Das bayrische Märchen

Josep Guardiola ist der Test: Überlässt sich der FC Bayern der Kraft einer Idee oder hat seine Führerkamarilla Angst?

Die Bayern aus München mit dem großen Kopf und den vielen Titeln haben einen Katalanen verpflichtet. Ab dem Sommer wird Josep Guardiola die Mannschaft der bayrischen Separatisten trainieren. In Deutschland sehen sie Guardiolas Kontrakt als Auszeichnung für den Klub, die Liga, das Land. Die Bayern werden sich künftig seelisch und kickermäßig noch weiter vom deutschen Staat entfernen und stärker auf ihre Überlegenheit pochen als bisher. Dabei wäre der  bayrische Dünkel schon effizient genug. Der Freistaat lehnte es ab, im Zuge des Länderfinanzausgleiches weiterhin für ärmere Bundeskollegen zu zahlen. Wohlgemerkt waren die Bayern früher selber ein Nettokassierer im deutschen Binnenraum. Jetzt sind sie fett und tragen die Nase hoch.

Pep Guardiola ist zwar nicht als nationalistischer Eiferer bekannt, aber er coachte 2008 bis 2012 den CF Barcelona, der von sich selbst behauptet, er sei „mehr als ein Verein“. Zum Beispiel die Keinzelle eines Staates im Staate Spanien – Katalanien. Aus dieser Haltung zieht der CF Barcelona und die ihm treu ergebene Fanmasse Glauben und Kraft. Am CF Barcelona wird die feine Linie sichtbar, an der ein Fußballverein in einen nationalen Mythos übergeht. In Österreichs Geschichte besitzt dieses Transzendenzpotential nur das Wunderteam am Beginn der 30er Jahre und sein sagenumwobener Kapitän Matthias Sindelar. Kein Verein der heimischen Liga kommt der sinnstiftenden, in mehrfacher Hinsicht märchenhaften Wucht des Wunderteams nahe, auch nicht Rapid. Vielleicht ist das gar nicht schlecht, dass ein Fußballklub nicht zum Emotionsverdichter von separatistischen, klein-nationalistischen Bemühungen wird.

Die Bayern werden im Rest von Deutschland mit Ehrfurcht und Abscheu betrachtet. Im Vergleich zu Spanien verläuft der Fußball in Deutschland natürlich kühler, rationaler, geschäftsmäßiger. Guardiola hat sich München ausgesucht, weil der FC Bayern in Europa – vielleicht mit der Ausnahme der religiös konnotierten Glasgower Vereine Celtic und Rangers – dem polit-affektiven Aktivierungsgrad Barcelonas am nächsten kommt.

Er wird sich mit den deutschen Medien auseinandersetzen müssen. Schon erscheinen erste Artikel, die auf Guardiolas Doping-Sperre hinweisen, die er als aktiver Kicker in Italien absitzen musste. Journalisten wie Jens Weinreich und Daniel Drepper sind dabei, die beispielsweise das medizinische Personal betreffenden Parallelen zwischen dem spanischen Radsport und dem spanischen Fußball aufzuzeichnen.

Damit soll selbstverständlich niemandem eine schändliche Handlung oder gar ein entsprechender Gedanke nachgesagt werden. Aber der FC Bayern hat sich mit Guardiola die große, gefährliche Welt des Sports ins Nest geholt. In dieser Welt sitzen gefallene Radhelden bei einer US-TV-Talk-Masterin und weinen, wenn sie davon erzählen, wie sie dem 13jährigen Sohn gestanden haben, Papa sei ein Betrüger. Dieses melodramatische, globale Business kennt keine Gnade, nur Inszenierung. Lance Armstrong hat die Unterwerfung unter das Prinzip des Sports auf die Süitze getrieben und den moralischen Gusto des bürgerlichen Publikums beleidigt. Nach rechtlichen Kriterien ist er ein Betrüger, weil er sich mit unerlaubte Mitteln einen kommerziellen Vorteil verschaffte. Gleichzeitig ist er einer der Wenigen, die in der Parallelwelt des Spitzensports ehrlich gehandelt haben. Dort ist es nicht erlaubt, den Kollegen körperlich und seelisch fertig zu machen. Das ist dort die Vorschrift.

Guardiola ist der eleganteste und radikalste aller kontemporären Fußballtrainer. Wie der gestiefelte Kater ist er putzig anzusehen und von gnadenloser Konsequenz. Wir werden sehen, ob die bayerische Betulichkeit auf so ein brutales Märchen vorbereitet ist.

Die Personalentscheidung der Bayern ist jedenfalls in sportlicher Hinsicht längst überfällig gewesen. Der Verein kommt mit seiner Kapitalkraft allein nicht weiter, Mitbewerber wie Manchester United, Real Madrid Barcelona bleiben unerreichbar. Das hängt damit zusammen,dass die Bayern zwar kommerziell und titelmäßig erfolgreich sind, aber keine eigene Idee geschaffen haben. Das hängt wiederum mit der Geschäftsgebarung und den tragenden Personen Uli Hoeneß, Karlheinz Rummenigge und Franz Beckenbauer zusammen. Sie haben den Klub groß gemacht und auch immer wieder verhindert, dass ein Trainer ihm seinen gestaltenden Willen aufzwingen konnte.

Wie die Beispiele von Guardiola aber auch Jürgen Klopp in Dortmund zeigen, reicht Kapitalkraft jedoch längst nicht mehr. Geldspeicher haben in den Zeiten der Oligarchen und Scheichs viele Vereine zur Verfügung. Bei gleichen Finanzmitteln machen Ideen und Männer, die sie vermitteln können, den Unterschied. Man muss sie nur arbeiten lassen. Das taten die Machthaber der Bayern bis jetzt nie. Sie hatten wohl zu viel Angst, Einfluss zu verlieren.

Guardiola ist nun der ultimative Test: Könnenn Hoeneß und Konsorten ihre Mannschaft loslassen und sich einem Märchen überlassen?

 

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