Die Sprache des Erfolges

Hinter der Selbstkritik des ÖFB-Teams und seines Trainers lauert ein Abgrund an Ratlosigkeit. Ein sprachkritischer Exkurs über Fußballerfloskeln

Wer verstehen will, was ÖFB-Nationalspieler, Betreuer und Experten wirklich meinen, wenn sie ein Ländermatch nachbearbeiten, muss ein Ohr für die Zwischentöne und die Neigungswinkel der Kettenkonjunktive entwickeln. Gegen einen „tief stehenden“ (= defensiven) Gegner wie Kasachstan ist kein Platz für schnelle Angriffe wie gegen Deutschland. Kollers Platitüde: „Die Kasachen sind mit neun Mann hinten gestanden. Da war es schwierig, die Räume zu finden.“ Das hätte er vorher wissen und geeignete Maßnahmen einleiten müssen. Statt des hurtigen Harnik wäre ein kopfballstarker Zentralstürmer  wie Janko von Beginn an eine vife Personalentscheidung gewesen.

Koller aber brachte Janko erst in der zweiten Halbzeit, doch seine Wirkung blieb bescheiden, auch mangels Flanken. Flugs deutete Koller sein Versäumnis in eine gelungene Coaching-Maßnahme um: „In der zweiten Hälfte sind wir mit langen Bällen zu Möglichkeiten gekommen.“ Er hatte mit der Mannschaft offenbar keine Corner und Freistöße geübt, denn die gingen alle schief.

Je länger die sprachtherapeutische Aufarbeitung des Ausflugs nach Astana dauert, desto deutlicher wurden die widrigen Umstände herausgearbeitet. Koller: „Der Kunst rasen war gewöhnungsbedürftig, ein Training auf diesem Pplatz war zu wenig.“ Wen Zlatoko Junuzovic, der in der deutschen  Bundesliga spielt, Corner schoss, kam er „nicht richtig unter den Ball“ meinte Koller. Unglaublich, aber er meint das ernst.

Junuzovic widersprach. „Es war nicht der Kunstrasen“, sagte er, „wir müssen das Tor machen.“ Stimmt, er selbst versemmelte zwei Hundertprozentige. Weil ihm die Fähigkeit dazu fehlt, deshalb spielt er bei Bremen im defensiven Mittelfeld.  Nach dem Match hatter Junuzovic über die spielzerstörerischen, zeitschindenden Kasachen gejammert wie ein kleines Kind.

Gegen einen Gegner, der sich verbarrikadieren würde, hätte man auf den Seiten Überzahlsituationen erzeugen können. Doch der linke Außendecker Christian Fuchs tat wieder einmal nicht, was er bei Schalke so gut tut, und dem rechten Außenpracker Garics fehlt die Klasse. Statt Mängel zu benennen blieb Koller auf Phrasen sitzen. Koller: „Es war das erwartet schwierige Spiel.“ Aha, das wusste er also. „Wir sind in der ersten Hälfte“ – wahrscheinlich meinte er Halbzeit – „nicht so gut nach vorne gekommen, haben aber trotzdem die eine oder andere Chance gehabt.“ Die Spielfanlage Zufall war eh lieb, leider hat sie das Match für die Österreicher nicht heimgespielt.

Marco Arnautovic fehlt offenbar die Spielintelligenz. Gegen Deutschland verhaute er eine 10.000-Prozent-Chance. Gegen die Kasachen verlor er regelmäßig den Ball, um anschließend angefressen stehen zu bleiben. „Sein Weg ist noch nicht zu Ende“, offenbarte Koller. Mag sein. Die Frage ist nur, ob das Nationalteam der geeignete Platz ist, um einem Fußballer die Grundbegriffe seiner Arbeit beizubringen. Bis zum Beweis des Gegenteilsgilt Peter Pacults Urteil : „Ohne dass dieser Bursche schon irgendwann einen Hydranten überspielt hat, hat er viel Lob bekommen.“

Nach der bekannten Kontroverse mit dem Teamchef hat der aus der Nationalmannschaft ausgeschlossene Paul Scharner gemeint, im ÖFB hätten sie Koller „weich geklopft wie ein Schnitzel. Jetzt müssen sie ihn nur noch panieren, dann ist er ein richtiger Österreicher.“ Kollers Analysen widerlegen Scharners Beschreibung nicht.

Hoffentlich klappt vor dem Qualifikationsmatch am Dienstag die Umstellung auf den Naturrasen. Falls nicht, könnte eine plausible Erklärung lauten: „Auch das Happel-Stadion ist nur ein Mensch.“

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