Das Ende der Illusion

Die Bomben im Ziel des Boston Marathon haben die heile Welt des Sports in Frage gestellt, die Tragweite seiner Botschaft aber gestärkt

„Hams eh genug Sicherheitsvorkehrungen?“ Die Organisatoren des Marathons in Linz (21. April), des Österreichischen Frauenlaufs (26. Mai) mit mehr als 30.000 Teilnehmerinnen und jeder anderen Sportveranstaltung mit Massenzulauf bekommen derzeit dieselbe Frage von den Medien zu hören. Die Bostoner Bomben am Ziel des Marathons haben die heile Welt der Sportevents erschüttert. Offenbar bewegen sich in der menschlichen Gemeinschaft auch Individuen, die nicht an die friedensstiftende Macht solcher Veranstaltungen glauben. Vielleicht glauben sie aber doch daran und setzen gerade deshalb bestialische Mittel ein, um die Frohbotschaft für ihre Mitmenschen zu desavouieren.

Nicht zum ersten Mal gerät der öffentliche Spektakelsport in den Strudel der Gewalt, die auf anderen Schauplätzen wie Syrien und Afghanistan tragischer Alltag ist. Terror- und Todesmeldungen von dort gehen im Strom der Nachrichten beinahe unter. Wenn aber Sportereignisse – oder Schulen – betroffen sind, nimmt die Bestürzung angemessene Ausmaße an. Aber welches Maß ist angemessen?

Das Attentat während der olympischen Spiele 1972 in München bildet quasi das Präludium der Gewalt bei Sportevents. 1972 nahmen palästinensische Terroristen israelische Sportler als Geiseln, die Sache endete nicht zuletzt druch das nicht gerade geschickte Agieren der deutschen Polizisten in einem Blutbad. Auf die Spiele selbst, die in München unter dem Slogan „The Games must go on“ weitergeführt wurden, hatte die Sache zunächst keine so gravierenden Auswirkungen. Spätere Attentate sehr wohl.

Im Juli 1996 explodierte eine Bombe während der Olympischen Sommerspiele in Atlanta, mitten in der belebten Szenerie des Olympiaparks, ein Mensch wurde getötet, mehr als hundert wurden verletzt.

Angeblich erinnert die Machart der Bostoner Bomben an die in Atlanta verwendeten Sprengsätze. Derselbe Täter kann es nicht gewesen sein, denn der laut FBI für den Anschlag in Atlanta Verantwortliche wurde 2003 geschnappt und sitzt im Gefängnis. Die Spiele von Atlanta wurden trotz großer Skepsis und Nervosität fortgesetzt und zu einem friedlichen Ende geführt. Seither ist die Welt von und in den USA mit einer neuen Art von Krieg und Terrorismus bekannt gemacht worden.

1992 spielten die Mitglieder des US-Dreamteams auf den Ramblas von Barcelona mit den Fans und Kindern der Umgebung. Michael Jordan, Magic Johnson und Larry Bird gewannen das Olympische Basketballturnier im Spazierengehen und sie strahlten eine Freude aus, die in den hochgezazzten Events des 21. Jahrhunderts zu fehken scheint. Vielleicht haben 1996 die Sommerspiele mit dem Knall von Atlantas Bombe die Unschuld verloren. Der Sport liefert seine Botschaft der Fairness, Brüderlichkeit und Friedfertigkeit seither in einer von Securities kontrollierten Umwelt ab. Möglicherweise zerplatzte in Boston aber auch nur die Illusiion, der Sport bewahre Menschen vor der Gefahr und dem Schaden, den die Welt bereit hält.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch darüber streiten, ob es eine gute Idee wäre, den Formel 1 Grand Prix in Bahrain am kommenden Sonntag abzusagen. Dort herrscht ein menschenverachtendes Regime und Formel 1-Promoter Bernie Ecclestone ist ein rücksichtsloser. Einverstanden. Das Glück der Formel 1 aber ist, dass sie mehr ist als Ecclestones Gier und daher durch sie nicht ganz diskreditiert werden kann. Egal wo sie auftritt und wem sie sich ausliefert.

Vielleicht ist dieser Formel 1-Lauf und auch die entgegen allen Ängsten und Bedenken auszutragenden Marathons und Meisterschaftsspiele ja ein Hinweis. Der Sport kann zwar keine heile Welt, aber er vermittelt eine intakte und nicht so einfach zu zerbombende Hoffnung auf eine Welt jenseits der Grimmigkeit. Diesem Silberstreif nachzulaufen lohnt sich, selbst wenn damit Risiken verbunden snd. Und vielleicht gerade dann.

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