Das Euro-Paradoxon

Die Griechen wurden 2004, in einer Zeit der Zuversicht, dank eines destruktiven Spielstils Europameister. Jetzt herrscht Krise und die Griechen stehen wieder vor den Toren Europas.

Wir haben eine wunderbare Europameisterschaft vor uns, dachte ich. Naiv weise ich darauf hin, dass Männer wie Bastian Schweinsteiger, Cristiano Ronaldo und Franck Ribery ihre letzte Chance wittern. Der deutsche Teamchef Jogi Löw muss nach Jahren des vorauseilenden Lobes endlich einen Titel gewinnen. Und Spaniens goldene Generation um Iker Casillas, Xavi Hernándes, Andrés Iniesta, Gerard Piqué und Fernando Torres kann um den WM-Titel 2010 die Euro-Semmel 2008 und 2012 zuklappen. Das hat noch keiner gebacken gekriegt.

Und die Holländer müssen beweisen, nicht bloß Blender zu sein, selbst wenn sie Arjen Robben mitschleppen. Aber ich wollte sicher gehen.

Ich frug Fred.

Er schaut er mich an, als hätte ich seinen Tee ausgetrunken. Das wird eine grausame EM, sagt er. Schau dich um. Europa ist in der Rezession, die Rollbalken gehen herunter. Der Fußball spiegelt die Krise. Die Italiener verzocken ihre Spielkultur. Das englische Team schwächelt vor an,  der multikulturellen Premiere League. Die Franzosen suchen sich seit Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi im Finale der WM 2006 selbst. Trainer Laurent Blanc, Libero der Welt- und Europameister-Mannschaft (1998, 2000), soll den großen Geist wieder beleben. Die Deutschen sind verliebt in ihre neue Kreativität und ignorieren die Achillesferse: die Verteidigung. Und die Spanier tun so, als ginge sie das alles nichts an, denn sie haben den Ball.

Doch die Kreativen und Favoriten müssen auf der Hut sein. Chelsea, eine Mannschaft wie ein Reißwolf, hat die Champions League verschlungen.

Hat uns die Euro nicht schon einmal so eine Geschichte erzählt, fragt Fred rhetorisch. Vor acht Jahren bei der Euro 2004 hat der Bürokratiefußball der Griechen nicht in die beste EM aller Zeiten gepasst. Aber er hat Europa eine neue Ära prophezeiht. Unter der Führung des Deutschen Otto Rehhagel haben die Griechen sich dem Spiel verweigert und den Titel erschwindelt. Jetzt ist der griechische Fußball quasi politisches Programm.

Der Fußball sei doch keine politische Pythia, wende ich ein. Selbst im knochentrockenen Deutschland wuchs eine kreative Nationalmannschaft heran. In Dortmund spielen sie richtig schönen Fußball, von Sami Khedira und Mesut Özil (beide Real Madrid) ganz zu schweigen.Fred insistiert. Wenn die Gesellschaft den Fußball befragt, erhält sie wichtige, allerdings verschlüsselte, Botschaften über sich selbst. Man müsse halt vorurteilsfrei hinsehen, sagt er.

Wie zum Beispiel, frage ich?

Europa befinde sich in der Absetzbewegung von der partizipativen Demokratie in die Obrigkeitsgesellschaft, setzt Fred nach. Und da besiegt das Fürstentum Chelsea den Vertreter des liberalen Kapitalismus, Bayern München, und die Künstlerkommune Barcelona.

Na ja, wende ich ein, Roman Abramowitsch, Neo-Feudalismus auf Russisch und der totale Verlust des Respekts vor dem Spiel. Es zählt nur mehr der Erfolg, der Profit, egal, wie er zustande gekommen ist. Aber ist das ein Zeichen oder bloß Pech?

Es ist betrüblich, sagt Fred, und macht mich auf die Euro neugierig. Und zwar auf die Deutungsmacht eines Turniers von 16 mal 11 weltfremden, hochspezialisierten Millionären.

Ich denke, ich habe Fred verstanden. Als Gegenentwurf zur Krise werden die Deutschen oder die Spanier Europameister. Es kann nicht anders sein,

Fred schüttelt voll böser Ahnung den Kopf. Europas Elite ist zerstritten, manche lieben das offene Spiel, andere verachten es.

Daher wäre es das beste, die Spanier gewinnen, sage ich, eventuell die Deutschen. Alles andere wäre paradox.

Nein, sagt Fred, und er klingt entschlossen. Die Griechen, das wäre paradox. Ich bin gespannt, wie sie diesmal heißen und den Schwindel anlegen werden.

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