Was der Erfolg leistet

Der Spitzensport ist die schlechteste Schule des Lebens, aber es gibt keine bessere. 2011 nährte die Zweifel, dass der Spitzensport und seine markantesten Figuren noch als Vorbild taugen. 2012 wird die Zweifel vertiefen.

Vor bald einem Jahr erfuhr Elisabeth Görgl, dass auch eine doppelte Weltmeisterin kein Star werden muss. Die Steirerin gewann in Garmisch-Partenkirchen den Super-G und die Abfahrt, zwei Bewerbe, die im Fernsehen einander zum Verwechseln ähnlich schauen, und dennoch ist sie so weit vom „Promi“-Status weg wie Walter Meischberger von einer Karriere als Politiker.

Der Spitzensport lebt von der Annahme, dass Leistung die Voraussetzung für den Erfolg bilde. Das mag in für die Ergebnislisten noch halbwegs glaubwürdig klingen, auch wenn die immer häufiger platzenden Dopingblasen eine andere Sprache sprechen. Aber nich einmal in diesem Bereich sorgen der Sport und seine Wertewächter für klare Verhältnisse, wie der Prozess und der mit krassen Widersprüchen gespickte Freispruch von Dinko Jukic bewiesen.

Der mediale Sektor castet seine Hauptdarsteller sowieso nach eigenen Maßstäben, Leistung gehört nicht dazu. Selbstbewusstsein, Lächeln, Oberflächlichkeit, Simplizität sind gefragt. Nicht Hermann Maier oder Anton Innauer sind die beliebtesten (Ex-)Sportler, sondern Hansi Hinterseer, der Sänger, der(live) gar nicht singen kann. Und für einen der meistbesprochenen Kicker 2011, Marko Arnautovic, gilt immer noch das Diktum von Peter Pacult: „Ohne dass dieser Bursche schon irgendwann einen Hydranten überspielt hat, hat er viel Lob bekommen. Er hat das noch nie irgendwo bewiesen.“

In einer Zeit, die darum ringt, nicht das letzte Quentchen an Leistungs- und verteilungsgerechtigkeit zu verlieren, wird der Sport, die Welt, in der angeblich Leistung direkt mit Entlohnung, Prestige und Arbeitsplatzsicherheit korreliert, auf Zeitungsseiten und Sendeplätzen groß gefeiert. Spitzen-Show-Sport ist ein idealer „Medien-Content“: emotional und national aufgeladen, mit klar erkennbaren Identifikationsfiguten, Helden und Verlierern wie aus dem Musterbuch Hollywoods, ausgestattet, liefert er vom Nationalteam bis zur Vierschanzentournee brandaktuelle Stories, die schon am nächsten Tag total unerheblich sind und Platz für die nächste Sensation machen.

In der Gerechtigkeitsgegenwelt Sport spielen Fast-Märtyrer wie Hans Grugger und sein fürchterlicher Sturz die undankbare Rolle, dass sie nicht für Leistung, sondern das Zerbrechen an ihr sprechen. Darum geht es in den Interviews mit ihm auch stets um die „Rückkehr“ in den Spitzensport. Das System ist heulig, nur der Mensch ist fehlerhaft. „Menschlichkeit“ ist im „Hochdruckkochtopf Spitzensport“ keine Kategorie. Wenn  Anton Innauer also wie zuletzt in einem Standard-Interview, mehr „Augenmaß“ einfordert, klingt das  naiv. Da Innauer aber nicht naiv ist, fürchtet er wohl zu Recht, dass dem Spitzensport seine Legitimation als ethisch-moralische Anstalt abhanden gekommen ist.

Die Fragwürdigkeit des Sport-Business wird blitzartig sichtbar, wenn es ums Geld geht. In einem Werbeclip kurvt ausgerechnet Hans Knauss, der ORF-Co-Kommentator, mit einem Audi durch eine unberührte Winterlandschaft. Haben sie keinen interessanten Skifahrer gefunden? Und was macht der Hochleistungsmensch in der Hochleistungskraxn im Tiefschnee? Schon was von Umweltbewusstsein, Ethik, Augenmaß, Respekt vor der Natur gehört? Machen Sportler für Geld alles? Die Leistungsgesellschaft Sport ist das Märchen, das sich die Erfolgsgesellschaft zur Gewissensberuhigung selber erzählt. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen darum reißen.

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Eine Antwort zu Was der Erfolg leistet

  1. jakob hofer schreibt:

    Teilweise sehr richtig.
    Danke Für heutige neue Impulse, auch im Besonderen bezüglich eines anderen Artikels – Mutmaßlichkeiten, Unaussprechbarkeiten, die ich mir zu einer neuen Wirklichkeit für mich verknüpfen kann bez weltkrieg, blackrock, elron, bushs, schwarzenegger, haider, stadion, hypo alpe adria, uff (spät für mich)

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