Das Land des Achselzuckens

Was Frank Stronach, das ÖOC und die Paralympics gemeinsam haben und wie die Sommerspiele mit dem Schulsport zusammenhängen

Das Verschwinden des politischen Gestaltungswillens lässt sich an diversen öffentlichen Phänomenen beobachten. Der ehemalige Präsident der Fußball-Bundesliga, Frank Stronach, will tatsächlich eine politische Partei gründen und an der Nationalratswahl 2012 teilnehmen. Manche Mitmenschen halten Stronach, nach dessen Amtszeit die Bundesliga längere Zeit mit dem Aufräumen der Trümmer beschäftigt war, für einen Politiker. Er hätte auch bei der Wiener Austria und bei Wr. Neustadt zeigen können, dass er was weiterbringt, aber diese Engagements gingen ebenfalls schief. Der Fußball und der Sport im Allgemeinen sind gesellschaftliche Sektoren von vergleichsweise überschaubarer Komplexität. Wenn als Konsequenz aus dem blamablen Abschneiden des ÖOC bei den Sommerspielen von London nun Sport- und andere Politiker bloß mit den Achseln zucken, deutet das auf ein alarmierendes Tief an Verantwortungsgefühl hin. So ist Bildungsministerin Claudia Schmied keine Erzieherin, sondern bloß Unterrichtsmanagerin. Ihre Reaktion auf die Kritik an den mangelhaften Bewegungseinheiten in der Schule lieferte den letzten Beweis. Was denn die sommerspiele mit der täglichen Turnstunde zu tun habe, fragte sie. Als habe irgendwer irgendwann angenommen, Olympiateilnehmer würden in einem Klassenzimmer ausgebildet.

Statt die Verantwortung für Körper und Geist der Kinder ernst zu nehmen, sagt sie: geht mich doch nichts an. Sportlehrer und viele ehrenamtliche Funktionäre stemmen sich zum Glück noch gegen den körperlichen Verfall der Jugend, aber sie werden von Regierenden und Verbänden im Stich gelassen.

Die Hilflosigkeit der Olympiasportler ist ein Symptom für ein systemisches Desinteresse, die sich von der ÖOC-Spitze über die Dach- und Fachverbände bis zur Regierungsbank zieht. Vor einem Jahr organisierte  die ÖVP in ihrem Parlamentsklub eine Enquete über die mangelnde Bewegung und galoppierende Verfettung der Kinder. Man wollte die tägliche Turnstunde in den politischen Forderungskatalog aufnehmen. Geschehen ist genau gar nichts.

Wenn jetzt ÖOC-Präsident Karl Stoss die Spitzensportförderung in die eigene Hand nehmen will, dann hätte das im herrschenden System sogar eine gewisse Logik: Mach den Bock zum Gärtner. Der Mann, Stoss nämlich, der nicht zuletzt aus mangelnder Kenntnis der Materie die ÖOC-Limits abgeschafft und viele Olympia-Touristen mitgenommen hat, will selber Geld verteilen.

In einer hechelnden Medienöffentlichkeit, die aus Anbiederung und Auflagengeilheit Mitläufer zu Medaillenkandidaten hochstilisiert, wird das Thema bald wieder verschwinden. Die Körper, Seele und  Geist umfassende Erziehung der Kinder oder die undurchsuchtigen Machtkämpfe um die Spitzensportförderung geben keine Schlagzeilen her. Die Paralympics stoßen in die Aufmerksamkeitslücke. Sie werden aus London Medaillen nach Hause bringen, Anlass zu Jubelmeldungen geben und den primären Hunger der Medien befriedigen.

Behinderte Sportler dienen aber auch als lebende Beispiele dafür, dass Erfolge nicht nur Geld und Ruhm bringen, sondern das Resultat einer existentiellen und nicht bloß sportlichen Anstrengung sind. Sie erlauben einen Blick durch die trügerische Oberfläche des Olympischen Spitzensports auf die Werte und Wachstumsreize, die eine disziplinierte, hingebungsvolle, strebsame und geplante sportliche Tätigkeit einem Menschen bietet. So ungefähr alles, was Claudia Schmied für Kinder nicht wichtig genug scheint, um sich dafür einzusetzen. Die Paralympics als die zweiten Sommerspiele von London bieten eine Chance, dass in Österreich Menschen, die zum Thema schon etwas gesagt haben, auch anfangen zu denken.

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Eine Antwort zu Das Land des Achselzuckens

  1. Ursula Gotthardt schreibt:

    Es ist auch unzumutbar, dass Mädchen und Buben gemeinsam unterrichtet werden müssen. Allein schon von den körperlichen Voraussetzungen sind Mädchen und Buben anders geschaffen. Oder haben Sie schon einmal einen Jungen auf dem Schwebebalken turnen gesehen, oder ein Mädchen auf dem Barren? Haben Sie einen Burschen tänzerische Gymnastik oder Gymnastik mit dem Band vorführen sehen? Diese Beispiele könnte man jetzt lange fortsetzen.

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