtigkeitshaushalt an. Dies alles wurde auch möglich, weil die Spieler Bayerns viel hungriger wirkten als die müden, phasenweise geradezu blasiert auftretenden Spanier. Messi, Piquet, Iniesta, Xavi haben viele Jahre fast grenzenloser Siegesserien und Titelsammlunge hinter sich, möglicherweise fehlt ihnen mittlerweile der unbedingte Wille, sich gegen einen noch so großen Widerstand durchzubeißen.

Dazu kommt, dass sie keinen Stürmer haben, der eine Chance hätte, eine Flanke mit dem Kopf oder einem anderen Körperteil zu erwischen. Das gilt auch für die Verteidigung, jeder über Nabelhöhe in den Barca-Strafraum fliegende Ball birgt tödliche Gefahr in sich. Wäre Barcelonas Truppe am Dienstag imstande gewesen, sich gegen die bayrischen Wildlinge zu wehren, es wäre wahrscheinlich gar nicht zu Dantes (1:0) und Müllers (3:0) Foul und auch nicht zu Gomez‘ Abseits vor dem 2:0 gekommen.

Die Absenz eines Plan B hinter dem Plan A des dominierenden Ballbesitzes und der Tore durch die Mitte wurde schon bei der spanischen Natioalmannschaft während der vergangenen EURO konstatiert. Dort ging es sich npch irgendwie aus. Im Semifinale wäre gegen die Portugiesen ja beinahe Endstation gewesen. Doch die Spanier gewannen das Elferschießen mit Glück, und im Finale (4:0) waren die Italiener keine gleichwertigen Gegner.

In der laufenden Champions League-Saison aber meldete sich Messi erstmals mit einer Verletzung ab, vielleicht auch ein Zeichen, dass er mittlerweile nicht mehr ganz frisch ist. Im Viertelfinale wäre Bara gegen Milan beinahe rausgeflogen, das 0:2 im ersten Spiel war ein Vorbote des Desasters gegen die Bayern. Nun scheint es endgültig soweit: Barcelona ist am Ende seiner Kräfte angelangt. Der Fußball hat sich dank dieser Mannschaft weiterentwickelt, aber am Ende einer Phase, in der das Kurzpasspiel zu einer noch nie dagewesenen Meisterschaft entwickelt wurde, steht die Erkenntnis, dass auch das brachial-physische Element – ein Mittelstürmer wie Gomez, Balotelli oder, noch viel besser, Ibrahimovic -, seine Berechtigung hat. Nicht jede Situation ist durch das fließende Passspiel zu lösen. Manche Knoten kann man nur durchhauen.

Auch wenn Bayern heuer kultivierter und vielseitiger auftritt als noch in der vergangenen Saison, im Vergleich zur Raffinesse einer in guter form spielenden Barcelona-Elf wirken die Münchner wie eine Versammlung von abenteuerlustigen Wirtshausraufbolden. Irgendwann wird auch ein Biomechaniker daherkommen und erklären können, wie Thomas Müller mit seinem wackligen Laufstil so schnell rennen, dabei einen Ball annehmen und führen oder gar ihn gezielt weiterleiten kann – womöglich in ein Ziel namens Tor.

Aber auch das ist im Prinzip ega. Falls die Bayern das Rückspiel im Camp Nou halbwegs so munter abspielen wie das Hinspiel zuhause und Barcelona nicht eine Riesenportion Muntermacher zu sich nimmt, wird Bayern im Finale spielen.

Die Gefahr, dass die Münchner in Lethargie verfallen, ist angesichts der Affaire um Uli Hoeneß ohnehin gering. Die groben Lackeln reagieren seit jeher besonders empfindlich und aufgeregt, wenn sie außerhalb ihres Schulterschlusskreises einen Feind ausmachen. Und derzeit haben sie einen ordentlichen Außenfeind an den Grenzen des Freistaates stehen, da Hoeneß mit seiner Steueraffaire bei vielen Leuten und der Behörde auf starken Unmut stößt. Das Adrenalin wird nicht zur Ruhe kommen, solange der präsidiale Spitzbub als bedroht angesehen wird. Denn, wie gesagt, Gerechtgkeit ist im Fußball keine Erkenntniskategorie.

 

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