Schöne neue Kinderwelt

An der Idee der Olympischen (Winter)Jugendspiele wird der Unterschied von gut gemeint und gut deutlich. Kinder lernen den Fetisch des Sieges schätzen, Österreich investiert in das Bildungsziel 23 Millionen €

Nicht einmal Peter Schröcksnadel, der Präsident des Skiverbandes, konnte sich von seinen Vorbehalten gegen die Olympischen Jugendwinterspiele lösen. In einem Interview in der Tiroler Tageszeitung rang er sich vor wenigen Tagen eine halbherzige Nicht-Kritik der IOC-Veranstaltung (13. – 22. Jänner) in Tirol ab. Immerhn nutzen die Kinder-Olympia-Sportler Schröcksnadels Skiberg Patscherkofel und Berg-Isel-Stadion. Grundsätzlich findet er solche Events, bei denen Kinder unter Druck gesetzt werden, gar nicht gut. Aber hauptsächlich sind die Jugendspiele fein, weil so viele Journalisten dort sind, sagt Schröcksnadel. So kommen die Kinder zum Sport.
Aha. In den Medien hat sich der Journalistenauflauf bisher kaum niedergeschlagen. Selbst in den raren Vorberichten klangen Vorbehalte durch. Dabei wäre die Welt, in der Kindern und Teenagern (15 – 18 Jahre) das Leistungs-Erfolgs-Konkurrenz-Denken beigebracht wird, einen zweiten Blick wert. Zwar behaupten von ÖOC-Generalsekretär und Präsident Karl Stoss angefangen alle Funktionäre, dass Jugendspiele kein Brutkasten der Ellbogengesellschaft seien, aber das sind Verkäuferargumente. Es geht um Lokalegoismus – Innsbruck zum dritten Mal Gastgeber Olympias!
Für das Mittelding aus Pfadfinderlager und Schulsportwoche nimmt sich kaum ein guter Nachwuchssportler Zeit. Die haben andere Sorgen und Pläne. Die High Performer an Ort und Stelle stammen aus längst vergangenen Zeiten, Franz Klammer, Egon Zimmermann, aus 1964 und 1976, als die Olympische Idee Innsbruck aufsuchte. Der Segen wirkt bis heute, Innsbruck ist mit Abstand die fairste, sportivste Landeshauptstadt der Republik. Hier wird Dabeisein kultiviert und Friede und Verständigung gelebt.
Die Olympische Idee? In der verballhornten Fassung der Jugendwinterspiele heisst sie: „Teil sein ist alles.“ Baron Pierre de Coubertin kleisterte sie am Ausgang des 19. Jahrhunderts zum Ziele der Völkerverständigung aus antiken und zeitgenössischen Ideensplittern zusammen. Mittlerweile ist das fröhliche Miteinander der Nationen zu einem politisch missbrauchten und kommerziell ausgebeuteten Spektakel verkommen. IOC-Präsident Jacques Rogge, der sich in Tirol als Erzieher der Weltjugend präsentiert, behandelt die der Korruption verdächtigen IOC-Mitglieder, als wären sie ungezogene Kinder.
Es geht auch um eine Imagekampagne für das IOC. Es dehnt die Geschäftsidee „Wir erziehen die Jugend der Welt“ auf Kinder aus. IOC/Rogge zahlen den Verbänden die Spesen, und die nichts gegen einen Gratiskindergarten. Die Veranstaltung in Tirol kostet den Steuerzahler freilich immer noch rund 23 Millionen €. Aus der Gießkannes des Sportministers Norbert Darabos rinnen sieben Millionen € nach Innsbruck. Plus jede Menge Bundesheerler zur Systemerhaltung.
Irgendwann werden die tatsächlichen Kosten durchsickern. Aber das ist auch schon wurscht, das Triple A ist sowieso perdu und Investitionen in die Bildung sind nie falsch. Derzeit besiegen viele kleine Österreicher Gegner aus 70 Nationen. Die nächste Krise kann kommen. Das mit der Ethik und den Werten ist nicht so tragisch. Schießlich finanziert in Österreich das Glücksspiel den Spitzensport. Erfolg ist tatsächlich nicht alles, die Kohle muss schon auch stimmen.

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