Die Meinung „To Go“

Das Vorurteil hat sich auch 2012 wieder einmal als ein taugliches Insrument des heimischen Journalismus erwiesen

Das war ein gutes Jahr. 2012 hat sich endlich ein Mann zu einer politischen Karriere aufgerafft, der HC Strache argumentativ das Wasser reichen kann. Extrapoliert man Frank Stronachs Methoden und Wirkung im Fußball, so besteht begründete Hoffnun, dass sich durch seine Tätigkeit auch im politischen System Österreichs nichts verändern wird. Er wird den Schwaflern vom rechten Rand ein paar Hunderttausend Angefressene bei der Nationalratswahl abspenstig machen. Wenigstens dieses eine Mal. Ob er in fünf Jahren mit seinem Team noch einmal antreten wird, ist mindestens so unsicher wie die Aussicht, dass ein österreichischer Verein die Gruppenphase der Champions League übersteht.

Abgesehen von der vorteilhaften Wirkung Stronachs, den Biertischen ein neues Ziel bei ihrem Postenlauf der Schuldzuweisungen zu geben und damit ihre Wirkung am Wahltag zu schwächen, werden Stronachs Meinungen als anachronistische Rülpser in die Geschichte eingehen. All das, was er vorgibt zu wollen, lässt sich mit der Zerschlagung Europas in nationalistische, dünkelhafte Kleinstaaten nicht erreichen. Die Zeitschrift „Economist“ hat (Ausgabe 22. Dezember) an einem Beispiel aus dem 17. Jahrhundert gezeigt, wohin solche Egoismen führen. Auch wenn historische Ereignisse nicht als Schablonen für künftige Entwicklungen gelten können, darf die Frage gestellt werden, ob die Ressentiments gegen die eigenen korrupten (Ex-)Politiker dazu führen können, das EU-Projekt zu behindern.

Interessant ist es schon, dass in angeblichen Qualitätszeitungen wie dem Standard Schreiber wie Hans Rauscher die Ressentiments gegen angeblich ausgebrannte Politiker bedienen, statt, wie sie das immer behaupten, zu informieren und zu differenzieren. Das dürfte damit zusammenhängen, dass Teile des heimischen Journalismus stärker daran interessiert sind, die Vorurteile gegen das politische Personal zu pflegen, als ihrer Aufgabe der Information und Diskurspflege nachzukommen. Beschimpfungen von Leuten, die zur Beschimpfung frei gegeben wurden, lassen sich eben leichter verkaufen als Nachrichten und Analysen. Es ist ziemlich wurscht, ob es sich bei den reflexhaft Gescholtenen um Politiker aus Wien oder Brüssel oder um Außenseiter wie Roma und Asylanten handelt.

Hauptsache draufhauen. Der heimische Fußball hat sich vom internationalen Wettbewerb weitgehend abgekoppelt. Er führt ein von Subventionen abgesichertes Leben, wird von den Medien gestreichelt und gleichzeitig als unfähig hingestellt. Exakt dieselben Mechanismen greifen im politisch-wirtschaftlichen Nachrichtenbusiness. Die „Schere“ zwischen Realität (zugegeben, es ist nicht ganz klar, was das sein soll) und der Medienrealität (leider ist zu oft eindeutig, was das sein soll) geht immer weiter auf. Und wenn die Dinge da draußen vor der Redaktionstür nicht so laufen, wie sie nach Meinung der Zeitung sein sollten, lässt sich der Kurier von NÖ-Pröll auf eine „To Go“-Meinung einladen und die Welt ist wieder in Ordnung.

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Eine Antwort zu Die Meinung „To Go“

  1. frizzdog schreibt:

    eine „neuauflage“ dieses artikels ist fällig!
    änderungen nicht nötig,
    schon aber eine „erweiterung“ um die neuen aspekte :-))

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