Zu Gast bei Toni von der Vogelweide

Der Wiener Oberliga-Verein Wiener Viktoria stellt sein Haus über den Winter der VinziRast als Nachtasyl für Obdachlose zur Verfügung

Halb sieben in der Früh an einem Wintertag 2011. Nebel liegt über dem Viktoria-Platz im zwölften Wiener Hieb, von der Tür des Klubhauses ist kaum die andere Längsseite des Spielfeldes zu sehen. In einer halben Stunde müssen wir draußen sein. Die drei Kabinen, in denen zwölf Obdachlose geschlafen haben, werden von Laszlo geputzt werden. Dann schläft die Wiener Viktoria den Tag über, bis so gegen halb Zehn am Abend wieder eine Zwölferbrigade mit einem Betreuer der VinziRast einreitet.

Ich gehe zurück ins Haus, vorbei am Plakat vom Toni Polster in Denkerpose und weißer Schale. Ein Werbeposter für den Sänger Toni. Er stützt mit der rechten Hand den schief gelegten Kopf, als würde er ihm sonst hinunter plumpsen. Toni ist seit dem Sommer hier Trainer, die Viktoria ist Tabellenführer. Roman Gregory, Sänger der Krawall-Rockband Alk-Bottle und Vereinspräsident, ist begeistert, alle sind begeistert. Schließlich mischen in der Oberliga (5. Ebene), das ist ein Stockwerk unterhalb der Wiener Liga, Größen wie Helfort (2.), Rennweger SV (7.) und Wiener feld (11.) mit.

Josef und ich klappen die Notbetten zusammen und verstauen sie im Heizraum. Die Gäste aus der Kabine 1 sind längst weg, sie fangen um sechs Uhr an zu arbeiten. Die Matratzen haben sie aufgestellt und an die Mauer geschlichtet, so kann Laszlo kehren. Die Männer in der 2er und 3er Kabine putzen Zähne und ziehen sich an. Eine angenehme Gruppe. Keine Unruhe, kein Gemurre, keine Proteste.

Am Abend zuvor herrschte in der VinziRast in der Wilhelmstraße Hochbetrieb. Die Notschlafstelle ist völlig ausgebucht, drei Obdachlose stehen auf der Warteliste. Alle Aufnahmestellen in Wien sind bummvoll. Alle Viertelstrunde bittet ein Herbergsucher um ein Bett herein und die einzige Antwort, die wir ihm auf die Frage, wo er schlafen soll, geben können, ist: „Auf der Straße.“ Noch ist der Winter vergleichsweise milde, aber 12 Stunden im Park, im Parkhaus, im Keller, Hauseingang oder in Bewegung muss erst einmal einer durchdrücken. Alle zwölf Stunden wieder. Unter Tags findet sich für (fast) jeden ein Unterschlupf und eine Suppe.

Seit rund sechs Jahren mache ich Nachtdienst in der VinziRast. Am Tag der offenen Tür 2005 im Herbst 2005 moderierten Stermann & Grissemann. Sie wollten Cecily Corti, die Leiterin . der VinziRast Kennenlernen. Mman weiss ja nie, wie es einem dereinst ergehen wird.

Nachtdienste in der VinziRast werden von Freiwilligen geleistet. Wir kommen um sechs am Abend, checken Schlafsaal und Dienstbuch, holen Essensgaben von barmherzigen Seelen. Seit der Renovierung 2008 ist das ein professioneller Dienstleisungsbetrieb. Wolfgang, ein hünen- und schreckhafter Tiroler, der vor dem Umbau meistens kochte, ist jetzt eine Art Küchennachschubmanager. Die Aufenthaltsdauer ist limitiert, aber einige Gäste haben hier praktisch Wohnrecht, sie können sonst nirgends hin. Lachi (alle Namen geändert) mit seinem Hund. Einmal, als ich ihn gegen einen ungerechten Vorwurf mit den Worten verteidigte: „Ich kenn doch meinen Freund!“ wies er meine Anmaßung trocken zurück: „Glaub ma, I bin net die Freind!“

Fuchsi mit den offenen Wunden an den Beinen ist lang tot. Er war der witzigste Mensch, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, gegen ihn ist Roland Düringer ein trauriges Stummerl.

Wer auf der Straße lebt, sehnst sich nach Ruhe, aber die Anspannung kannst du nicht abdrehen wie Licht. Dar Alkohol macht viele ruhig, manche unruhig. Oft versicherten Alkis und Junkies einander ihr Unverständnis für die Schwäche des Anderen. Frauen sind in der Minderheit, kaum eine kommt allein. Auf der Straße flüchten die meisten in den Schutz eines Mannes, wenn der garstig wird, dann kennnen sie ihn wenigstens. Viele bleiben ein paar Wochen und sind wieder verschwunden. Manchmal dringen Nachrichten durch: Gefängnis. Gestorben. Wenige schreiben, dass sie es zurück in eine Beziehung, Wohnung oder Arbeit geschafft haben.

Seit zwei, drei Jahren suchen immer mehr Nicht-Österreicher in Wien ein paar Euro fürs nackte Überleben oder die Familie zuhause zusammen zu kratzen. Ändert sich Elend mit dem Ort der Geburt und der Zugehörigkeit zur abstrakten Gemeinschaft „Nation“? Natürlich spielt der Pass auf der Straße und in den Diskussionen in der Notschlafstelle eine Rolle. Die Einen „haben alles und dürfen sich alles erlauben“. Die Anderen „sind Ausländerhasser und gönnen keinem Fremden Brot oder Bett“.

Ich war lang nicht in der VinziRast. Ein Teller Hühnergeschnetzeltes, ein paar Sätze mit Bekannten, die ich noch von meinen letzten Diensten vor einem dreiviertel Jahr kenne. Die Fluktuation ist hoch, der Verschleiß auf der Straße lebensbedrohlich. Die Toleranz gegenüber dem Alkohol, der binnen zwei, drei Jahren die Härtesten zu Wracks macht, wirkt im Vergleich zur Hysterie gegen Nikotin krank.

Ein riesiger Pole meldet sich sanft für die Nacht im Vereinshaus, der Dependance der VinziRast, an. Landsleute von ihm, ein Mexikaner, ein Pakistani, Ungarn. Eine bunte Gruppe. Josef, HTL-Professor für Elektronik und Chef heute Nacht, öffnet das Gittertor zum Fußballplatz, ich nehme den Gästen die grünen Anmeldescheine ab. Zwölf dürfen auf Toni Polsters Baustelle übernachten. Derzeit haben die Kicker Urlaub, das Haus gehört vorübergehend der VinziRast. Der Suchtexperte Otto Lesch war Präsident der Viktoria, er lernte die VinziRast kennen, als Cecily Corti ein Projekt einrichtete, in dem Ex-Alkoholiker in einer Gemeinschaft und mit Begleitung von Experten ein abstinentes Leben führen können. Zum Angebot, das Klubhaus im Winter als Ausweichquartier für die überlaufene VinziRast anzubieten, war es nur mehr ein kleiner Schritt.

Am Eingang zum Vereinshaus pickt ein Zettel, der Kindern, „Viki-Talenten“, die Freuden des Fußballs  ausmalt. Im Gang hängen 12 Grundregeln für einen erfolgreichen jungen Sportlern. Von der Gemeinschaft und der Tugend, immer sein Bestes zu geben, liest man da. Und von der Notwendigkeit, nie aufzugeben. Laszlo schenkt mir eine Tschick, ich rauch sie vor der Türe. Die Gäste liegen schon, der Platz bibbert sich in die Nacht hinein, die Heurigenbänke drängen sich vor dem geschlossenen Rollbalken der Kantine zusammen als suchten sie Wärme. Josef steigt in der Freizeit auf Berge und würde nie eine rauchen. Im Jänner werden der singende Betreuer und seine Feierabendkicker wieder anzahn, die Gäste können erst ab zehn in die Kabinen. Sobald die Meisterschaft angeht, sperrt der Klub sein Nachtasyl zu und die Kantine auf.

Ein letzter Blick in die Kabinen. Alles leer, alle weg, alles in Ordnung. Josef und ich traben in die VinziRast, der Nebel beißt in die Gelenke. In der VinziRast hatten sie eine ruhige Nacht. Ein schneller Kaffee , ein Kipferl. Schöner Tag. Einige gehen nach Hause oder zur Arbeit, andere in die Kälte hinaus.

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