Die Royals sind wieder da

Die Bezeichnung von König und Queen für Skisportler zeugt von der bemerkenswerten Sehnsucht nach der guten alten Zeit des Feudalismus

König Hirscher ist unlängst gestürzt. Was für ein Pech. Sein Glück war, dass er nicht vom Thron, sondern bloß auf den Hintern fiel. Selbst Königen, und kommen sie auch in bunten Elastikhosen und dicken Helmen daher, ist nichts Menschliches fremd. Der andere König dieser Tage, der König der Lüfte und Schanzen, der Regent der Vierschanzentourne und Adler in Menschengestalt, Gregor Schlierenzauer, hat sich ganz unroyal eine Grippe eingefangen. Sein Hofstaat ist entsprechend bedrückt und fällt vom Himmel wie ein Gummiadler.

Der weiße Feudalismus behandelt die Geschlechter gleich, wirkt also emanzipierend. Österreichs Speed-Queen Renate Götschl ist zwar seit ein paar Jahren in Regentschaftsrente, aber sie wurde durch die Slalom-Queen Marlies Schild als Repräsentantin der besseren Österreicherinnen ersetzt. Leider ist sie verletzt und die Speed-Queen der vergangenen WM in Garmisch, Elisabeth Görgl, kämpft mit den Beschwernissen, die so ein Adelsprädikat nun einmal mit sich bringt. Bis zum Beginn der Krönungsmesse in Schladming wird sie sich ihres Standes hoffentlich wieder würdig erweisen.

Andernfalls droht die Degradierung zu einer sterblichen Skifahrerin. Das ist das Worst Case Szenario des Skiverbandes. Der Skirennsport ist schließlich dazu da, die Österreicher in der kalten Jahreszeit warm zu halten. Und das geht in diesem Land immer noch am besten mit Königsmärchen wie in der guten alten Zeit. Quentin Tarantino erzählt in seinem neuesten Film mit geschmackvoll fotografierten Szenen fantasievoll vollzogener Gewalt eine Rachegeschichte gegen die Sklaverei. Niemand verwechselt das mit historischer Gerechtigkeit, außer ein paar Eiferer. Das ist Genre-Kino. Der Skisport ist das Genre-Kino der Österreicher.

Und die Ski-WM in Schladming ist Oscar-Verleihung und Krönungszeremonie, eingepackt in einen runden, durchsubventionierten Event. Wenn Journalisten für Aufsteiger und Meritokraten wie Hirscher, Schild und die aktuelle Speed-Queen Lindsay Vonn Titel aus der Zeit des Gottesgnadentums bereithalten, zeugt eben nicht von Formulierungsflachheit oder Fantasiearmut. Es zeugt von der tiefen Sehnsucht nach Ordnung.

Die Tageszeitung „Kurier“ beispielsweise hält sich viel auf ihre Qualität und ihren aufklärerischen Ansatz zugute. Sie sorgt auf dem Boulevard der Schlagzeilen für Ordnung. Am Sonntag veröffentlichte sie ein Doppel-Porträt über den „Köing der Lüfte“, Gregor Schlierenzauer, und den „König der Piste“, Marcel Hirscher. Inklusive gegenseitigem Kotau. Diesselbe Qualitätshaltung und journalistische Sorgfalt kommt voll zum Tragen, wenn der Kurier den „Landesfürsten“ der „Landesfürsten“, den primus inter pares der populären Politiker, Erwin Pröll von Niederösterreich, interviewt.

Die adelstriefende Titelage ist ein Geständnis. Prominenz wird mit besonderen Verdiensten gleichgesetzt. Das ist Boulevard. Und wenn jemand tatsächlich sein Metier besser als andere beherrscht wie Hirscher oder Schlierenzauer, muss diese Diskrepanz zur bloßen Prominenz  auch benannt werden. Die „Könige“ und „Queens“ stellen daher auch eine Rache der Medien an der Geschichte dar. Wie in Tarantinos filmischen Gewaltorgien eine symbolische Gerechtigkeit aus den Strömen von Blut steigt, so stellen die Feudalherrscherinnen der Piste die historische Ungleichheit richtig: wir sind ein Volk von Skifahrern und wählen unsere Könige selber. Nach streng objektiven Kriterien. Schließlich ist das eine moderne, aufgeklärte Demokratie.

Am Montag siegte König Hirscher wieder, Gott sei Dank. Die Woche kann ablaufen.

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