Kitzbühels Nebenwirkungen können ihre Gesundheit gefährden

Skirennen wie in Kitzbühel locken die Menschen zum Skisport oder zu einer Party. In Deutschland wird Bewegung per Rezept verschrieben. Eine Rettungsaktion für Fans?
Die Menschen, die sich in und um Kitzbühel am heftigsten bewegten, waren die menschlichen Neuschneefräsen auf der Streif und die Wolken über dem Ort. Didier Cuche und die anderen Skirennläufer hatten es nach kaum eineinhalb Minuten hinter sich. Irgendwann werden sie eine Abfahrt auf die unbedingt notwendigen halsbrecherischen Passagen verkürzen, quasi TV-Spot-Länge, 30, 40 Sekunden. Bleibt mehr TV-Zeit für lustige Hüttenwirtinnen, urlustige Promi-Rennen und den volllustigen Arnie. Der Grundwiderspruch des Spitzensports: Bewegungsluxus für wenige, Couch und Party für Viele.
Wenn die Sportstars fertig haben löst sich die katatonische Starre der Schaulustigen, und an anderen Wettkampfstätten (VIP-Zelte der Kategorie I bis V, Ö3-Disco, Discotheken, Bars, Schnapshütten) beginnt die Simultankombination aus Trinken (Bier), Essen, Trinken (Energy-Drink plus Alk), Tanzen und Trinken (Bier plus Energy-Dink mit Alk). Kitzbühel gilt als globaler Höhepunkt der Winterkombination. Dort findet nach den Worten des Sporthistorikers Rudolf Müllner im „Standard“ ein „Todesbewältigungsritual“ statt und wer einmnal mitgemacht oder die (knapp) Überlebenden am nächsten Morgen gesehen hat, wird mit brummendem Schädel dankbar zustimmen.
Als der Engländer Sir Arnold Lunn 1920 die FIS überzeugte, den Slalom und die Abfahrt in das von nordischen Disziplinen dominierte Wettkampfprogramm aufzunehmen, hätte er sich solch herrliche Partys nicht träumen lassen. Sir Lunn war ein Asket und Purist, Sport war ihm Selbstzweck. Der Gedanke, ihn für die nationale Erbauung, den Umsatz von Alkohol oder die Gesundheit einzuspannen, war ihm fremd. Heute werken Spitzensportler als Werbeclowns für die träge Masse und vielleicht wäre der alpine Skisport ohne Toni Sailer, Franz Klammer und Hermann Maier nicht zu einer Massenbewegung und Industrie geworden.
Die Deutschen, immer ein Vorbild, haben angesichts der ambivalenten Vorbildwirkung der Showsportler reagiert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), die Bundesärztekammer und die Gesellschaft für Sportmedizin erarbeiteten ein „Rezept für Bewegung“. Wer es befolgt, stärkt Herz und Muskeln, verbessert die Koordination, entspannt sich und spart Medikamente. Der Verdacht liegt nahe, dass Fanatiker des Ski- und Fußballsports so ein „Bewegungsrezept“ dringend brauchen.
Selbst in Österreich hat sich einerseits die Gefahr der Spitzensportpartys und andererseits die wohltuende und kostensenkende Wirkung von körperlicher Aktivität herumgesprochen. Laut einer Information der Sozialversicherung der Gewerblichen Wirtschaft erspart sich jemand die Hälfte des Selbstbehaltes beim Arzt, sobald er fünf „Gesundheitsziele“ erreicht. Nicht zu viel Kilo auf den Hüften, Blutdruck und Alkoholkonsum unter Kontrolle, nicht rauchen und ein bisserl Bewegung (zu Fuß zur Arbeit und zum Kühlschrank gehen, Aufzug und Rolltreppe meiden).
Wer den präventiven Grundgedanken weiter spinnt, wird den Besuch einer Party wie das Skifliegen am Kulm oder die Abfahrt in Kitzbühel für einen Verstoß gegen die neue Gesundheitspolitik der Sozialversicherung halten. Selbst wenn Didier Cuche Tausende Menschen von der Schönheit des blindfliegenden Carvings überzeugt. Eines der „Gesundheitsziele“ müsste also der Verzicht auf Rapid-Spiele oder Skiklassiker sein. Wegen eventueller Nebenwirkungen in ihrem familiären oder beruflichen Umfeld kontaktieren sie Arzt oder Apotheker.

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