Magna, Mitarbeiter, Milliarden

Ein Besuch im Lannacher Werk von Magna Powertrain – Betriebsratsobmann Reidlinger erzählt von der Konzernstrategie

Auf dem Parkplatz ist kein altes, schäbiges, bemitleidenswertes Auto zu sehen. Lannach, Industriestraße 35: Magna Powertrain. Eines der ehemaligen Kronjuwelen Frank Stronachs. Hier hinterließ der ehemalige Unternehmer Stronach bei seinem Abschied von Magna dem werdenden Politiker Stronach eine Botschaft: einige deiner Thesen vom zurückfallenden, überverwalteten, wettbewerbsschwachen, unattraktiven, überbesteuerten Österreich sind nicht haltbar. Lannachs Auftragsbücher sind über 2020 hinaus voll, 1650 Mitarbeiter erwirtschafteten 2011 einen Umsatz von 685 Millionen Euro. Der Gewinn betrug 193.000 €.

Die gepflegte Atmosphäre in der Halle erinnert an einen Flughafen unter Schalldämpfer, inklusive der signalfarbenen Fahrstreifen auf dem gepflegten Boden. Hinter Absperrungen und Glas werken lautlose, computergesteuerte Automaten. Hie und da huscht ein staubfreier Arbeiter vorbei, blickt sinnend auf ein Schaltbrett, tippt behutsam einen Befehl in eine Tastatur oder hält leise Zwiesprache mit der Robotergruppe seines Vertrtauens.

Hinter den sieben selbsttätigen Werkbänken wohnt Betriebsratsobmann Alfred Reidlinger (65) in einem im Vergleich zum Maschinenschloss bescheidenen Anbau für die Bürokraten des Standortes. Reidlinger personifiziert den zweiten Grund für das Wohlbefinden der Mitarbeiter: sie schauen auf ihre Rechte und darauf, dass es dem Werk gut geht. Das eine funktioniert ohne das andere nicht, sagt Reidlinger. Der Grund für den schmalen Profit 2011 sei ein Grund zur Freude: „Hohe Investitionen, um die Aufträge abarbeiten zu können. Wir sind phasenweise 19 Schichten in der Woche gefahren.“

Einer Liste der Arbeiterkammer zufolge verdient ein Angestellter von Magna Österreich im Durchschnitt 14 mal 4760 € im Jahr, ein Arbeiter 2808. Der Durchschnittsverdienst in der österreichischen Fahrzeugindustrie  (Quelle: WKO) liegt bei Angestellten ein wenig höher (5488), bei Arbeitern ein wenig niederer (2473). Der Durchschnitt aller Gehälter liegt in der Fahrzeugindustrie (laut WKO) bei 3999 €, in der Papierverarbeitenden Industrie bei 3295 €, in der Mineralölindustrie bei 5277 € über alle Verdienstgruppen. Magna liegt durchaus im Mainstream der Arbeitgeber, aber nach 20 Berufsjahren in Pension gehen zu können, wie Stronach am Beginn seines Wahlwerbefeldzuges forderte, ist nicht drinnen.

Magna liefert Teile und assembliert Vehikel der gehobenen Preissparte. Während seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 der Absatz von Kleinfahrzeugen wegbricht, steigt die Nachfrage nach teuren Modellen und Marken unbeirrt wie der Marktwert der deutschen Fußballer. Der Politiker Stronach geriert sich als Vertreter des kleinen Mannes gegen die Politiker. Doch der Unternehmer Stronach  profitierte von der Umverteilung nach oben. Wie lange kann das noch gut gehen? Reidlinger nennt Gründe für Österreichs relative Krisensicherheit: „Wir haben in Österreich rund 90 Prozent der Beschäftigten im Kollektivvertrag, in Deutschland sind es schon weniger als 50 Prozent.“

Stronach hat schon einige Jahre lang mit dem Geschäft nichts zu tun, seine Vorzugsaktien hat er verkauft, man munkelt von einer Milliardenablöse in Dollar. Die von ihm eingeführte „Magna Charta“, derzufolge die Mitarbeiter am Gewinn beteiligt sind, gilt weiterhin. Vom globalen Konzerngewinn werden zehn Prozent vor Steuern an die Mitarbeiter ausgeschüttet, sechs Prozent ans Managment. Zwei Prozent spendet Magna sozialen Titeln, aus diesem Topf zahlte Stronach beispielsweise seine Zuwendungen an die Wiener Austria (1998 – 2007). Reidlinger erklärt die Berechnungsmethode: „jeder Mitarbeiter hat einen Faktor, im ersten Jahr eins im zweiten zwei. Ab dem dritten Betriebsjahr steigt er um ein Zehntel, im zwölften Jahr ist er drei, und damit am Plafond. Dann hat der Mitarbeiter die maximale Erfahrung und Ausbildung.“

2012 wurden an rund 100.000 Mitarbeiter von Magna International rund 120 Millionen $ verteilt. Und zwar so: Der Bruttobezug (gedeckelt mit 70.000 €/Jahr) wird mit dem persönlichen Faktor multipliziert und durch 100 dividiert. Ergibt den Punktewert des Magna-Mitarbeiters. Die 120 Millionen im Topf werden durch die Gesamtpunkteanzahl der Mannschaft dividiert, ergibt eine Dollarsumme pro Punkt. Die wird für jeden Einzelnen mit dessen Punktwert multipliziert.

Reidlinger: „Über den Daumen erhielt ein Mitarbeiter mit einem Bruttobezug von 5000 € pro Monat 2012 eine Gewinnausschüttung von 2500 €.“ Die Hälfte bar, die Hälfte in Magna-Aktien.

Als Stronach Steyr 1998 kaufte, scheint er ein Schnäppchen gemacht zu haben. Die Steyr-Fahrzeugtechnik wurde in ein neues, auf einer Lannacher Wiese errichtetes Werk, gesteckt: Powertrain. Bis dahin war Stronachs Konzern mit eher simplen Zulieferthemen wie Spiegeln, Türen und Dächern gut gefahren. Die Zukunft jedoch lag in der Hochtechnologie. Reidlinger: „Stronach hat sich ein ganz neues Geschäftsfeld gekauft.“ Die Republik Österreich machte Stronach den Deal (nach einer Schätzung des ÖGB) zusätzlich mit zwei Milliarden Schilling (145 Mio €) schmackhaft.

Die Fahrzeugtechnik schüttelt mittels Kunstgriffen wie Verzahnen, Aluminiumdruckguß, Verdrehung, Rundkneten, Laserschweißen Zahnräder, Wellen, Gehäuse, Triebsätze oder Ausgleichsgehäuse aus dem Werk. Stronach mag 10.000 Arbeitsplätze in Österreich geschaffen haben. Die heimische Ingenieurskunst scheint seine Alustanzbude in einen Hochtechnologiekonzern verwandelt zu haben.

Steyr-Betriebsrat Reidlinger zog nach Lannach und wurde Powertrain-Betriebsratsobmann. Das war nicht selbstverständlich. Als eine Mitarbeiterin einen Betriebsrat gründen wollte, verglich Stronach den ÖGB mit der Mafia, der man Schutzgeld zahlen müsse. Im Weizer Magna-Werk haben sie bis heute keinen Betriebsrat. Desgleichen in Sinabelkirchen, im Heavy Stamping-Werk in Albersdorf und in der Europazentrale in Oberwaltersdorf. Reidlinger: „Von 14.000 Magna-Mitarbeitern haben rund ein Zehntel keine gewerkschaftliche Vertretung.“ Mit Magnas langjährigem Europa-Chef Siegfried Wolf scheint Reidlinger sich verstanden zu haben. Reidlinger: „Dem Sigi Wolf war klar, dass ein guter Betriebsrat gut für das Werk ist.“

Der Betriebsrat überzeugte Wolf, Forschung und Entwicklung („Engineering“) nach Lannach zu holen. Reidlinger: „Sonst wären wir heute nur mehr eine verlängerte Werkbank.“ Als Magna einen großen Auftrag von Chrysler abwickeln wollte, kaufte Stronach ein Werk in Syracuse (USA). Die Ingenieure dort seien im Vergleich zu „unseren Ingenieuren bestenfalls Belistiuftspitzer“ meint Reidlinger. Das Werk in Syracuse wurde binnen weniger Jahre nach Mexico übersiedelt, in Lannach hingegen floriert die Powertrain-Zentrale.

Wenn die Amerikaner aus der Magna-Zentrale aufkreuzen, wollen sie zuerst nach Lannach. Derzeit jucke sie wieder der Hafer der Zentralisierung, sagt Reidlinger. Und wenn sie dann kommen, die Rationalisierer und Verschlanker? Reidlinger: „Dann sag ich, stellts erst alles ab, was kostet und nix bringt. Dann stellts alles ab, wass mehr kostet, als es bringt. Und dann glaub ich nicht, dass wir einen zu viel haben.“

Dieser Beitrag wurde unter Die Presse abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Magna, Mitarbeiter, Milliarden

  1. frizzdog schreibt:

    ich glaube, es ist zeit für ein österreich-update zum Strohsack!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s