Einsam und verloren im besten Handynetz Österreichs

Der „reine 3G-Netzbetreiber Hutchinson“ hat mittlerweile den Konkurrenten Orange gekauft: Sie haben mich eingekreist…

Es ist schön, beim Sieger zu telefonieren. Mein Netzbetreiber „3“ hat den einschlägigen Test der Zeitschrift „Connect“ als bester Versorger gewonnen. „Der unter dem Markennamen „3“ bekannte „reine 3G-Netzbetreiber Hutchinson“ brachte „sagenhafte 99,5 Prozent der Gespräche vom Rufaufbau bis zur Beendigung sauber“ durch, steht in „Connect“.

Seit ich den Bericht gelesen habe, bin ich mir fast sicher, dass die fehlenden 0,5 Prozent zu einem Großteil im 9. Wiener Bezirk verloren gehen. Und zwar in meinem Arbeitszimmer. Das ist ein Einzelschicksal und tut dem Netzgewebe natürlich keinen Abbruch.

Das Einzelschicksal begann mit abruptem Verlust von Verbindung. Auf meinen Hinweis darauf stellten die „3“-Techniker fest, mein Handy wähle sich nicht ordnungsgemäß in das Netz ein. Also in den Shop, neuer Chip. Die Ausfallsquote änderte sich nicht.Ich suchte wieder Rat bei „3“-Experten und erhielt die Anweisung, den genauen Zeitpunkt und die Partnernummer von abgebrochenen Telefonaten zu notieren und zu melden.

Gesagt, getan. Die beruhigende Auskunft lautete, dass mit dem Netz alles bestens sei. Bloß meine Gesprächspartner sollten nicht einfach Gespräche mit mir beenden. Nach einer kurzen Phase der Unsicherheit – bin ich ein unmöglicher Gesprächspartner oder häkeln mich die von „3“? – dämmerte mir die Wahrheit: Klar legen die anderen auf, wenn sie von mir kein Wort mehr hören.

Ich ließ mir wieder einen neuen Chip einbauen. Ergebnis: stockende Verbindung zur Umwelt. Standortwechsel während eines Telefonats gewöhnte ich mir ab, Beschwerden meiner Gesprächspartner über meine undeutliche Artikulation nehme ich mit Gleichmut entgegen. (Woher „3“ die Fantasie nimmt, Datendownloads würden wie auf dem Laptop mit 3,6 Mbit/sec laufen, wäre eine eigene Untersuchung wert!).

Nur aus der Vorstellung, wie es mir bei Orange ergangen wäre, schöpfte ich die Kraft für neue Anrufe. Schließlich hatte ich vor drei Jahren wegen des orangen Versorgungslochs in meinem Arbeitszimmer zu „3“ gewechselt.

Mein Nokia-Handy X3, dessen Software einem mittelschweren Schachproblem gleicht und das von einem Akku mit der Ausdauer eines Bundesligakickers betrieben wird, verlor unverdrossen den Anschluss an das Siegernetz. In den Connect-Phasen waren Telefongespräche möglich. Unbewegtes, mit der Hand nicht abgedecktes Handy vorausgesetzt.

Vielleicht war das Handy das Problem? Einem Hilferuf folgend vereinbarte der 3G-Netzbetreiber Hutchinson für mich einen Termin im „3-Shop“. Ich gab das Nokia X3 ab und erhielt ein Nokia-Teil von vierfachem Gewicht, mit ausklappbarer Tastatur, dem Telefonverzeichnis und dem SMS-Verkehr eines „3“-Leidensgenossen.

Einige Wochen später erhielt ich mein X3 zurück. Bauteile waren ersetzt und die Software upgedatet worden. Angerufene verstehen mich nach wie zuvor im Glücksfall schlecht, im Pechfall nicht. Mittlerweile hat „3“ den Konkurrenten Orange gekauft. Sie haben mich eingekreist.

Wenn ich beim Siegernetz bleiben, meine Arbeit und meine Telefonkontakte behalten will, muss ich handeln. Noch schwanke ich zwischen Festnetz-Revival und Netzbetreiberwechsel. Die Beendigung meiner Beziehung und ein Single-Haushalt unter einem Sendemasten wären wahrscheinlich die Lösung mit den kürzesten Diskussionen, dem geringsten bürokratischen Aufwand und den kleinsten seelischen Narben.

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