Das Budapester Vorbild

Die Sportfreundschaft Österreich-Ungarn und ein historisches Denkdefizit

Eishockey könnten sie nicht so gut, das sagen sie selber, die Ungarn. So war es vielleicht kein Zufall, dass die Ausstellung über die Sportfreundschaft an der Donau am Tag eröffnet wurde, als Österreich Eishockey-Team die Ungarn 7:2 betonierte und damit den Aufstieg in die WM-A-Gruppe sicherte. Der Direktor des ungarischen Sportmuseums, Lajos Szabo, hatte im Collegium Hungaricum Hollandstraße 4, 2010) eine kleine Schau durch die vergangenen rund 200 Jahre zusammengestellt, die all die wechselnden politischen Verhältnisse und Verbindungen, auf einer Zeitspur vom Habsburgerreich über die Folgen des Zweiten Weltkrieges und den Kommunismus bis zur Öffnung des Ostens, darstellt. Die Fußball-Nationalmannschaften beider Völker bestritten am 12. Oktober 1902 das jeweils erste offizielle Ländermatch gegeneinander, kein Wunder also, rund um den Schwerpunkt Fußball eine Galerie an Sporthelden, sentimentalen Schlachten und Heimstätten der Selbstvergewisserung ausgebreitet wird.

Marton Mehes, als Direktor des Collegium Hungaricum der Gastgeber, verwies auf die wichtige Rolle des ungarischen Sportmuseums zur Bewahrung der Sportgeschichte und ihrer Fetische. Er konnte wohl nicht wissen, dass genau diese Disziplin der kritischen Durchleuchtung von Vergangenheit und Zukunft auf Österreichs Universitäten, wo es sie in Ansätzen gab, ausgehungert wurde und wird. Im heimischen Sportsystem zwischen Bundessport-Organisation, institutionellen und behördlichen Geldgebern und Förderern und dem Sportministerium traf die Bestandsaufnahme von Vergangenheit und Gegenwart ohnehin nie auf Bereitschaft, dafür Zeit, Aufmerksamkeit oder gar Geld aufzuwenden.

Die „Sportfreunde an der Donau“ (bis 21. September) bietet daher nicht nur einen Bilderbogen, der von den ersten, noch im Kavalierskostüm unternommenden Anfänge sportlicher Betätigung über Heroen wie Ferenc Puskas und seinen Widerpart Ernst Happel (Gegner während der Wm 1954!), den legendären Tibor Nyilasi und seinen Austria-Haberer Herbert Prohaska und die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Emese Hunyady bis herauf in unsere Tage (Sturms Stürmer Imre Szabics, Wandergoalie Szabolcs Safar) reicht. Er bildet gleichzeitig, wenn auch unfreiwillig, ein systemisches Defizit im demokratischen Gefüge des heimischen Sports ab.

Zwar steht in Budapest ein Sportmuseum, die Beschäftigung mit der kommunistischen (Sport-)Vergangenheit unterliegt freilich nach wie vor einem Tabu. Witzigerweise teilen Staaten des ehemaligen Ostblocks das Desinteresse an der Hebung und Bearbeitung der eigenen Vergangenheit. Der Wiener Sporthistoriker Rudolf Müllner von der Universität Wien erzählte in seinem Eröffnungsvortrag vom einschlägigen Forschungsstand: Null Publikationen. Die Nachbarstaaten Tschechien, Slowakei, Polen und Ungarn erlauben zwar seit zwanzig Jahren in geographischer Hinsicht freien Zugang zueinander, verweigern jedoch den Gedankenverkehr in einem zentralen Sektor des kulturellen und Alltagslebens.Wie aber kann die nachbarliche Zukunft gestaltet werden, wenn die gemeinsame Vergangenheit ausgeblendet wird? Vielleicht löst sich die Denkblockade, so hofft Müllner, wenn die noch an verantwortlichen Stellen sitzenden Funktionärs- und Denkerkader in den kommenden 20 Jahren abtreten und einer neugierigen, nachgeborenen Forschergeneration Platz machen. Im Visegrad Fund wird der Beitrag des Sports zum Aufbau einer modernen Gesellschaft in Zentraleuropa schön langsam ein Thema. Auf der Prager Karlsuniversität und der Budapester Semmelweis Universität beginnen sie sich die Rolle des Sports als Leistungsnachweis der kommunistischen Gesellschaft anzuschauen. Müllner: „Es geht nicht nur um den mediatisierten Spitzensport. Es geht auch um jene Menschen, die auf den Semmering kommen um Freude am Skilaufen zu finden. Oder um die Personen, die die ungarischen Seen und Heilbäder frequentieren um gesund zu bleiben oder wieder gesünder zu werden, oder einfach Spaß am Sport an ihrem Sport am Breitensport an ihrem Körper, am Sport mit Gleichgesinnten, mit Freunden zu haben.“

Viel Zeit hat Österreichs Sport- und Wissenschaftsszene nicht mehr, sich des Themas anzunehmen. Sonst werden Tschechen, Slowaken, Polen und Ungarn eines Tages die Österreicher fragen, wie sie sich das mit der spezifischen europäischen sport- und Bewegungskultur vorstellen. Aber die Österreicher werden bloß mit den Schultern zucken, und wortlos auf heroische Skifahrer im Raiffeisen-Helm, bemitleidenswerte Kicker im tipp3-Spot und auf Schulkinder zeigen, die mit Zucker- und Energy-Drinks dicker, patscherter und fauler werden.

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